Eigentlich ist das alles lange her. Länger noch als der Bosnienkrieg, als die Belagerung von Sarajewo und das Massaker von Srebenica. Aber die Feindschaft zwischen Aserbaidschanern und Armeniern ist weiter sehr lebendig. Jetzt haben nicht irgendwelche Fanatiker sondern die staatstragende Partei „Moderner Musawat“ ein Preisgeld von umgerechnet 10.000 Euro für denjenigen ausgeschrieben, der dem Schriftsteller Akram Ailisli ein Ohr abschneidet.

Ailisli nämlich hat sich auf frevelhafte Weise an der heiligen nationalen Feindschaft gegen die Armenier vergriffen. In seinem neuen Roman „Steinerne Träume“ schreibt er über die Gewalt, die seine Landsleute ihren armenischen Nachbarn zum Ende der Sowjetunion angetan haben.

Vergewaltigungen und Progrome

Nirgendwo endete die behauptete Völkerfreundschaft so blutig wie im Kaukasus. Es begann in der aserbaidschanischen Hafenstadt Sumgait, wo Aserbaidschaner 1988 Dutzende Armenier töteten, vergewaltigten, verstümmelten. Tausende wurden vertrieben. Es folgten Pogrome gegen die Armenier in anderen aserbaidschanischen Städten und der Kleinkrieg um die armenische Enklave Berg Karabach. Beide Seiten hassten und mordeten mit archaischer Gewalt. Russische Offiziere berichteten entsetzt über die Jubelsprechchöre, mit denen in Baku ein Erdbeben in Armenien gefeiert wurde, bei dem es fast 30.000 Tote gab. Auf beiden Seiten kursierten Greuelvideos, auf denen der Feind schwangeren Frauen die Bäuche aufschlitzt. Der Krieg war nicht weniger brutal, als die Schlachten in Jugoslawien.

Hass im nationalen Bewusstsein verankert

Militärisch erfolgreicher waren die Armenier, sie hielten nicht nur Bergkarabach, sondern kontrollieren seit dem Waffenstillstand von 1994 auch einen Korridor auf aserbaidschanischem Siedlungsgebiet. Die Geschlagenen haben sich ihren Hass bewahrt und fest im nationalen Bewusstsein verankert. Dieser Konflikt ist nicht der einzige in der Region.

Ailisli, der Schriftsteller, hatte es jetzt gewagt, schwarz auf weiß daran zu erinnern, dass es in diesem Konflikt nicht nur aserbaidschanische, sondern auch armenische Opfer gegeben hat. Und aserbaidschanische Täter. So ist Ailisli in den Augen der Regierungspartei ein Hochverräter. Es hilft ihm wenig, dass er auch über Aserbaidschaner schreibt, die ihre armenischen Nachbarn vor dem Mob versteckt haben. Sein Heimatdorf ist gegen ihn auf die Straße gegangen, es hagelt Morddrohungen. Und jetzt gibt es auch noch das Kopfgeld.