Zerbombte Häuser in der Ukraine, Trecks von Migranten, Kohlebagger, die sich in die Landschaft fressen, verkohlte Wälder – jede Folge eröffnet mit dramatischen Bildern von Katastrophen und Krisen. Die sechsteilige Arte-Dokumentarserie „Europa – Kontinent im Umbruch“ spricht von den größten Herausforderungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie groß diese inzwischen sind, das war vor über drei Jahren noch nicht mal klar, als Produzenten und Redakteure begannen, über eine Europa-Dokumentarserie zum 30. Arte-Jubiläum nachzudenken. „Ursprünglich sollte ein Kontinent im Wandel beschrieben werden. Inzwischen geht es um einen tiefgreifenden Umbruch“, erklärt die Berliner Produzentin Kornelia Theune von Zero One.

Längst sieht sich Arte nicht mehr nur als deutsch-französischer Kulturkanal, sondern betont seine europäische Perspektive. Schon zum 25. Jubiläum lief eine Dokumentarserie, die Europas schwierige gemeinsame Geschichte herausarbeitete. 2017 startete auch das Reportageformat „Re:“, das an jedem Werktag Menschen in ganz Europa porträtiert. Auch der aktuelle Sechsteiler will nun Aktivisten ins Zentrum stellen, „die entschlossen an Lösungen arbeiten“. Mitte Februar hatte das multinationale Team, zu dem insgesamt 230 Mitglieder gehörten, trotz der Einschränkungen der Corona-Jahre die Serie fertiggestellt – da begann Russlands Aggression in der Ukraine. Einige Folgen wurden neu geschnitten und mit einem neuen Sprechertext versehen, für manche wurden Nachdrehs nötig.

Nur wenige Deutsche mit dabei

So gehört der Ukrainer Andrij Zinchenko in der ersten Folge „Energie für alle“ zu den Problemlösern: Er hatte in der Stadt Slawutytsch, in die viele Ingenieure aus dem nahen Tschernobyl umgesiedelt worden waren, mit seiner Firma viele Dächer mit Fotovoltaikanlagen bestückt. Ein aktuelles Handyvideo zeigt ihn in Uniform. In Rumänien werden Bergarbeiter von der Tiefe in die Höhe umgestellt: Sie lernen, auf Windkraftanlagen zu klettern. In Dänemark wird mit grünem Ammoniak experimentiert, in Finnland preisen selbst grüne Politiker die Atomkraft. Deutschland ist bezeichnenderweise lediglich mit einer Sprecherin von „Ende Gelände“ vertreten, die im Sommer 2021 die LNG-Terminals bei Brunsbüttel stürmen wollten – als gäbe es hierzulande nur Proteste statt Lösungen.

Überhaupt sind unter den insgesamt 75 Protagonisten der sechs Teile nur wenige Deutsche, die meisten noch in der Folge „Digitales Europa“. Hier erklären Geschäftsführer, warum sie Mikrochips selbst herstellen und digitale Knotenpunkte errichten. Dagegen macht sich ein estnischer Digital-Pionier über die Deutschen lustig – in Estland funktioniert vieles komplett digital, ohne Papier. Insgesamt gibt sich diese Folge betont optimistisch. Autor Andreas Pichler erklärt, Europa könne den technologischen Rückstand auf die USA und China locker aufholen, zeigt aber viele banale Beispiele, etwa Paare, die sich mittels einer Dating-App kennengelernt hatten, oder den unvermeidlichen anonymen Hacker im Kapuzenpulli. Auch die Folge über die Ernährung wirkt mitunter wie eine Werbung für Start-ups: Doch ob Fleisch und Gemüse aus Hightech-Laboren die Lösungen für den gesamten Kontinent bieten, muss doch arg bezweifelt werden.

Europa oder EU?

An den Rändern Europas sind die Umbrüche meist viel härter – und damit bildlich besser darstellbar. So blieben in einem Dorf im Süden Bulgariens von einst 1200 Einwohnern nur 35 Alte zurück – die Jüngeren zog es nach Westeuropa. Die Folge über Migration heißt „Die neuen Europäer“. Doch Europäer waren die Griechen und Italiener, die in den 1960er-Jahren kamen, und die Rumänen und Bulgaren, die nach dem EU-Beitritt kamen, schließlich auch zuvor. Zwar spricht die Serie stets von Europa – bezieht sich aber mitunter ausschließlich auf die EU-Länder. Russland spielte schon vor dem Krieg gar keine Rolle für diese Arte-Serie – gezeigt wird nur ein Ökobauer.

Neben den Kurzporträts setzt die Serie stark auf die anschauliche Visualisierung von Fakten. Viele Statistiken werden über Bilder aus der Drohnenperspektive gelegt. Oft blickt die Serie aus dem Weltraum auf Europa und zeichnet von oben eben nicht die Ländergrenzen ein, sondern vielmehr die enorme Verbundenheit des Kontinents. So werden die Netze von Gasleitungen, Stromverbindungen und Verkehrsströmen aufgezeigt. Andere Draufblicke wiederum zeigen die starke Zerrissenheit: Rote Flächen markieren die Regionen mit starker Landflucht, Balken zeigen die krass ungleich verteilte Tierhaltungsdichte. Diese Grafiken liefern immer wieder neue Einblicke – oft möchte man die Bilder anhalten und genauer studieren. Vor allem belegen diese Netze über Europa, wie untrennbar der Kontinent miteinander auf jeder Ebene verknüpft ist. „Wir sind stärker verbunden, als es uns selbst bewusst ist“, betonen die Macher schon in Ouvertüre.

Europa – Kontinent im Umbruch:
vier Folgen am Dienstag, den 31.5., ab 20.15,
zwei Folgen am Mittwoch, den 1.6., ab 21.30
alle Folgen à 52 Minuten bis Mai 2023 in der Arte-Mediathek