Berlin - Am Ende war er nicht der gewünschte Parteivorsitzende, aber er war der perfekte Verlierer. „Jetzt ist die Zeit des Wettbewerbs innerhalb der CDU beendet“, sagte Norbert Röttgen nach der Wahl. Jetzt gelte es, gemeinsam in die Zukunft zu schauen. Im Klartext bedeutet das: Richtung Bundestagswahl.

Für den Außenpolitiker war die Hochspannung zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile vorbei, nach dem ersten Wahlgang landete er auf Platz drei, während sich Friedrich Merz und Armin Laschet mit 385 und 380 Stimmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten.

Röttgens Ausscheiden kam nicht völlig überraschend, war er doch als klarer Außenseiten ins Rennen gegangen, auch wenn die Zustimmung für den Kandidaten aus dem Rhein-Sieg-Kreis zuletzt gestiegen war. Am Ende war er den Delegierten dann wohl doch zu neu, zu grün, zu zukunftszugewandt.

Mit ihrer Wahl für Armin Laschet, der sich in der Stichwahl mit 521 zu 466 Stimmen durchsetzen konnte, spielten die Wahlmänner und -Frauen auf Sicherheit, steht der Aachener doch wie kein anderer für die Fortführung des Merkel-Kurses der Mitte.

Dem strahlenden, frisch gewählten Bundesvorsitzenden der CDU sicherte Röttgen dann auch sofort seine volle Unterstützung zu – eine Geste, die von Friedrich Merz nicht kam, und womöglich auch nicht erwartet wurde. Für Merz war diese Niederlage besonders bitter. Nach 2018, wo er das Rennen gegen Annegret Kramp-Karrenbauer verloren hatte, musste er sich im Kampf um den Parteivorsitz erneut geschlagen geben – dass er es ein weiteres Mal versuchen wird, steht nicht zu vermuten. Röttgen hingegen ließ sich – ganz Teamplayer – ins Präsidium der CDU wählen.

Dass Merz in der Stichwahl gegen Armin Laschet den Kürzeren gezogen hatte, war keine Sensation; Merz hätte sich weit von seinem Aachener Konkurrenten absetzen müssen, um die Stimmen auszugleichen, die voraussehbar an ihn gehen würden – es war abzusehen, dass die Röttgen-Befürworter eher ins Laschet-Lager wechseln würden.

Armin Laschet inszeniert sich als Integrierer

In seiner Vorstellungsrede am Sonnabendvormittag hatte Armin Laschet sich ganz auf seine Rolle als Versöhner und Integrierer konzentriert.

Der amtierende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen erinnerte dabei an seinen Vater, der sich als Bergmann auf seine Kumpel verlassen können musste – egal, woher sie kamen. Übertragen auf das Amt des CDU-Vorsitzenden konnte man das durchaus als Bekenntnis verstehen, den liberalen Kurs seiner Vorvorgängerin und jetzigen Kanzlerin fortzuführen. Zumal Laschet sich am deutlichsten von allen Kandidaten gegen die Gefahr von Rechtsaußen positionierte: Er erinnerte an das rechtsextremistische Attentat auf den Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und verurteilte den Sturm rechter Kräfte auf das Kapitol in Washington. „Polarisieren kann jeder, wir müssen Klartext reden und Kompromisse finden“, rief Laschet. So mancher hätte derlei wohl eher von Norbert Röttgen erwartet, der mit einer eher uninspirierten Rede enttäuschte.

Friedrich Merz wiederum war in seiner Vorstellungsrede auf Konfrontationskurs gegangen, hatte sich einen Seitenhieb in Richtung Annegret Kramp-Karrenbauer geleistet und wieder einmal seinen Ruf untermauert, kein Gespür zu haben, wenn es um frauenpolitische Fragen geht: „Wenn ich wirklich ein ‚Frauenproblem‘ hätte, wie manche sagen, dann hätten mir meine Töchter längst die gelbe Karte gezeigt – und meine Frau hätte mich nicht vor 40 Jahren geheiratet“, sagte Merz angriffslustig – was im Netz nicht nur von weiblichen Nutzern sogleich ungläubig bis spöttisch kommentiert wurde.

Die ehemalige Siemens-Vorständin Janina Kugel etwa schrieb bei Twitter: „Was Frauenpolitik (allein schon dieser Ausdruck!) mit der Ehefrau und Tochter zu tun hat, kapiere ich nicht … aber ich bin ja auch nur eine Frau. #Merz #2021.“ Auch SPD-Europapolitikerin Katerina Barley kommentierte die Merz-Äußerung auf Twitter kritisch.

Einen etwas sonderbaren Auftritt leistete sich allerdings auch Armin Laschets Sozius Jens Spahn: Bei der Fragerunde, die auf die Vorstellung der drei Kandidaten folgte, meldete sich der Bundesgesundheitsminister zu Wort – allerdings nicht um eine Frage zu stellen, sondern um die Zeit zur Unterstützung für seinen Team-Kollegen zu nutzen. In den Reihen der Delegierten wurde das als Fauxpas gewertet.

Ob der Werbeblock Armin Laschet am Ende genutzt oder geschadet hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen – jedenfalls reichte das Ergebnis für einen Sieg, der nicht so knapp war, wie viele Merz-Unterstützer es wohl gerne interpretieren wollten. Spahn selbst bekam bei seiner Wahl zu einem der stellvertretenden CDU-Vorsitzenden die wenigsten Stimmen aller fünf Kandidatinnen und Kandidaten – wer mochte, konnte das als Denkzettel interpretieren.

Und damit war der spannende Teil des Parteitages dann auch vorbei, eines Parteitages, der trotz kleinerer technischer Pannen und – nach Aussage von Generalsekretär Paul Ziemiak – erfolgreich abgewehrten Hacker-Angriffen durchaus als Erfolg gewertet werden kann. Zwar fehlte es naturgemäß an Stimmung, im Gegenzug erwies sich die digitale Parteitagsversion aber als extrem effizient. So gingen die Wahlgänge (die Abstimmung muss noch in Briefform bestätigt werden), so fix vorbei, dass die Medienanstalten Mühe hatten, zwischendurch rechtzeitig ihre Eilmeldungen abzusetzen.

Das Rennen um die Kanzlerkandidatur ist offen

Wie es nun weitergeht mit der CDU ist freilich offen. Die große Kehrtwende in die eine oder andere Richtung ist mit der Wahl Armin Laschets erst einmal abgewendet. Wer das Rennen als Kanzlerkandidat für sich entscheidet, ist damit aber noch lange nicht ausgemacht. Neben Laschet dürfte sich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder warmlaufen. Für SPD und Grüne wird es durch Laschets Wahl nicht leichter werden. Ein Friedrich Merz als CDU-Vorsitzender und potenzieller Kanzlerkandidat hätte einen deutlichen Kontrast zu Merkels Mitte-Kurs bedeutet und für den Bundestagswahlkampf ein effektives Feindbild ergeben – doch das ist Schnee von gestern.

Dass Friedrich Merz sich völlig aus dem politischen Rampenlichts verabschieden wird, ist nicht zu erwarten, das machte der Verlierer des Tages sogleich deutlich, indem er erklärte, gerne ab sofort das Wirtschaftsministerium zu übernehmen. In seinem Hang zum Einzelkampf blieb Merz eben Merz treu.

Fürs Team-Gefühl sorgte dann der (vorerst) frisch gewählte neue CDU-Vorsitzende, indem er am Ende des Parteitages dazu aufrief, die aktuellen Probleme im Land nicht aus dem Blick zu verlieren, zumal schon am Dienstag der nächste Corona-Gipfel der Landeschefinnen und -chefs ansteht. „Viele Menschen draußen interessiert nicht, wer CDU-Vorsitzender ist, die interessiert, wie wir gut durch diese Pandemie kommen“, sagte Laschet an die Zuschauer im virtuellen Raum gewandt. „Deshalb müssen wir alle, die Kommunalpolitiker, die Landespolitiker, Bundespolitiker, die Ministerpräsidenten, die Kanzlerin in den nächsten Tagen alle Kräfte auf diese Aufgabe lenken.“

Da war er wieder, der Versöhner, der alle ins Boot holen will.