Düsseldorf - Am kommenden Dienstag, in einer Sondersitzung des Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des NRW-Landtages zur NSU-Mordserie, werden die drei Düsseldorfer Chef-Fahnder von Polizei und Justiz zum Wehrhahn-Anschlag in öffentlicher Sitzung befragt.

Einer der Beamten hatte in den vergangenen Monaten unter Ausschluss der Öffentlichkeit vertraulich berichtet, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen wurden.

Der NSU-Ausschuss hatte ohnehin geplant, über das Wehrhahn-Attentat zu sprechen, weil alle Taten in NRW mit einem möglichen rechtsextremen Hintergrund thematisiert werden sollten.

„Ich erwarte von den Verantwortlichen im Wehrhahn-Fall ausführliche Antworten unter anderem auf die Fragen, in welche Richtungen damals ermittelt wurde und ob es Hinweise auf rechtsextreme Netzwerke gab“, betont Andreas Kossiki, SPD-Obmann im NSU-Ausschuss. Je nach dem Ergebnis der Befragung müsse man prüfen, ob der Anschlag zukünftig nicht in einem eigenen Untersuchungsausschuss aufgearbeitet werden müsse.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es sich bei Ralf S. um einen Einzeltäter handelt, der keiner rechtsextremistischen Gruppe zugeordnet werden kann. Ist das wirklich so?

Die Initiative „NSU Watch NRW“ bezweifelt das. Bei den weiteren Ermittlungen müsse geklärt werden, welche Kontakte zwischen Ralf S. und Neonazis bestanden haben – beispielsweise von der Kameradschaft Düsseldorf. Es habe im Jahr 2000 in Düsseldorf eine gewaltbereite rechte Szene gegeben, so eine Sprecherin.

Im Herbst 1999 haben zwei Neonazis Schüler der Sprachschule, aus der die Opfer stammten, 14 Tage lang mit Kampfhunden bedroht. Sie hatten Kontakt zu Ralf S.  Warum hat das bei den Ermittlungen keine Rolle gespielt?

Man habe den Fall damals zur Kenntnis genommen, sagt Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück, Weil zwischen den Bedrohungen und dem Anschlag aber acht bis neun Monate lagen, keinen Zusammenhang gesehen.

Was wusste der NRW- Verfassungsschutz?

Diese Frage möchte „NSU Watch NRW“ beantwortet haben. Schließlich könne man davon ausgehen, dass auch in der Düsseldorfer Neonazi-Szene V-Leute des Verfassungsschutzes aktiv waren. Die Initiative fordert daher, nach der Landtagswahl am 14. Mai einen neuen Untersuchungsausschuss zum Anschlag und den noch offenen Fragen zum NSU einzusetzen. Die Polizei betont bisher, dass es im Falle von Ralf S. „keine Staatsschutz relevanten Hintergründe gegeben hat“, so Markus Röhrl, Leiter der Direktion Kriminalität der Polizei Düsseldorf.

Wann hat die erste Ermittlungsgruppe „Acker“ einen politisch motivierten Anschlag endgültig ausgeschlossen?

Nach einem Jahr Ermittlungen gab es noch drei Theorien, so die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft: rechte Gewalt, verrückter Einzeltäter oder organisierte Kriminalität aus Osteuropa. Alle Theorien würden von der Polizei „in gleicher Intensität geprüft“, hieß es damals.

Im Verlauf der weiteren Ermittlungen hat man eine rechtsextreme Tat oder einen Einzeltäter für immer unwahrscheinlicher gehalten. Ein politischer Anschlag sei fast völlig auszuschließen, sagte Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück im Juli 2009, weil es „nie ein Bekennerschreiben gegeben“ habe. Auch die Theorie des Alleintäters wurde nicht mehr weiter verfolgt. Am Ende blieb also nur noch die Russenmafia, bevor die Angelegenheit vom damaligen Chefermittler nach neun Jahren als „ungelöst“ eingestuft wurde.

Ist es also nur purem Zufall zu verdanken, dass der Fall im Sommer 2014 wieder aufgenommen wurde?

Ja. Hätte Ralf S. im Juli 2014, als er wegen kleinkrimineller Delikte eine Ersatz-Freiheitsstrafe im Gefängnis Castrop-Rauxel verbüßte, gegenüber einem Mithäftling die Tat nicht eingestanden, wären die Ermittlungen nicht wieder aufgerollt worden. Er habe dazu eine Rohrbombe mit Fernzündung verwendet. „Das war Täterwissen und im Jahr 2000 nicht genau zu verifizieren“, so Chefermittler Röhrl.