Die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt unübersehbar in Deutschland zu.
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In Berlin sind so wenig Menschen von Armut gefährdet wie seit mindestens zehn Jahren nicht mehr. Dennoch gehört die Hauptstadt zu den vier Bundesländern mit der höchsten Armutsgefährdungsquote. So das zwiespältige Ergebnis des Armutsberichts, den der Paritätische Wohlfahrtsverband am Donnerstag in Berlin vorstellte.

Die Armutsgefährdungsquote lag demnach in Berlin im vergangenen Jahr bei 18,2 Prozent und damit 0,5 Prozent unter dem Wert von 2008. Im vergangenen Jahr erreichte das Armutsrisiko noch 19,2 Prozent. Damit aber gehört die Bundeshauptstadt der Statistik zufolge zu den vier Bundesländern mit der höchsten Armutsgefährdungsquote.

Nur in drei Bundesländern übertrifft das Armutsrisiko Berlin

Lediglich in Sachsen-Anhalt (19,5 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (20,9 Prozent) und Bremen (22,7 Prozent) war das Armutsrisiko höher. Das bundesweite Niveau liegt bei 15,5 Prozent. Das Bundesland mit der geringsten Quote ist Bayern (11,7 Prozent). Dem Ranking zufolge seien Menschen im Osten weiterhin häufiger von Armut betroffen als im Westen, erklärte der Paritätische Wohlfahrtsverband.

Armut wird in Deutschland über das Haushaltseinkommen und die daraus folgenden Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe definiert. Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet. Für die Armutsquote wurden dem Bericht des Paritätischen zufolge alle Personen gezählt, die in Haushalten leben, deren Einkommen diese Grenze unterschreitet. Basis waren unter anderem bereits veröffentlichte Daten des Statistischen Bundesamts.

Ruhrgebiet „Problemregion Nummer eins“

Der Graben zwischen Wohlstands- und Armutsregionen verläuft dem Bericht zufolge allerdings nicht gemäß der Formel ‚Armer Osten, reicher Westen‘, denn ausgerechnet im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen ballen sich die Probleme - dort erreicht die Armutsquote einen Wert von 18,1 Prozent. Das Ruhrgebiet bleibe mit einer Armutsquote von 21,1 Prozent bei 5,8 Millionen Einwohnern „Problemregion Nummer eins“. Sorgen bereitet den Autoren des Berichts auch Hessen - in dem Bundesland sei die Quote seit 2008 von 12,7 auf 15,8 Prozent gestiegen. Auch lebe deutschlandweit jedes fünfte Kind in Armut.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert einen „Masterplan zur Armutsbeseitigung“. Konkret verlangt der Verband einen Mindestlohn von 13 Euro pro Stunde und die Einführung einer Kindergrundsicherung. Zudem müsse der Hartz-IV-Regelsatz von 424 auf 582 Euro steigen. Die Sanktionen gegen Hartz-IV-Bezieher müssten abgeschafft werden, auch die Eigenanteile bei Leistungen der Pflegeversicherung müssten gestrichen oder deutlich reduziert werden.

„Armutszeugnis für ein reiches Land“

„Das Land zerfällt immer weiter“, sagte Fraktionschef Dietmar Bartsch der Nachrichtenagentur AFP in Berlin. Es sei ein „trauriger Befund“, dass nach fast zehn Jahren Aufschwung und sinkender Arbeitslosigkeit die Armut kaum zurückgehe „und die Unterschiede zwischen den Regionen sogar größer werden“. Parteichefin Katja Kipping sagte AFP: „Wenn in gut einem Viertel der untersuchten Regionen in den letzten zehn Jahren ein Anstieg um mehr als 20 Prozent erfolgte, dann ist das ein Beleg für eine völlig verfehlte Sozialpolitik der bisherigen Bundesregierungen.“

Ungleichheit und soziale Spaltung könnten die Demokratie gefährden, fügte die Linken-Chefin hinzu. „Die Bekämpfung von Armut muss zur obersten Priorität der politisch Verantwortlichen werden“, erklärte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele. „Armut ist und bleibt eine der größten sozialen Katastrophen im Land.“

Der FDP-Familienexperte Grigorios Aggelidis kritisierte, Armut werde in Deutschland weiterhin nicht zielgenau bekämpft. Gegen Armut würden die geplante Grundrente, eine Kindergrundsicherung oder ein perspektivischer Mindestlohn von zwölf Euro helfen, erklärte die stellvertretende SPD-Fraktionschefin Katja Mast. „Armut ist für uns in Nord, Süd, Ost und West gleichermaßen Thema.“ Die Grünen sprachen von einem „Armutszeugnis für ein reiches Land“. „Trotz der guten Konjunktur der vergangenen Jahre lebt im Ruhrgebiet, im Osten Deutschlands und in Bremen inzwischen fast jeder fünfte Einwohner in Armut“, erklärte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. „Der Zusammenhalt unseres Landes hängt davon ab, wie wir mit denen umgehen, die nicht alles aus eigener Kraft schaffen.“