MoskauIn Baku wurde schon am Sonntag gefeiert. Präsident Ilcham Alijew ballte die Faust, als er im Staats-TV die Einnahme der Stadt Schuscha verkündete. Danach kurvten Autokorsos hupend durch die aserbaidschanische Hauptstadt, man schwang aserbaidschanische und türkische Fahnen.

Nach Angaben des russischen Telegram-Kanals Juschny Weter ist es aserbaidschanischen Truppen gelungen, in die Stadt Schuscha einzudringen. Und am Montagnachmittag lieferte das aserbaidschanische Verteidigungsministerium ein erstes Video aus den menschenleeren Straßen. Ein Sprecher der Karabach-Regierung bestätigte den Verlust der Stadt.

Noch am Vormittag hatten armenische Militärsprecher erklärt, nahe der Ortschaft Karin Tak habe man einen feindlichen Verband durch Raketenbeschuss vernichtet. Diese Meldung offenbart, dass die Aserbaidschaner auch südwestlich von Schuscha die wichtigste Straße von Armenien nach Stepanakert, der Hauptstadt von Berg-Karabach, erreicht haben. Die Aserbaidschaner meldeten, sie hätten an der Straße armenische Truppen eingekesselt. Stepanakert selbst, zwölf Kilometer nördlich gelegen, verteidigte sich am Montag „schon über 24 Stunden gegen die Angriffe des Gegners“, wie der Präsident der selbsternannten Republik, Arajik Harutjunjan, auf Facebook schrieb. Die militärische Lage der Armenier wirkt prekär. Oder wie Juschny Weter resümiert: „Das Ende des Krieges naht.“

Schuscha, auf einem Höhenzug gelegen, gilt wegen seiner historischen Altstadt als Symbol Berg-Karabachs. Aber es beherrscht auch die Straße nach Armenien, den Hauptnachschubkanal der Karabach-Armee. Und von dort kann man Stepanakert direkt mit Artillerie beschießen. „Wer Schuscha kontrolliert, der kontrolliert Karabach“, erklärte Harutjunjan Ende Oktober.

Schon damals hofften die Armenier auf den nahenden Winter und den ersten Schnee, der die Offensive der Aserbaidschaner stoppen könnte. Jetzt bleibt Karabach nur ein dreimal längerer und schlecht ausgebauter Transportweg von Stepanakert über Kelbadschar zur armenischen Grenze.

Seit dem siegreichen Kleinkrieg um Karabach zu Beginn der 90er-Jahre haben die Armenier den Ruf, viel bessere Soldaten als die Aserbaidschaner zu sein. Aber jetzt stehen sie einem Feind gegenüber, der jahrzehntelang dreimal so viel in seine Armee investierte wie das arme Armenien. Waffentechnisch ist er hoch überlegen.

Türkische Spähdrohnen lenken aserbaidschanische Raketen elektronisch auf früher kaum angreifbare Gebirgsstellungen der Armenier. „Und durch den Einsatz türkischer Söldner sind die Aserbaidschaner klar in der Mehrzahl“, sagt der Moskauer Militärexperte Alexander Golz dieser Zeitung. „Es ist offensichtlich, dass dort viel erfahrenere Krieger als die Aserbaidschaner zu Werke gehen, die Unterstützung der Türkei scheint massiv zu sein.“

Am Montag gab es Spekulationen über eine neue türkische Friedensinitiative. Nach Angaben von CNN-Turk schlug Recep Erdogan am Sonnabend bei einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor, eine bilaterale Vermittlergruppe zu schaffen. Mehrere Telegram-Kanäle berichteten von einem Waffenstillstandsplan, der den Rückzug Armeniens aus sieben besetzten aserbaidschanischen Bezirken vorsieht, außerdem eine russisch-türkische Friedenstruppe und einen zusätzlichen Verkehrskorridor von Aserbaidschan durch Armenien in die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan, die auch an die Türkei grenzt. Damit erhielte Ankara einen Landweg nach Aserbaidschan und ein militärisches Bleiberecht im Südkaukasus. Aber auch die Existenz des armenischen Berg-Karabach wäre gerettet. „Für Aserbaidschan ergibt das jetzt wenig Sinn“, schreibt der Telegramkanal Karabachski Front. Der eigentliche Sieger wäre nicht Baku, sondern Ankara.