Man muss kein Wissenschaftler sein, um sich über die These zu wundern: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vertrat kürzlich die Auffassung, dass die Reaktorkatastrophe in Fukushima vor genau zwei Jahren für die japanische Bevölkerung praktisch keine gesundheitlichen Auswirkungen hat. Nur in unmittelbarer Umgebung des Reaktors sei das Krebsrisiko leicht gestiegen, hieß es in einem Ende Februar vorgestellten Bericht.

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW widerspricht dem nun heftig und legt eigene Berechnungen vor. Sie zeichnen ein komplett anderes Bild der Gefährdung.

Weniger Babys geboren

„Japan ist großflächig von der Reaktorkatastrophe betroffen“, sagte Henrik Paulitz von der deutschen Sektion von IPPNW am Mittwoch in Berlin. Die Organisation hat die Daten japanischer Behörden ausgewertet und dabei unter anderem herausgefunden, dass genau neun Monate nach dem Unfall die Geburtenzahl in Japan deutlich zurückgegangen ist. So seien im ganzen Land im Vergleich zur statistischen Erwartung rund 4.400 Kinder weniger geboren worden.

„Es ist anzunehmen, dass viele Embryonen in sehr frühen Phasen strahlenbedingt abgestorben sind“, so IPPNW-Vertreter Winfrid Eisenberg. Auch die Zahl der Säuglinge, die in der ersten Woche nach der Geburt starben, sei gestiegen, und zwar landesweit um 75 Kinder. Diesen Effekt habe man auch nach der Reaktorkatastrophe vom Tschernobyl beobachtet.

Besorgniserregend ist nach Einschätzung der Ärzteorganisation das Krankheitsgeschehen bei Kindern in der Region Fukushima. Bis Ende 2011 hätten sich bei einem Drittel der rund 133.000 untersuchten Kinder Schilddrüsenknoten und -zysten entwickelt. 2012 stieg dieser Anteil auf über 40 Prozent. Zwar sind derartige Erkrankungen bei Erwachsenen nicht selten und zumeist gutartig. Bei Kindern stellten sie aber eine absolute Rarität dar, erläuterte Eisenberg. Außerdem seien Knoten und Zysten bei Kindern – anders als bei Erwachsenen – als Vorstufen von Krebs anzusehen.

IPPNW-Vertreter rechnet mit hohen Krebszahlen

Allein im Raum Fukushima müsse daher damit gerechnet werden, dass 14.000 Kinder an Schilddrüsenkrebs erkranken werden. „In ganz Japan muss leider mit einem Vielfachen dieser Zahl gerechnet werden“, betonte IPPNW-Vertreter Eisenberg. Erste Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern im Bezirk Fukushima seien bereits dokumentiert.

Insgesamt schätzt die Ärzteorganisation die landesweite Zahl von Krebserkrankungen durch die Strahlenbelastung auf mehrere Zehntausend. Sie liegt je nach wissenschaftlicher Berechnungsmethode zwischen 80.000 und 120.000. Dabei berücksichtigt sind den Angaben zufolge auch Krebserkrankungen, die durch kontaminierte Nahrungsmittel entstehen. Die Zahl dieser möglichen Krankheitsfälle bezifferten die IPPNW-Ärzte auf rund 37.000. Paulitz räumte allerdings ein, dass dieser Wert mit einer großen Unsicherheit behaftet sei.

Der WHO warf die Ärzteorganisation vor, auf die Atomindustrie Rücksicht zu nehmen und daher die Folgen der Katastrophe herunterzuspielen und zu verharmlosen. So tauchten die Auffälligkeiten in der Geburtsstatistik in dem WHO-Bericht überhaupt nicht auf, betonte Eisenberg, der selbst Kinderarzt ist. „Die alarmierenden Nachrichten aus Japan müssen uns in Deutschland veranlassen, die Energiewende zügig voranzutreiben“, sagte er.