Wer den Badeurlaub in Sanddünen durch den Baulärm riesiger Maschinen ergänzen will, der sollte in den kommenden Wochen und Monaten an die Westküste im dänischen Jütland reisen, er wird voll auf seine Kosten kommen. Denn dort hat man mitten in der Hauptsaison mit dem Abriss von 120 Betonbunkern begonnen, die seit 70 Jahren an der Wasserkante stehen und langsam verwitterten: Es sind hässliche Erinnerungen an Adolf Hitlers größenwahnsinniges „Atlantikwall“-Projekt, mit dem der Naziführer sein „Tausendjähriges Reich“ vom Nordkap bis Südfrankreich gegen eine Invasion aus dem Westen schützen wollte.

„Negatives Kulturerbe“

Die zwischen 1942 und 1944 errichteten Bunker überdauerten Hitler und sein Reich, denn sie nach dem Krieg zu sprengen, wäre zu riskant und aufwendig gewesen. Es gab wichtigere Aufgaben in den vom Nazi-Terror befreiten Ländern. Doch nun hat der Zahn der Zeit so stark an den Beton-Ungetümen genagt, dass diese zur Gefährdung von Fischern und Badegästen geworden sind. Die Dünen wandern, das Meer verschiebt seine Küstenlinie, und die einst am Strand gebauten Gebäude wurden vielfach von Wasser um- und überspült.

Die Wellen brechen den Beton nieder und legen die Stahlgitter frei, die spitz und rostig aus den Wänden ragen und für ahnungslose Schwimmer sehr gefährlich werden können.

So begann Anfang dieser Woche die große Abbauaktion, die bis Ende des Jahres ein Fünftel der rund 600 Bunker verschwinden lassen soll. Mit Grabmaschinen und riesigen Bohrern wird der Beton aufgebrochen und entfernt. Wo das nicht reicht, kommt Sprengstoff zum Einsatz. Schaulustige verfolgten, wie bei Harboøre die ersten Festungsanlagen dem Erdboden gleichgemacht wurden. Von Blåvand im Süden bis zum nördlichen Vigsø erstrecken sich die Objekte, die meisten von ihnen auf einer 50 Kilometer langen Küstenstrecke von Vedersø Klit bis Thyborøn. In mehrsprachigen Broschüren informieren die betroffenen Kommunen ihre Feriengäste über Sinn und Ablauf der Arbeiten.

Iver Einvoldsen, der Bürgermeister von Ringkøbing, ist zufrieden: „Die Bunker haben unsere Strände ja nicht gerade verschönert.“ Doch nicht alle teilen seine Freude. „Das hier ist Teil unserer Geschichte. Man entfernt etwas, das für die Nachwelt große Bedeutung haben kann“, sagte die Landschaftsarchitektin Louise Kjær. Die Bunker machten die Natur kantiger, und dies sei angebracht in einer Zeit, in der nicht mehr viel an die Kriegsgräuel erinnere. Kim Clausen, der Direktor des Lokalmuseums, sprach von einem „negativen Kulturerbe“, einem Teil der Besatzungsgeschichte, „auf die man nicht stolz ist und über die man nicht so viel reden wollte“. Der dänische Abschnitt des Atlantikwalls wurde von dänischen Geschäftemachern gebaut, die damit viel Geld verdienten.

„Die alten Bunker sind Zeugen eines dunklen Kapitels in Dänemarks Geschichte, das wir nicht vergessen dürfen“, sagte Umweltministerin Pia Ohlsen Dyhr, als sie dem Beginn des Abrisses beiwohnte. „Aber wir müssen einsehen, dass manche Bunker ein Risiko für Touristen und Badegäste sind. Jetzt entfernen wir die gefährlichsten davon zur Freude aller, die unsere schmucke Natur an der Westküste genießen.“ Dazu schießt der Staat rund 1,5 Millionen Euro bei. Die fast 500 Betonkästen, die keine akute Gefahr bedeuten, bleiben vorerst stehen. Die Abrissmaterialien sollen im dänischen Straßenbau verwendet werden, so dass Beton und Eisen mit 70 Jahren Verspätung doch noch einem sinnvollen Zweck zugeführt werden.

Noch eine hässliche Erinnerung an Adolf Hitlers Größenwahn: NS-Ferienanlage in Prora auf Rügen. Hier wurden jetzt die ersten Ferienwohnungen verkauft - mehr dazu in der Bildergalerie: