Berlin - Ganz allein steht Laschet im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses. Das ist natürlich der Pandemie geschuldet, aber dennoch wirkt er klein neben dem mannshohen Schriftzug der Partei. Laschet will sich kämpferisch zeigen, den Aufbruch ankündigen. Es soll an diesem Dienstagvormittag um die Zukunft gehen: Der CDU-Vorsitzende gibt mit einer Grundsatzrede den Auftakt für seine Partei, die nun am Wahlprogramm arbeitet. Laschet will Zuversicht vermitteln, er kündigt ein Jahrzehnt der Modernisierung an. Das soll gleich im September beginnen, nach einem Wahlsieg der Union mit ihm als Kanzlerkandidat.

Doch noch ist es längst nicht soweit. Selbst an diesem Dienstagvormittag muss sich Laschet erst einmal wieder mit der verdammten Pandemie befassen und den vielen, vor allem selbstverschuldeten Problemen, die sich seine Partei damit eingehandelt hat. Und vom Konkurrenten aus München kommen dann auch noch Querschüsse.

„Wir können es besser“, sagt Laschet gleich zu Beginn seiner Rede. Auch das ist schon mal programmatisch zu verstehen, bezieht sich aber vor allem auf den „Egoismus in den eigenen Reihen“, der sich in den vergangenen Wochen an dubiosen Geschäften einiger Abgeordneten, dubiosen Lobbytätigkeiten oder einfach nur Instinktlosigkeiten festmachte.

Dann geht es weiter: Verwaltung digitalisieren, Wirtschaftswachstum durch klimafreundliche Investitionen und ein geeintes Europa sind die Punkte, die Laschet für das Wahlprogramm aufzählt. Er will ein „Land der Macherinnen und Macher“ und keine ideologiegetriebene Politik, wie er sie bei SPD, Grünen und Linken ausmacht. „Chancen eröffnen, das ist die Republik, von der ich träume“, sagt Laschet in seiner rund zwanzigminütigen Rede. Sie ist der Auftakt zu den entscheidenden Wochen für den Wahlkampf: Zwischen Ostern und Pfingsten will die Union entscheiden, wer ihr Kanzlerkandidat wird.

Offiziell dafür beworben hat sich noch niemand, dennoch ist klar, dass das wohl zwischen Laschet und dem CSU-Vorsitzenden Markus Söder abgemacht wird. Der hat zumindest anfangs immer erklärt, dass er als Ministerpräsident in Bayern gebraucht werde. Aber es steht außer Frage, dass er sich den Job im Kanzleramt zutraut. Doch NRW-Ministerpräsident Laschet, der im Ringen um die beste Pandemie-Politik oft im Schatten seines bayerischen Amtskollegen stand, hat wichtige CDU-Landesverbände auf seiner Seite. Womöglich verliert Söder auch die Lust, wenn die Union weiter in ihrem Umfragetief verharrt. Die Sache bleibt spannend.

Streit in der Union: Markus Söder stichelt gegen Laschet

Am Dienstag jedenfalls ließ Söder es sich nicht nehmen, ein bisschen von der Seitenlinie zu stänkern. „Ich finde es sehr seltsam, wenn der CDU-Vorsitzende mit der CDU-Kanzlerin ein halbes Jahr vor der Wahl streitet“, erklärte er auf einer Pressekonferenz. Und formulierte damit die ganze Krux in einem Satz, das Dilemma nämlich, neben oder auch gegen die CDU-Kanzlerin Wahlkampf machen zu müssen, um sich selbst zu profilieren.

Merkel selbst hatte die jüngsten Auseinandersetzungen befeuert, als sie sich am Sonntagabend im Fernsehen zur Pandemiepolitik von Bund und Ländern befragen ließ. Explizit auf ihren Parteifreund Laschet angesprochen, antwortete Angela Merkel, dass es sie „nicht mit Freude erfüllt“ wie in Nordrhein-Westfalen auf die hohen Infektionszahlen reagiert werde. Sie zählte zwar dann auch gleich das SPD-geführte Berlin an, aber der Parteistreit war doch im Gange.

Prompt verwahrte sich Laschet gegen die Kritik aus dem Kanzleramt und gegen jene aus München gleich mit. Aus der desaströsen Ministerpräsidentenkonferenz in der vergangenen Woche war somit unversehens ein innerparteilicher Streit in der Union entbrannt. Schließlich meldete sich auch der Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Ralph Brinkhaus, zu Wort und mahnte alle Beteiligten, ihr Ego mal ein bisschen runterzufahren.

Das wäre ein weiser Ratschlag, wenn nicht gerade in der Bundestagfraktion der Union einige der größten Problemverursacher gesessen hätten. Die Affären um dubiose Maskengeschäfte der Abgeordneten Nikolas Löbel, Georg Nüßlein und Mark Hauptmann haben das Vertrauen in die Politik der CDU mindestens ebenso erschüttert wie die verkorksten Impf- und Teststrategien. Schon gibt es die nächsten Schlagzeilen über den Abgeordneten Roy Kühne. Und der Berliner CDU-Politiker Niels Korte sagte Anfang der Woche seine Kandidatur für den Bundestag vorsichtshalber ab.

Der Rheinländer Armin Laschet erfand für die Situation am Dienstag einen interessanten Begriff. Die  CDU, so sagte er, habe sich schon immer „als Partei der schöpferischen Unruhe erwiesen“.