Im Fenster der Evangelischen Bahnhofsmission hängen Briefe. Auf den Umschlägen finden sich die Namen von Obdachlosen, die keine Adresse mehr haben – außer dieser. Auch ein zerschlissener Personalausweis klebt am Inneren der Scheibe – mit dem Namen eines Aussiedlers. Ob er das Papier nicht mehr braucht, ob er nicht weiß, wo er es suchen soll, ob der Mann überhaupt noch lebt – unbekannt.
In dem Gebäude steht Dieter Puhl, Leiter der Mission am Bahnhof Zoo. Er erinnert an Rentner aus Charlottenburg oder Wilmersdorf, „die zwei Stunden für einen Teller Suppe anstehen, in einem heiklen Ambiente“. Er verweist auf die Schlafsäcke in dem kleinen Lagerraum; davon könne man im Winter nie genug haben. Schließlich zeigt er auf die Fotos von zwei Obdachlosen an der Wand, die vor nicht allzu langer Zeit gestorben sind.
Während das Statistische Bundesamt am Mittwoch Zahlen bekannt gibt, denen zufolge jeder sechste Deutsche armutsgefährdet ist, wird die Sache hier plastisch.

Die Journalisten, die in dem Gebäude und davor nach der Armut fahnden, sind zudem keineswegs zufällig gekommen. Es ist nämlich so, dass die Nationale Armutskonferenz, kurz NAK, im Rücken des Bahnhofs Zoo ihren „Schattenbericht“ zu dem präsentiert, was ansonsten offiziell verlautbart wird. Der Bericht wird in einer Sonderausgabe der Obdachlosenzeitung Straßenfeger nun 20 000-fach unter die Leute gebracht. Fünf Kilometer vom Reichstag entfernt, in dem Armut zuweilen ein eher theoretisches Thema ist, wird die Realität jenseits der Zahlen sichtbar.

Am Ball bleiben

Da ist also Carola Schmidt. Sie ist Geschäftsführerin der NAK, eines Zusammenschlusses aus Wohlfahrtsverbänden, dem DGB und kleineren Organisationen. Schmidt sagt, es stimme schon lange nicht mehr, dass nur die von Armut bedroht seien, die keine Arbeit mehr hätten. Seit der Einführung der Hartz-Gesetze sei das vorbei. Risikogruppen seien jedoch vor allem die Kranken, die Familien mit drei und mehr Kindern und, natürlich, die Alleinerziehenden. Der Bericht benennt konkrete Beispiele – wie das einer 40-jährigen Frau, die in einem Restaurant zwischen 840 und 1 020 Euro netto verdient und die von ihrer 13-jährigen Tochter 20 Euro von deren Taschengeld angeboten bekommt. Aus Mitleid. Die NAK-Geschäftsführerin klagt, ihr Verband werde von der Bundesregierung in Gespräche einbezogen und damit als „Feigenblatt“ missbraucht. Denn Vorschläge würden nicht berücksichtigt. Trotzdem wolle man „am Ball bleiben“.

Etwas weiter steht Bernhard Franke, der sich ehreamtlich beim Straßenfeger engagiert. Vielfach seien die Verkäufer des Blattes Alkoholiker und Drogenabhängige, die in der Regel zehn Exemplare mitnähmen und pro Exemplar 90 Cent behalten könnten, sagt er. Das sei auch ein Mittel gegen die Beschaffungskriminalität und in jedem Fall besser als diese. Und dann ist da noch eine sehr kultivierte und freundliche Frau in ihren Sechzigern mit dem Namensschild „Irene“, die in der Bahnhofsmission arbeitet. 400 bis 600 Leute kämen täglich, sagt sie, mehr Männer als Frauen, viele Osteuropäer, am Monatsende zunehmend Alte.

Passanten gibt es auf der Schattenseite des Bahnhofs kaum. Dabei biegt die Linie 200, in der zahlreiche Touristen verkehren, in die Straße ein. Das Fahrzeug ist leer. Auf der Tafel steht: „Bus endet hier“.