Berlin - Unglaubliche 16 Jahre lang regierte eine Ostdeutsche die Bundesrepublik. Angela Merkel hat im politischen Alltag das Ostdeutsche nicht ständig herausgestellt, ebensowenig ihr Frau-Sein – gleichwohl spielte beides immer eine Rolle. Bald endet diese diskrete Anwesenheit ostdeutscher Art  – und zwar gründlich. Die CDU ist dabei, sich nahezu vollständig auf den Westen zu reduzieren. Mehrere Entwicklungen belegen das.

Erstens: Die Union steht im ganzen Land inhaltlich ausgezehrt und personell verbraucht da, im Osten aber ganz besonders. Am 6. Juni wählt Sachsen-Anhalt ein neues Landesparlament, die CDU liegt bei schlappen 26 Prozent, die AfD knapp dahinter. Ministerpräsident Reiner Haseloff schlottern vor Angst die Knie. Aus der Kraft der eigenen Landespartei heraus ist keine Rettung zu erwarten.

Die Ossis schaffen es nicht allein

In seiner Not ruft er ein Wahlkampf-Hilfsbataillon herbei: voran Friedrich Merz und Markus Söder, aber auch Armin Laschet, Julia Klöckner, Peter Altmaier, Annegret Kramp-Karrenbauer zählte er zuletzt in einem FAZ-Interview auf, die „große Unionsfamilie“. Alle aus dem Westen – mit eigenem Personal kann Haseloff nicht glänzen. Nebenan sank die südthüringische CDU im Wahlkreis 196 vor Hans-Georg Maaßen auf die Knie und entschied sich, den Rechtskonservativen aus dem äußersten Westen von NRW als ihren Direktkandidaten für die Bundestagswahl zu nominieren.

Angesichts von so viel Kapitulation vor der eigenen Kraftlosigkeit und freiwilliger Unterwerfung unter Westimporte klingen die Klagen über die Abwesenheit von Ostdeutschen in politischen Spitzenpositionen ziemlich hohl.

Laschet-Team ohne Kompetenz im Osten

Zweitens: Im neuen CDU-Führungsteam um Armin Laschet drängeln sich lauter Leute ohne jede Ost-Affinität, geschweige denn Ost-Herkunft. Und das ist langfristig ernster als ein West-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt. Armin Laschet selber steht mit seinem ganzen Leben da als der personifizierte Westen. Das ist kein Vorwurf, und das sagt nichts über seine Qualifikationen und Qualitäten als Politiker. Aber es ist eine Tatsache, und die darf beschrieben werden, wenn es um den möglichen Bundeskanzler geht - es muss nämlich vor der Wahl darüber diskutiert werden, was das für den Osten und für das ganze Land bedeutet.

Von Laschets Geburts- und Wohnort Aachen kann man mit dem Vorortbus nach Holland fahren. Laschet ist Katholik, eine Spezies, die in der ehemaligen DDR Seltenheitswert hat. Sein Abitur machte er auf einem reinen Jungengymnasium – aus Ostsicht eine Art bespieltes Museumsdorf. Laschets konservativ-katholisches Umfeld lebt auf einem anderen Planeten als der heidnische Osten. Das Reich seines mutmaßlichen Urahns Karl der Große endete an der Elbe.

Laschet: Osten mit Erziehungsdefizit

Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich Armin Laschet für die Gegend, wo von Westen aus gesehen Sibirien beginnt, jemals interessiert hat. Es war nicht wichtig im 17-Millionen-Einwohner-Land NRW. Hat er mal Urlaub gemacht im Osten? Im Herbst war er mit Haseloff in Wittenberg, Dessau und Naumburg. Im Spiegel stand, Laschet habe auf die Frage eines Softeisverkäufers, ob er Ossi oder Wessi sei, geantwortet: „Mehr Wessi geht nicht.“

Laschets politische Karriere spielt vollständig im Westen – von den neuen Bundesländern, von den Umbrüchen, Spannungen, besonderen Konflikten und Mentalitäten hat er erschreckend wenig Ahnung. Vor fünf Jahren bewies er das schon bei „Hart aber fair“, wo er mit Blick auf den Osten feststellte: „Ganze Landstriche haben nicht gelernt, Respekt vor anderen Menschen zu haben.“ Es gebe da wohl ein „Erziehungsdefizit“. Oha. Selbst in jenen angespannten Pegida-Zeiten hat sich kein Politiker seiner Kategorie so dumm über den Osten geäußert.

Kein Interesse am Osten

Seine Ost-Defizite kann er ausgleichen, vielleicht auch seine Vorurteile überwinden – schon ehrliches Interesse wäre schön. Und ein Team von Frauen und Männern, die den nicht ganz unerheblichen Teil der Bundesrepublik besser verstehen als der Chef. Da wohnen – Berlin mitgerechnet - übrigens ungefähr so viele Leute wie in NRW.

Seit er Parteivorsitzender ist, immerhin fast vier Monate, fiel er nicht durch gesteigerte Ost-Zuwendung auf. Seit er Kanzlerkandidat ist, auch nicht. Gut, reisen ist schwierig in Corona-Zeiten, und inzwischen weiß er in einer Talkshow zu sagen, für die Kohlereviere im Osten sei der Ausstieg aus den fossilen Energien schwieriger. Aber von Ost-Kompetenz ist im Team Laschet nichts zu sehen. Immerhin sagt er, es müssten „Persönlichkeiten aus ganz Deutschland“ dabei sein, nicht nur welche aus NRW. Gucke an.

Die Wählerschaft im Osten hat ein Recht auf mehr.