Callenberg/Templin - Wenn Gott ein Atheist wäre, würde ihm diese kleine Kapelle unter dem riesigen Bergahorn gefallen. Erhaben steht sie auf einem kleinen Hügel mitten im sächsischen Callenberg bei Chemnitz. Die Fenster sind schmal und hoch, und der Putz ist nicht etwa neumodisch glatt, sondern fast buckelig wie in längst vergangenen Zeiten.

Die weißen Außenwände strahlen und passen perfekt zum dunklen Schieferdach. Das Holz der reich verzierten Türen ist offensichtlich alt, aber so gut erhalten, dass Besucher ehrfürchtig mit der Hand darüber streichen. 

„Und?“, fragt Tino Taubert, der hier seit Monaten arbeitet. „Wie sieht das Gebäude aus?“ Nun, wie eine fachgerecht sanierte Kirche aus der Renaissance-Zeit. Taubert ist sichtlich zufrieden, als er das hört.

Eine neue Kirche also, noch dazu im tiefsten Ostdeutschland – jener Region, in der es weltweit prozentual die wenigsten Gläubigen geben soll. Der Bau scheint in das Jahr 2017 zu passen, denn es ist auch ein Jahr der Christen: Selten wurde so viel über Religion geredet, über Glauben, Kirche und Gott wie im Jahre 500 nach der Reformation, im großen Luther-Jahr der Protestanten. Und selten war ein Papst so beliebt – nicht nur bei Katholiken.

Tino Taubert, der eigentlich kein Baumeister ist, sondern studierter Musiker, geht in die Kapelle. Auch dort scheint alles zu passen. Zuerst schaut man auf die alten Kirchenbänke, dann hinauf zum Kreuzgewölbe. Erst als der Blick dorthin wandert, wo üblicherweise der Altar – das Herz jedes Gotteshauses – steht, wird klar, dass etwas nicht stimmt. Dort hängt kein Jesus am Kreuz, dort steht ein Kamin.

"Der Glaube ist nicht angeboren"

Ein wirklich schöner Kamin, aber eben ein Kamin. „Das ist hier keine Kirche“, sagt Taubert, „auch wenn es so aussieht. Es ist kein geweihter Ort.“ Er geht wieder hinaus und zeigt hinauf zum Turm. An der Spitze fehlt das Kreuz, dort ist eine Wetterfahne befestigt. „Das Ganze ist auch kein altes Gemäuer, sondern ein Neubau. Im Januar war hier eine tiefe Baugrube.“

 Auf die Frage, ob er und seine Frau Vivienne Leis an Gott glauben, sagt er: „Nein. Der Glaube ist nicht angeboren, der Atheismus schon.“ Und sie ergänzt: „Wir sind einfach nicht damit aufgewachsen. Es ist doch so: Kinder werden nicht gefragt, ob sie getauft werden wollen. Wenn die Eltern in die Kirche gehen, machen es die Kinder auch.“

Warum aber stellen sich Nichtgläubige eine Art Kirche in den Garten? Für manche Christen könnte es der streitbarste Bau des Jahres sein. Taubert, ein recht jung wirkender Mann von 54 Jahren mit wohlfrisiertem Haar, sagt: „Wir lieben diese Art von Architektur. Um die Schönheit solcher Gebäude zu schätzen, muss man doch kein Christ sein.“

Vivienne Leis, 40 Jahre alt, Sängerin für Pop und Jazz, setzt sich auf eine der Kirchenbänke, die sie extra so bauen ließen, dass sie nicht hart sind, sondern wirklich sehr bequem. „Wir nennen es eine Hochzeitkapelle“, sagt sie. „Manchmal sagen wir auch: Es ist ein Kirchengebäude ohne Gott. Aber am liebsten sagen wir: Es ist einfach ein wunderschöner Ort zum Heiraten.“

Das ist die Geschäftsidee des Musiker-Paares: Atheisten, die nicht in Kirchen heiraten dürfen, und alle, die wollen, können sich nun an einem Ort trauen lassen, der ebenso beeindrucken soll wie eine Kirche. Nach der Hochzeit können die Leute dort auch feiern. „Und bei uns ist es nicht teurer als in anderen exklusiven Außenstellen des Standesamtes“, sagt Tino Taubert.

Es gibt Kritik an dieser Kirche ohne Gott

Taubert und seine Frau haben 400 Hochzeiten geplant oder auf ihnen musiziert. Und irgendwann ist ihnen die Idee mit der Kapelle gekommen. Die ist nun rechtzeitig fertig geworden für die erste Hochzeit – ausgerechnet jetzt, so kurz vor Weihnachten, dem zweithöchsten Fest der Christenheit.

Es gibt natürlich Kritik an dieser Kirche ohne Gott. Tino Taubert erzählt, dass manche sie als Spinner bezeichnen und dass Christen sie gewarnt hätten. „Die haben gesagt: Auch in Deutschland gibt es radikale Christen, die sich provoziert fühlen könnten. Aber ich sage: Kein wahrer Christ ist intolerant.“

Auf den Bau wäre auch eine andere Sichtweise möglich. Die Christen könnten stolz sagen: Seht her, selbst Atheisten bauen inzwischen unsere tollen Gebäude nach. Doch ganz so entspannt ist es nicht. Manche Pfarrer nennen die Sache eine Mogelpackung, auch von Etikettenschwindel ist die Rede oder von einer Naivität, die nur im Osten möglich sei. Ein kirchlicher Radiosender sprach von einer veganen Wurst, andere sagen, hier solle ein Geschäft mit Gott gemacht werden.

In den Debatten geht es nicht so sehr darum, was das Gebäude über die atheistische Mehrheit im Osten aussagt, sondern vor allem um mögliche Befindlichkeiten von Christen. Das überrascht nicht, denn sie sind im gesamtgesellschaftlichen Diskurs viel präsenter als Atheisten.

Tino Taubert und seine Frau sind oft abgewiesen worden. Sie erzählen, dass es sieben Jahre gedauert hat von der Idee bis zum Bau; sie erzählen von ihrer abenteuerlichen Suche nach Geld; dass es leichter war, sich Türen aus dem 400 Jahre alten Holz österreichischer Almhütten zimmern zu lassen, als einen Kredit zu bekommen.

Nach drei Jahren bekamen sie die benötigten 750.000 Euro

Die freischaffenden Künstler sagen, dass die unteren Mitarbeiter der Banken immer freundlich waren, wenn sie dort ihr sorgfältig ausgearbeitetes Wirtschaftlichkeitskonzept ablieferten. „Sie bezeichneten es als tragfähig, überzeugend und nachhaltig“, sagt Tino Taubert. „Doch dann ging es in die oberen Etagen. Dort sitzen meist Leute aus dem Westen, und die sind nun mal meist Christen. Denen war die Sache zu heiß.“

Nach drei Jahren bekamen sie die 750.000 Euro, die sie brauchten, dann von einer Bank – aber erst, nachdem ein erfolgreicher Unternehmer und Christ aus dem Westen ein gutes Wort eingelegt hatte.

Tino Taubert und Vivienne Leis vermitteln glaubhaft, dass ihr Bau auf keinen Fall etwas Antireligiöses haben soll. Sie sind, wie die meisten Nichtgläubigen im Osten, keine Kirchengegner, sondern Leute, die um die christliche Prägung des Landes wissen und sich – genau wie die meisten Christen – mehr oder weniger an die zehn Gebote halten, jedenfalls den irdischen Teil.

Sie sind Menschen, die keinen Gott brauchen, um glücklich zu sein oder unglücklich. Sie leben ohne Sicherheitsgurt – ohne Rückversicherung für den Tag des Jüngsten Gerichts. Die Religionsfreiheit interpretieren sie eher so, dass sie frei von Religionen leben dürfen. Und sie lachen über den alten Atheisten-Witz: Die Wissenschaft wird siegen, Gott sei Dank.

Tino Taubert setzt sich an den Flügel neben dem Kamin und spielt eine kleine Melodie. „Freunde aus Bayern haben gesagt: Bei uns hättet ihr nie eine Baugenehmigung bekommen, da sind Kirche und Staat viel zu eng verbandelt.“ Er lächelt. „Wir aber haben unseren Traum verwirklicht. Gegen jeden Widerstand.“ Seine Frau sagt: „Eigentlich sind wir nur hoffnungslose Romantiker, die anderen Romantikern eine perfekte Hochzeit bieten wollen.“

100.000 Euro kamen von der EU

Tino Taubert spielt laut und schön, fast ausgelassen. Am Ende des Liedes lauscht er, wie der letzte Ton in dem hohen Raum nachhallt. „Seit ich Kind war, spiele ich Klavier“, sagt er. „Aber wir leben immer noch in einer Mietwohnung, und da darf ich nie spielen, wann ich will. Hier kann ich es endlich.“

Dann erzählt er, dass sie zusätzlich 100.000 Euro von der EU bekommen haben, aus dem Fördertopf für ländliche Entwicklung. Weil ihre Hochzeiten für Arbeit in den Hotels der Region sorgen werden.

Zum Abschied sagt Vivienne Leis: „Natürlich sind wir froh, dass beim Bau keiner vom Dach gefallen ist oder sich verletzt hat, sonst würde bestimmt jemand behaupten: Diese Kapelle ist verflucht.“ Ihr Mann greift in die Tasten, und sie singt mit einer kräftigen Stimme, die auch leise kann. Eine Textzeile lautet: „Auch Wunder können geschehen.“

Gott ist seit 135 Jahren tot, jedenfalls wenn man Friedrich Nietzsche glauben darf. Nur einige Jahre älter ist die Freiheit, sich nicht zu einem Gott bekennen zu müssen. Seit 1847 ist es in Deutschland möglich, aus der Kirche auszutreten.

Doch für die meisten blieb es eine Pflicht, einer Kirche anzugehören. Im Jahr 1950 gab es noch echte Volkskirchen. Mehr als 97 Prozent der Westdeutschen waren Mitglied der großen christlichen Kirchen, im Osten lag die Zahl im Jahr 1946 bei 95 Prozent.

Interessen von Atheisten werden in Deutschland schlecht vertreten

Das hat sich geändert. 2016 waren 29 Prozent der Bundesbürger katholisch und 27 Prozent evangelisch. Der Anteil der Konfessionslosen liegt bundesweit bei 36 Prozent – das sind natürlich nicht alles Atheisten, auch Agnostiker und Zweifler. In den östlichen Bundesländern sagen mehr als drei Viertel der Einwohner, dass sie gar nicht an einen Gott glauben.

Meist ergeht es den Atheisten hierzulande wie den Nichtwählern, die im neuen Bundestag die zweitstärkste Kraft wären und eigentlich zu viele sind, um ignoriert zu werden. Immerhin haben die Atheisten Verbände, die sie vertreten. Aber die werden kaum wahrgenommen. Das würde nur den Status quo stören.

Es gibt auch Fälle, da werden die Leistungen von Atheisten übergangen. In Brandenburg zum Beispiel leben 20 Prozent Christen. Seit 1990 wurden dort mehr als 1500 Dorfkirchen vor dem Verfall gerettet. Dass nicht nur Christen spenden und mit anpacken in den lokalen Vereinen, sondern dass sogar die Mehrheit der Retter nicht an den Herrn dieser Gotteshäuser glaubt, ist meist erst auf Nachfrage zu erfahren.

Es gibt Atheisten, die sich über Christian Wulff, den kurzzeitigen Bundespräsidenten, und seine bekannteste Rede geärgert haben. Nicht etwa, weil er, der Katholik, gesagt hat, der Islam gehöre genauso zu Deutschland wie das Christentum und das Judentum, sondern weil er die Atheisten weggelassen hat.

Nun kann man einwenden, der Atheismus sei keine Religion, habe keinen Gott, keine Kirchen, kein rituelles Regelwerk. Doch viele Atheisten sehen die Sache nicht so verbissen und begreifen ihr Nicht-an-Gott-Glauben als eine Art Glauben.

Der Glaube in Ostdeutschland 

Um die Verärgerung zu verstehen, muss man den Anlass der Rede kennen. Es war der 20. Jahrestag der Einheit, also jenes historische Ereignis, das die Ostdeutschen – nach der wichtigen Vorarbeit der Christen in der DDR-Opposition – mit ihren Massenprotesten selbst eingeleitet hatten. Ausgerechnet in diesem Zusammenhang vergaßen Wulffs Redenschreiber zu notieren, dass im wilden Herbst 1989 die meisten friedlichen Revolutionäre nun mal ungläubig waren.

War das Zufall? Viele sagen, es sei Absicht gewesen. Es sei darum gegangen, die Sache des Glaubens zu stärken.

Immer wieder heißt es, der deutsche Osten sei der gottloseste Landstrich der Welt. Das klingt meist nicht wie eine Feststellung, sondern wie ein Vorwurf. An gewisse Vorhaltungen ist die Region gewöhnt: Zuerst war es das Land der ungläubigen Kommunisten, nach dem Mauerfall das Land der Neonazis, dann das Land der letzten Kohl-Fans. Nun gilt einigen die Gottlosigkeit der Ossis als ein Hauptgrund für den Aufstieg der AfD.

Aber auch die Sache mit der AfD ist nicht so einseitig. Es gibt nicht nur die Wähler, sondern auch die Partei-Lenker und andere Wortführer der Neuen Rechten. Die wurden mehrheitlich im christlich geprägten Westen sozialisiert, waren wie Frauke Petry mit einem Pfarrer verheiratet, sind wie Beatrix von Storch tonangebend bei den „Christen in der AfD“ oder bezeichnen sich, wie Alexander Gauland, zwar nicht mehr als gläubig, sind aber weiterhin Mitglied der Kirche und nennen sich nun Kulturchristen und Vorkämpfer gegen den Untergang des Abendlandes.

Wenn Gott so aussähe wie auf Bildern von Kindern, würde ihm dieser Mann gefallen, dieser Bart – ganz weiß und lang –, dazu der runde Bauch und dieses In-sich-Ruhen. Rüdiger Weida, 66, trägt ein helles Gewand, das bis zu den Knöcheln reicht.

Wer glaubt an ein fliegendes Spaghettimonster?

Ein eiskalter Wind pfeift über sein einsames Grundstück in der Uckermark, Weida eilt hinüber in einen kleinen Schuppen. Dort ist er nicht mehr Rüdiger Weida, sondern Bruder Spaghettus – der Nudler, eine Art Priester, der gleich eine feierliche Messe zelebrieren wird. Im Schuppen warten bereits zwei Frauen: Tini Tortellini, eine 50 Jahre alte Unternehmerin aus dem Nachbarort, sowie Weidas Ehefrau, die sich Elli Spirelli nennt. 

Alle drei sind überzeugte Atheisten und gehören zu einer Gruppe von 300 Enthusiasten, die für ihre Überzeugungen nicht nur mit Worten kämpfen, sondern auch mit Taten. Mit sehr ungewöhnlichen Taten sogar – denn wer würde von Atheisten schon erwarten, dass sie eine eigene Kirche betreiben?

Doch gerade weil sie Religion für mittelalterlich halten, für unwissenschaftlich und überholt, haben diese Leute hier, ein Stück außerhalb von Templin, den deutschen Ableger der Kirche des Fliegenden Spaghetti-Monsters ins Leben gerufen. Diese Kirche wurde 2005 in den USA gegründet, als christliche Fundamentalisten dort neben der Evolutionstheorie auch die Schöpfungslehre in Schullehrplänen durchsetzten.

Bruder Spaghettus hält eine Schüssel mit Nudeln in der Hand. Nudeln sind wichtig in einer Kirche, die keinen Jesus anbetet und keine Jungfrau, sondern ein Nudelwesen. Dessen Bildnis ist an die Wand gemalt. Es ist ein großes Knäuel Fadennudeln mit Glubschaugen und einem Heiligenschein. Davor steht ein schiefer Korbstuhl, der Heilige Stuhl dieser Kirche, daneben der Altar mit dem heiligen Nudelholz, auf dem das Glaubensbekenntnis steht.

Bruder Spaghettus alias Rüdiger Weida greift es und liest den ersten Satz vor: „Ich glaube an das fliegende Spaghetti-Monster…“ Die beiden Frauen sprechen ihm jedes Wort tiefernst nach. Auch sie haben sich verkleidet und tragen die typischen Trachten dieser Kirche: bunte Piratenjacken und dazu einen Dreieckshüte.

„Wir haben keine kannibalistische Tendenz“

Die Messe ist eine Verballhornung christlicher Rituale. Statt der Hostie – dem Leib Christi – balanciert der Nudler eine Fadennudel in den Mund von Tini Tortellini. Es gibt auch keinen Messwein – das Blut Christi –, sondern Bier.

„Wir haben keine kannibalistische Tendenz“, sagt Bruder Spaghettus, an dessen Gewand kleine Nudelhölzer hängen. Der Mann würde nicht auffallen, wenn er durch den Jesus-Film-Parodie „Das Leben des Brian“ der britischen Komikertruppe Monty Python huschte.

Die Nudelgläubigen, die sich Pastafaris nennen, sind die lustigste und wohl auch bissigste Truppe in der säkularen Szene Deutschlands – unter jenen Kräften also, die dafür kämpfen, dass Staat und Kirche klar voneinander getrennt sind. Das ist ihrer Meinung nach nicht der Fall.

Nach dem Ende der DDR waren es vor allem Pfarrer oder andere Kirchenleute, die in der Politik Karriere machten, denn Christen galten grundsätzlich als weniger in den Staatssozialismus involviert. Das Christ-Sein war und ist für Politiker aus dem Osten offenbar eine Voraussetzung für ihre bundesweite Beachtung, man denke an Regine Hildebrandt und Manfred Stolpe, an Angela Merkel, Joachim Gauck, Matthias Platzeck, Katrin Göring-Eckardt oder Johanna Wanka.

Es gibt auch einige bekennende prominente Ungläubige wie Gregor Gysi und Karl Lagerfeld, aber mit denen wird fast nie über ihre atheistische Haltung geredet – wohl aber mit dem einstigen Tennisspieler Boris Becker über seinen Glauben.

Die Nudelgläubigen sehen nicht sehr martialisch aus

Atheisten galten früher oft als das Böse in Person. Inzwischen fallen sie nicht weiter auf. Heutzutage sind es wieder Gottesfürchtige, die für Schrecken und Schlagzeilen sorgen: Anschläge auf Gläubige und Ungläubige werden meist nicht von Atheisten begangen, sondern von Gläubigen im Namen irgendwelcher religiöser Fundamentalismen.

Die Nudelgläubigen sehen – trotz Piratentracht – nicht sehr martialisch aus, und auch das Schwert auf dem Altar ist nur ein billiges Kinderholzschwert, auf dem das „Monster-Unser“ steht. „Mit diesem Zeremonienschwert öffne ich nun das Altarbier“, sagt Bruder Spaghettus.

In anderen Ländern wäre all das Blasphemie. Atheisten sind -  global gesehen - in der Minderheit; es gibt ein halbes Dutzend Länder, meist muslimische, in denen die Todesstrafe droht, wenn jemand bekennt, dass er nicht an Gott glaubt.

In den USA ist die Bezeichnung „Atheist“ vielerorts ein Schimpfwort, aber die Vereinigten Staaten sind auch das Land, in dem auf der Ein-Dollar-Note steht: „In God we trust“ – auf Gott vertrauen wir. Ein Land auch, in dem 88 Prozent der Bürger eine Frau ins Weiße Haus wählen würden, aber nur 45 Prozent einen Atheisten.

Verfolgung müssen die uckermärkischen Nudelgläubigen nicht fürchten, aber sie dürfen nicht alles. So wollten sie vor Jahren im Ort für ihre Messe werben und deren Anfangszeit an die Pfosten mit den Schildern für die Gottesdienste der evangelischen und katholischen Kirche hängen. Das zuständige Amt erlaubte es nicht.

Sie sind nicht einfach nur Atheisten

Also zogen sie vor Gericht und unterlagen in zwei Instanzen. „Aber wir geben nicht auf“, sagt Rüdiger Weida nach der Messe. „Wir haben Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht.“ Sie wollen sich höchstrichterlich bestätigen lassen, dass sie eine Weltanschauungsgemeinschaft sind, die den Kirchen gleichgestellt ist.

Ihre Begründung: Sie sind nicht einfach nur Atheisten, denn das Nicht-an-einen-Gott-Glauben sei noch keine Weltanschauung. Sie aber sind bekennende Verfechter der Evolutionstheorie und Anhänger der Wissenschaft.

„Unsere Kirche ist natürlich als Parodie gedacht“, sagt Weida. „Der Kern aber – unsere Überzeugung vom evolutionären Humanismus – ist sehr ernst gemeint.“ Die Nudelkirche sei deshalb auch im Bund für Geistesfreiheit und in der Giordano-Bruno-Stiftung.

Nun eilen Rüdiger Weida und die beiden Frauen wieder ins Haus zurück, denn in ihrem Kirchen-Schuppen ist es zu kalt, und Weida will noch das geöffnete Altar-Bier leeren. Dabei erzählt er, dass er schon immer ein wenig gegen den Strom geschwommen sei.

So endete seine akademische Karriere in der DDR nach einer angeblich zu frechen Büttenrede bei einem Studentenfasching in Dresden. Weida erzählt auch von seiner ziemlich dicken Stasi-Opferakte.

Die Kirche soll ihre Sonderrechte verlieren

„Aber darum geht’s nicht“, sagt er. „Es geht uns um die Trennung von Staat und Kirche.“ Er zeigt einen Aufkleber mit einem bärtigen Mann darauf und dem Spruch: „11. Gebot: Du sollst deinen Kirchtag selbst bezahlen.“

Sie kämpfen für Gleichheit, sagen die Nudelgläubigen, dafür, dass die Kirchen ihre alten Sonderrechte und Privilegien verlieren. Der Staat soll nicht mehr die Gehälter der Bischöfe zahlen, die Kirchen sollen nicht mehr von den meisten Steuern befreit sein oder Vergünstigungen erhalten.

Die Kirchen sollen die Kirchensteuer selbst eintreiben – und die soll nicht von der Einkommenssteuer absetzbar sein. Die Kirchen sollen Gerichtskosten zahlen müssen, sollen nicht automatisch Sitze in Rundfunkräten und Jugendhilfebeiräten erhalten.

„Warum können die Kirchen festlegen, dass sie in ihren Sozialeinrichtungen, die doch überwiegend vom Staat finanziert werden, nur Kirchenmitglieder einstellen?“, fragt Rüdiger Weida. „Warum haben diese Mitarbeiter kein Streikrecht?“

Und dann gäbe es da noch eine grundsätzliche Frage, sagt Weida: Warum gelten die Kirchen trotz aller Missbrauchsfälle, trotz aller Finanzskandale und trotz gieriger Bischöfe weiterhin als moralische Instanz?

Wie feiern Atheisten Weihnachten?

Bei so viel Ernsthaftigkeit – wozu ist die Nudelkirche denn eigentlich nötig? „Nicht jeden erreicht man mit einem philosophischen Buch. Außerdem macht es so viel mehr Spaß.“ Dass sie von vielen verlacht würden, sei ihnen egal. Sie sehen die Zukunft auf ihrer Seite. „Ich glaube nicht, dass es den Christen noch mal gelingen wird, den Osten zu evangelisieren“, sagt Weida.

Und wie feiern Leute, die nicht an Christus glauben, das Fest von Jesu Geburt? Was wünschen sie sich für 2018? Die Musiker aus Sachsen wünschen sich mehr Gelassenheit im Umgang mit ihrer Kirche ohne Gott und mit Atheisten im Allgemeinen. „Die Leute sollen sich zuerst unsere Kapelle anschauen und dann ihr Urteil fällen“, sagt Tino Taubert.

„Und Weihnachten feiern wir ganz klassisch. Das Fest hat sich doch längst von der Religion gelöst.“ Vivienne Leis erzählt, dass sie sogar in die Kirche gehen. „Wir sind nun mal Musiker, und zum Fest wird dort wunderschön gesungen.“

Und wie sieht es in der Uckermark aus? „Wir hoffen, dass 2018 unsere Klage in Karlsruhe angenommen wird“, sagt Rüdiger Weida. Sonst wollen sie gleich weiter vor den Europäischen Gerichtshof ziehen. „Aber wir sind überzeugt davon, dass das Verfassungsgericht nicht nur mutig ist und unsere Sache ernst nimmt, sondern dass wir auch gewinnen.“

Ihre Feier am 24. Dezember folgt natürlich nicht dem christlichen Brauch, ist aber auch keine säkulare Weihnacht wie bei dem Musikerpaar aus Sachsen; Weida und seine Frau halten sich lieber an die piratische Tradition ihrer Kirche. Im gemütlichen Wohnzimmer zeigt Weida auf die Nussknacker mit den langen Bärten vor der riesigen Bücherwand. Es sind keine Weihnachtsmänner, sondern Piraten.

Zum Fest wird auch kein Weihnachtsbaum geschmückt, sondern der kleine Segelmast eines Schiffes. „Wir feiern ein nudeliges Lichterfest“, sagt Weida. „Da kommt der Lichtpirat mit seiner Schatzkiste und bringt uns die Geschenke.“ Sein Lächeln ist breit; er scheint sich richtig darauf zu freuen. 

Seine Frau Elli Spirelli wird zum Abschied noch mal ganz kurz ernsthaft: „Die Gläubigen behaupten immer, dass auch bei uns ganz tief drinnen noch irgendeine Art Restglauben ist“, sagt sie. „Aber da ist nichts. Wirklich. Nur die schlichte Freude am Leben.“