Leipzig am 9. Oktober 1989.
Foto: Aram Radomski/akg-images

LeipzigIch habe mal den Versuch gemacht: Ich habe drei verschiedene Menschen – eine Westfrau, eine Ostfrau, einen Westmann – gefragt, ob sie sich dran erinnern, wie sie den 9. Oktober 1989 verbracht haben. Alle drei fingen sofort davon zu erzählen, wie sie den 9. November, den Tag der Maueröffnung, erlebt haben. Die Verwechslung ist nachvollziehbar, doch danach hatte ich nicht gefragt. Ich hatte nach dem 9. Oktober gefragt, dem Tag der großen Demonstration in Leipzig.

9. Oktober, hä? Was war da schon wieder?

Der 9. Oktober war ein Tag, der in einem Bürgerkrieg hätte enden können. Es war eben nicht von Anfang an die „friedliche Revolution“, als die sie heute gilt. Es hätten Schüsse fallen können wie ein halbes Jahr zuvor in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Je mehr man sich im Rückblick mit den Abläufen des Tages befasst, desto weniger versteht man, warum die Ereignisse von Leipzig in der kollektiven Erinnerung nur eine untergeordnete Rolle spielen. Es ist ein Tag, an dem der spätere Lauf der Geschichte entschieden wurde, ein Tag, auf den man stolz sein kann. Und zwar nicht nur die Ostdeutschen, sondern alle Deutschen.

Es gibt in Leipzig jedes Jahr am 9. Oktober ein Fest. Bislang wurde es kaum über die Stadt und das Bundesland Sachsen hinaus beachtet. In diesem Jahr findet eine größere Gedenkfeier mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier statt, sie wird live im Fernsehen übertragen. Auch die Berliner DDR-Oppositionelle Freya Klier sowie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) werden dort reden. In der Peterskirche wird der Linken-Politiker Gregor Gysi auftreten, darüber ist schon vorab gestritten worden.

Ritualisiertes Gedenken

Gysi, Klier, Kretschmer, Steinmeier – schön und gut. Das sind aber nicht die Menschen, die am 9. Oktober in Leipzig auf die Straße gegangen sind oder die verhindert haben, dass ein Schuss fällt. Frank-Walter Steinmeier war im Herbst 1989 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Gießen. Freya Klier war 1988 ausgebürgert worden und lebte in West-Berlin. Michael Kretschmer war ein Schuljunge in Görlitz. Gregor Gysi war Anwalt in der DDR.

Wenn man über den 9. Oktober redet, muss man vielleicht grundsätzlich darüber reden, wie ritualisiert und formelhaft alle fünf Jahre an das Ende der DDR erinnert wird. Mit immer den gleichen Gesichtern und Reden, als wäre es ein lästiger Termin im Kalender, der abgearbeitet werden muss.

Manchmal wiederholen sich sogar die Debatten, wie jüngst die Diskussion über den Begriff Unrechtsstaat. Die Ost-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und Manuela Schwesig hatten sie angestoßen, sie wehrten sich gegen den Begriff Unrechtsstaat im Zusammenhang mit der DDR. Ist das wirklich die Frage, die das Land 2019 weiterbringt? Die DDR war kein gutes Land, aber es war auch kein zweiter NS-Staat.

Wenn über den Herbst 89 gesprochen wird, dann hat sich die Floskel vom Mauerfall eingebürgert. Die Mauer ist aber nicht gefallen, so wie Regen fällt. Es war auch nicht Bundeskanzler Helmut Kohl, der die Mauer öffnete, oder ZK-Generalsekretär Egon Krenz. Und es war auch nicht der Politiker Björn Höcke oder einer der anderen westdeutschen Funktionäre der Partei AfD, die das Erbe von 1989 für sich reklamieren.

Es waren mutige, disziplinierte Menschen, die sich im Herbst 1989 auf die Straße trauten, und es waren Menschen auf der anderen Seite, die nicht schossen, Soldaten, Polizisten, Kampfgruppenangehörige.

Am 9. Oktober 1989 kamen auf den Straßen und in den Kirchen von Leipzig schätzungsweise 70 000 Menschen zusammen – noch nie protestierten in der DDR so viele öffentlich. Man muss sich noch mal ins Gedächtnis rufen, was für ein Risiko jeder, der damals auf die Straße ging, einging. Wenn man darauf zurückblickt, dann schaut man vom Ende her drauf, man weiß, wie es ausgegangen ist. Man weiß, dass kein Schuss fiel. Doch das war zu Beginn keinesfalls klar. Die Lage hätte ganz leicht eskalieren können.

Klimaprotest von Extinction Rebellion

Es war ja nicht so wie heute beim Klimaprotest von Extinction Rebellion, wo alles generalstabsmäßig durchorganisiert ist, jeder weiß, was in einer Demokratie geht, was nicht und wie weit man gehen kann. In der DDR konnte man dafür ins Gefängnis wandern, ein Plakat hochzuhalten.

Zwei Tage zuvor waren am 7. Oktober 1989 bei spontanen Demonstrationen in Berlin rund 1 200 Menschen verhaftet worden. Wer damals dabei war, erinnert sich an das brutale Vorgehen der Polizei. Die Menschen wurden geschlagen, getreten und gespuckt. „Wir durften stundenlang nicht auf die Toilette“, erinnert sich eine, die damals verhaftet wurde.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk zeichnet in seinem Buch „Endspiel“ die Ereignisse rund um den 9. Oktober nach. Er erinnert daran, dass Egon Krenz am 8. Oktober noch im Auftrag von Erich Honecker an alle SED-Bezirksleitungen ein eiliges Rundschreiben verfasste, in dem auf die „rowdyhaften Zusammenrottungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen“ in mehreren Bezirken hingewiesen wurde: „Es ist damit zu rechnen, dass es zu weiteren Krawallen kommt. Sie sind von vornherein zu unterbinden.“

In der Zeitung meldeten sich Kampfgruppenkommandeure zu Wort, die sich entschlossen zeigten, konterrevolutionäre Aktionen „endgültig“ zu beenden, notfalls mit der Waffe. Am 9. Oktober war die Lage angespannt, um Leipzig herum standen Panzer bereit. In der Stadt selbst waren überall Polizisten zu sehen. In den Krankenhäusern waren angeblich schon zusätzliche Blutkonservenlager angelegt worden, so schildert es der Historiker Kowalczuk. Bei der Stasi kursierten am Vorabend des 9. Oktober Listen mit Namen von Oppositionellen, die bei einem Übergriff verhaftet und in Isolierlager gesteckt werden sollten.

Die Ereignisse vom 9. Oktober waren nicht geplant, nicht orchestriert. In der Verwaltung herrschte Nervosität. Die Leipziger Funktionäre wussten nicht, wie sie mit den zu erwartenden Montagsdemonstranten umgehen soll. „Das ZK schwieg, Egon Krenz als zuständiger Sekretär des ZK ebenfalls“, schreibt Kowalczuk. Was es gab, waren Aufrufe verschiedener Oppositionsgruppen zur Gewaltlosigkeit. Verschiedene Menschen setzten sich dafür ein, dass nicht geschossen wird. Am wichtigsten war ein Aufruf der „Leipziger Sechs“. Der bekannteste der Sechs war der Dirigent Kurt Masur, dabei waren auch der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und der Theologe Peter Zimmermann.

Drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung stimmten zu

Weniger bekannt ist, dass unter den Initiatoren des Aufrufs auch drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung waren, die ebenfalls zustimmten, öffentlich genannt zu werden. Sie heißen Kurt Meyer, Jochen Pommert und Roland Wötzel. Sie setzen sich damals über Helmut Hackenberg hinweg, den Einsatzleiter der Truppen vor Ort, der als Hardliner galt. Die „Leipziger Sechs“ kamen am Nachmittag zusammen und verfassten den Aufruf.

Es war ein wichtiger Moment, ein Moment, in dem sich alles entschied, ein Moment, aus dem man heute noch Kraft schöpfen könnte: Da kamen Menschen, die auf unterschiedlichen Seiten standen, zusammen, ließen ihre Differenzen beiseite und verhinderten ein Blutbad. Nicht Parteien, nicht feste Gremien, sondern Einzelpersonen, die über ihren Schatten sprangen.

Man findet ihre Namen in historischen Abhandlungen. Aber wer erinnert sich sonst an sie? Wie viele Straßen wurden nach den „Leipziger Sechs“ benannt?

Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus

Den Aufruf verlas Kurt Masur damals über den Leipziger Stadtfunk. Die Demonstranten hörten seine Stimme aus den Lautsprechersäulen am Leipziger Ring. „Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung unserer Stadt betroffen und suchen eine Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land.“ Diejenigen, die das hörten, waren erleichtert. Und ja, damals war noch die Rede von der Reform des Sozialismus. Eine deutsche Einheit schien jedenfalls weit weg, nahezu undenkbar. Die Demonstranten riefen „Wir sind das Volk“, den Satz, den die AfD dreißig Jahre später im Wahlkampf benutzen wird.

Wenn man sich die Ereignisse von damals anschaut, dann sieht man, wie absurd und falsch die Parallelen sind, die die AfD zwischen heute und 89 zieht. Die Bundesrepublik sei heute in einer ähnlichen Phase wie die späte DDR, die Bundesrepublik sei quasi auch eine Diktatur, das sind die Parallelen, die gern gezogen werden.

Dass diese Legende so gern geglaubt wird, hat vielleicht damit zu tun, dass die Selbstbefreiung der Ostdeutschen eine Angelegenheit einer Minderheit war, die nach der Vereinigung nicht ins kollektive Gedächtnis eingeflossen ist. 1990 wurden aus den Menschen, die auf die Straße gegangen waren, die Stasi-Zentralen besetzten und Zeitungen gründeten, „Jammerossis“ und „Bürger zweiter Klasse“.

Dabei hätte der 9. Oktober so viel identitätsstiftendes Potenzial. Wenn man etwas daraus lernen will, dann das: Dass Veränderung möglich ist, und zwar nicht mit Hass, Wut und Abgrenzung, sondern mit Kompromissfähigkeit, Risikobereitschaft und Menschenfreundlichkeit.

Die Bilder, die Mut machten

Etwa eine halbe Stunde nach dem Aufruf der Sechs wurde vor Ort in Leipzig entschieden, nicht einzugreifen, wenn niemand angegriffen wird. „Hier sind keine Forderungen gestellt worden, nicht durch Herrn Krenz und auch nicht durch Herrn Hackenberg, nicht zur Beruhigung und nicht zur Eskalation, ich habe dann um 18:25 Uhr den Befehl zur Selbstverteidigung und zur Rückziehung der Kräfte gegeben“, wird Gerhard Straßenburg, Chef der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei, später zitiert wird. Die Menschen zogen weiter, einige stellten vor dem Gebäude der MfS Bezirksverwaltung Kerzen ab. Egon Krenz rief erst gegen 19.15 Uhr an und segnete die Entscheidung nachträglich ab. Die Bilder von der Veranstaltung, die die Oppositionellen Siegbert Schefke und Aram Radomski gefilmt haben, wurden am nächsten Tag im Westfernsehen gezeigt. Sie machten auch vielen DDR-Bürgern Mut.

An diesem 9. Oktober kam etwas in Bewegung, an den darauffolgenden Montagen trauten sich auf einmal in vielen anderen Städten Leute auf die Straße. Die meisten Kundgebungen fanden laut Zählung des Historikers Kowalczuk im Bezirk Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) fest, die wenigsten im Bezirk Frankfurt/Oder. Vier Wochen später stürmten die Menschen die Mauer.