Berlin. Wieder ein Rekordjahr. 13,2 Millionen Menschen leben dem neuen Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtsverbands zufolge in Deutschland in Armut. Das sind 15,9 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen. Im Jahr 2018 waren es 0,4 Prozentpunkte weniger. „Die Armut im wiedervereinten Deutschland hat einen neuen historischen Wert, ein Rekordhoch erreicht“, sagte der Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider bei der Pressekonferenz am Freitag.

Als arm gilt, wer monatlich unter 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Eine alleinstehende Person ist demnach arm, wenn sie mit weniger als 1075 Euro im Monat auskommen muss. Ein alleinerziehendes Elternteil mit zwei kleinen Kindern steht mit 1718 Euro an der Armutsschwelle. 

In Ostdeutschland, einschließlich Berlin, ist die Armut bis 2018 sukzessive gesunken. Während 2005 noch jeder Fünfte (20,4 Prozent) in Armut lebte, waren es 2018 nur noch 17,4 Prozent. Im vergangenen Jahr stieg der Wert erstmals wieder um 0,4 Prozentpunkte an. Der Trend zur Abnahme ist somit gestoppt. Im Westen der Republik hingegen stieg die Armut durchgehend seit 2005 von 13,2 Prozent auf 15,4 Prozent. Damit haben sich die Armutsquoten einander angenähert.

Groß bleibt hingegen das Nord-Süd-Gefälle. Schneider bezeichnet Deutschland als „regional und sozial zerrissen“. Länder mit der geringsten Armutsquote sind Bayern (11,9) und Baden-Württemberg (12,3). Die mit Abstand höchste Armutsquote verzeichnet die Hansestadt Bremen. Fast jeder vierte Einwohner (24,9) fristet dort ein spärliches Dasein.

Insbesondere junge Leute sind von Armut betroffen. So ist jeder vierte Arme zwischen 18 und 25 Jahre alt. Der Zudem sind besonders Haushalte Alleinerziehender vom Mangel betroffen, sie machen 43 Prozent der Haushalte aus. Zudem hat mehr als jede dritte von Armut betroffene Person keine deutsche Staatsangehörigkeit. Durch die Corona-Krise würde sich die Armut noch einmal verstärken. „Corona trifft ökonomisch nur eine Minderheit“, sagte Schneider. Insbesondere Erwerbstätige mit niedrigem Einkommen seien stark betroffen.

Der Wohlfahrtsverband fordert deshalb nur eines: „Es klingt banal, aber dagegen hilft Geld“, sagte Schneider. Ein Existenzminimum in Höhe von 644 Euro nebst Wohnkosten solle ein alleinstehender Erwachsener erhalten, arbeitslos gewordene Deutsche genauso wie erst heute eingereiste Asylbewerber. Damit würde die Einkommensarmut quasi „besiegt“ sein. Sven Lehmann, Sprecher für Sozialpolitik der Grünen, bezeichnet den Bericht als „sozialpolitisches Trauerspiel.“ „Wir wollen Hartz IV überwinden und durch eine sanktionsfreie Garantiesicherung ersetzen, die Teilhabe sicherstellt.“