In Bremen darf die Asche von Verstorbenen in einem Garten verstreut werden.
Foto: imago images/Lars Berg

BerlinManchmal hilft es, hoch in den Norden unseres kleines Landes zu blicken, nicht nur, dass es an der Küste besonders schön ist, auch ist man traditionell immer etwas liberaler – auch was das Bestatten und Sterben angeht.

Im Jahr 2015 hat sich die kleine Enklave Bremen dazu entschlossen, etwas zuzulassen, das es bis jetzt in Deutschland noch nicht gab. Menschen dürfen, wenn sie es zu Lebzeiten bestimmt haben, in einem Garten (dessen Besitzer das natürlich auch zulassen muss) verstreut werden. Als Asche versteht sich.

Friedhofszwang ist Bestatterzwang

Das Geschrei war groß, die Bremer CDU, die Kirchen und ganz vorne die Bestatter witterten den Untergang des Abendlandes. Es wurde schwarz und schwärzer gemalt: einer Entsorgungsmentalität werde Tür und Tor geöffnet, Arbeitsplätze würden vernichtet. So wenig die Branche Regeln für sich hat – die einzige Regelung zum Umgang mit Verstorbenen ist eine Handlungsempfehlung DIN 15017, wer es mal lesen möchte – so sehr lehnt sie ab, was sich  Angehörige umso mehr wünschen.

Denn Friedhofszwang ist irgendwie auch Bestatterzwang. Und wenn man sich die Gesetzestexte mal anschaut, braucht man einen Bestatter lediglich für exakt eine Sache: den Transport eines Verstorbenen. Glaubt ihr nicht? Dann lest es nach. Wer diese kleine Kolumne öfters liest, weiß, dass ich den Blick auf Zahlen manchmal ganz hilfreich finde. (Ich verspreche, es geht heute nicht um Corona. Ehrenwort.) Und diesen Blick empfehle ich auch allen Unkenrufern und Verhinderern. Seit 2015 ist die Regelung in Bremen in Kraft. Bremen hat um 4500 Beerdigungen im Jahr. Und sage und schreibe 50 Bremer pro Jahr haben sich für die Lösung entschieden. Das sind ungefähr 1,1 Prozent. 1,1 Prozent!

Lesen Sie hier: Das Familienbett ist zur Religion geworden

Das Recht zu trauern

Natürlich gibt es wie immer Seiten, die man kritisch betrachten kann und muss. Jeder hat ein Recht zu trauern. Was ist denn nun, wenn meine böse Schwester, als Erbin des Gartens in dem meine Mutter beerdigt werden möchte, mir den Zugang verwehrt oder jedes Mal laut schlechte Musik spielt, wenn ich bei der Asche unserer Mutter sein möchte. Na ja, dann steht uns zumindest mit der aktuellen Regelung noch jemand im Weg, der zumindest hier wichtiger ist als ich und meine Schwester, nämlich der Wunsch unserer Mutter.

Und mal ehrlich, wie oft passiert das, und ist da nicht etwas mehr Vertrauen in den erlauchten Durchschnittstrauernden angebracht? Denn was treibt Menschen, die nicht den Weg auf einen Friedhof suchen, sondern sich selbst oder ihre Liebsten lieber an einem privaten Ort wünschen?

Zeit, den richtigen Friedhof zu finden

Eins kann ich aus meiner Beobachtung der letzten Jahre sagen, es ist selten Geiz. Es ist fast immer eine Sehnsucht, eine Emotion. Der Friedhof scheint nicht der Platz zu sein, an dem man seine Lieben oder sich selber sehen möchte, der eigene Garten hingegen ist gefüllt mit Emotionen, mit Geschichte.

Aber etwas viel Wichtigeres habe ich beobachtet. Am Ende finden die meisten, zumindest in Berlin, dann doch den richtigen Friedhof. Nur dafür brauchen sie Zeit. Zeit zu sich zu finden, Zeit ein Gefühl dafür zu bekommen, was sie brauchen und sich wünschen. Und das versagt der Gesetzgeber auf allen Ebenen. Warum kann ich mir denn kein halbes Jahr Zeit lassen, bis ich weiß, wo der richtige Ort für meine Mutter ist?

Bestattungsgesetze verschärfen sich eher

Das zweite, was viele Menschen, die bei uns im Laden sitzen, umtreibt: Sie wollen auf einen Friedhof, aber so ein kleines bisschen Asche wollen sie gerne in die Ostsee streuen oder an den Angelplatz ihres Liebsten bringen. Offiziell verboten!

Natürlich gibt es Wege, das zu ermöglichen, aber alle sind eben nicht erlaubt. Und das ist das Traurige. Asche eines Menschen ist nicht giftig. Im Gegenteil. Und aktuell verschärfen sich die Bestattungsgesetze eher, als dass sie sich öffnen.

Aber wie gesagt, liebe Parlamentarier, schaut nach Bremen. Es sind nicht viele Menschen, aber die macht ihr umso glücklicher und stützt sie in ihrer Trauer. Ich warte darauf, dass irgendwann das erste Mitglied des Berliner Senats bei uns im Laden sitzt.