Berlin - Um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen, hat sich der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, für einen späteren Renteneintritt ausgesprochen. Es gelte, die Rahmenbedingungen für flexible Altersübergänge zu verbessern, sagte der BA-Chef der „Welt“. „Man sollte nun auch Anreize dafür setzen, dass Arbeitnehmer, die fit sind, freiwillig bis 70 arbeiten können“, betonte Weise. Nach der Rente mit 63, die im vergangenen Sommer umgesetzt worden war, müsse die Bundesregierung nun am anderen Ende der Altersspanne ansetzen, um dem Arbeitskräftebedarf Rechnung zu tragen.

Mit seinem Vorstoß greift Weise Forderungen aus der Wirtschaft auf, dem absehbaren Nachwuchsmangel in zahlreichen Berufen durch weitere Flexibilisierungen des Altersübergangs vorzubeugen. Nach einer am Freitag veröffentlichten Untersuchung im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums werden in den kommenden 15 Jahren allein in 139 „Engpassberufen“ rund 2,1 von 6,7 Millionen Fachkräften in den Ruhestand gehen, ohne dass ausreichend Nachwuchs in Sicht wäre. Hintergrund dieser Entwicklung ist der bevorstehende Renteneintritt der geburtenstarken Baby-Boomer, der durch zahlenmäßig schwächere Nachfolge-Jahrgänge nicht kompensiert werden kann. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung hatte bereits 2011 einen Rückgang von 6,5 Millionen potenzieller Arbeitskräfte bis 2025 vorhergesagt.

„Albtraum für den Mittelstand“

Zudem erfreut sich die im vergangenen Sommer eingeführte abschlagsfreie Rente mit 63 einer unerwarteten Beliebtheit. Bis November 2014 wurden 186 000 Anträge gestellt – und damit fast doppelt so viele, wie von der Bundesregierung angenommen. Jüngsten Hochrechnungen zufolge werden die zusätzlichen Ausgaben für die 63er-Regelung bis 2018 daher nicht wie veranschlagt 8,9 sondern 13,5 Milliarden Euro betragen. Im Ergebnis führt der Ansturm auf die Rente mit 63 aber nicht nur zu steigenden Belastungen für die Rentenkassen, sondern auch zu einer weiteren Verschärfung des Arbeitskräftemangels.

Vor diesem Hintergrund hatte der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, den Fachkräftemangel kurz vor Jahreswechsel als „Albtraum für den Mittelstand“ bezeichnet.