Im Fenster der Evangelischen Bahnhofsmission hängen Briefe. Auf den Umschlägen finden sich die Namen von Obdachlosen, die keine Adresse mehr haben – außer dieser. Auch ein zerschlissener Personalausweis klebt am Inneren der Scheibe – mit dem Namen eines Aussiedlers. Ob er das Papier nicht mehr braucht, ob er nicht weiß, wo er es suchen soll, ob der Mann überhaupt noch lebt – unbekannt.
In dem Gebäude steht Dieter Puhl, Leiter der Mission am Bahnhof Zoo. Er erinnert an Rentner aus Charlottenburg oder Wilmersdorf, „die zwei Stunden für einen Teller Suppe anstehen, in einem heiklen Ambiente“. Er verweist auf die Schlafsäcke in dem kleinen Lagerraum; davon könne man im Winter nie genug haben. Schließlich zeigt er auf die Fotos von zwei Obdachlosen an der Wand, die vor nicht allzu langer Zeit gestorben sind.
Während das Statistische Bundesamt am Mittwoch Zahlen bekannt gibt, denen zufolge jeder sechste Deutsche armutsgefährdet ist, wird die Sache hier plastisch.

Die Journalisten, die in dem Gebäude und davor nach der Armut fahnden, sind zudem keineswegs zufällig gekommen. Es ist nämlich so, dass die Nationale Armutskonferenz, kurz NAK, im Rücken des Bahnhofs Zoo ihren „Schattenbericht“ zu dem präsentiert, was ansonsten offiziell verlautbart wird. Der Bericht wird in einer Sonderausgabe der Obdachlosenzeitung Straßenfeger nun 20 000-fach unter die Leute gebracht. Fünf Kilometer vom Reichstag entfernt, in dem Armut zuweilen ein eher theoretisches Thema ist, wird die Realität jenseits der Zahlen sichtbar.

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