Gespenstische Leere in New York: Ein Fußgänger auf dem sonst so turbulenten Broadway.
Foto: AP/John Minchillo

New YorkDie Bilder sind mittlerweile zu Ikonen der Corona-Krise geworden – der menschenleere Broadway rund um den Times Square, gewöhnlich eine der geschäftigsten Meilen der Welt, jetzt gespenstisch leer. Man bekommt anhand solcher Aufnahmen den Eindruck, als stehe New York, das pulsierende Herz des US-amerikanischen Kapitalismus, still. Was man jedoch weniger häufig zu sehen bekommt, sind die Szenen, die sich mittlerweile in den Parks der Stadt abspielen.

Der Central Park ist am Wochenende zum wohl umkämpftesten Flecken Erde der Stadt geworden. Spaziergänger, Jogger und Fahrradfahrer suchen verzweifelt ein klein wenig Platz in der Sonne, ohne den Mitbürgern gefährlich nahe zu kommen. Je länger der Lockdown anhält und je schöner das Wetter wird, desto angespannter wird die Lage.

Und je näher der Sommer rückt, desto nervöser werden die New Yorker. Wo soll man hin, wenn es heiß wird und die winzigen Wohnungen, die man noch immer nur verlassen soll, um das Nötigste zu erledigen, sich nach Monaten der Quarantäne anfühlen wie Gefängniszellen?

Bürgermeister Bill de Blasio bietet nun eine erste Lösung an. In den kommenden Wochen sollen 160 Kilometer der kaum genutzten Straßen für den Autoverkehr gesperrt und für Fußgänger und Fahrradfahrer geöffnet werden, damit diese sich sicher im Freien bewegen können.

De Blasio reagierte mit der Maßnahme auf wachsenden öffentlichen Druck. Schon vor Wochen hatte der seit Beginn der Corona-Krise immens populäre New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo der Stadt nahe gelegt, die Straßen freizugeben, auf denen der Autoverkehr um rund 40 Prozent gesunken ist. Der Bürgermeister, der seit langem ein eher schwieriges Verhältnis zu Cuomo hat, stellte sich zunächst bockig und fand alle möglichen Gründe, warum die Idee schwierig umzusetzen sei. Doch als die New York Times in einem langen Leitartikel forderte, den Corona-gestressten New Yorkern im Sommer mehr Freiräume zu bieten, gab de Blasio schließlich nach.

Vorkämpfer für eine autoärmere Stadt sehen in der Notmaßnahme nun eine Gelegenheit für ein dauerhaftes Umdenken in New York. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, nicht nur Raum für Social Distancing während der Corona-Krise zu schaffen“, sagte Danny Harris, Direktor der Gruppe Transportation Alternatives, die sich seit vielen Jahren für neue Verkehrskonzepte einsetzt.  „Wir können nun tatsächlich das urbane Leben in unserer Stadt neu denken und eine gesündere, ökologisch gerechtere Stadt für alle New Yorker schaffen.“

Der ökologische Umbau der noch immer autoorientierten Stadt ist seit langem ein heiß diskutiertes Thema. Kritiker mahnen an, dass eine seit Jahrzehnten verfehlte Verkehrspolitik zu einem unerträglichen Zustand geführt hat.

In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Die jahrzehntelange Vernachlässigung des öffentlichen Nahverkehrs führte im Sommer 2018 zu einer Transportkrise. Die Zugausfälle, Überfüllungen und Unfälle ballten sich derart, dass die Stadt die Notlage nicht mehr ignorieren konnte.  Mittlerweile ist ein umfassendes Sanierungsprogramm für das U-Bahn-Netz in Gang, das über die nächsten Jahre für 19 Milliarden Dollar wieder einen zuverlässigen Transport der täglich sechs Millionen Fahrgäste gewährleisten soll. Eine komplette Modernisierung, darüber ist man sich einig, wäre utopisch.

Gleichzeitig wurde im vergangenen Jahr die Lage für Fußgänger und Fahrradfahrer auf New Yorks Straßen immer dramatischer. Die Zahl der Verkehrstoten war so hoch wie noch nie – 205 Menschen starben, darunter 29 Radfahrer. So lag die Diskussion über ein dringend notwendiges Umdenken bereits vor der Pandemie in der Luft. Erst Ende 2019 kündigte de Blasio ein neues Verkehrskonzept an, das, wie es hieß, „die Autokultur der Stadt brechen soll“.

Teil des Plans war es, im Laufe des Jahres 2021 knapp 400 Kilometer geschützter Fahrradwege zu schaffen. Auf den ersten Blick eine enorme Zahl, für Harris jedoch bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wir haben 8000 Kilometer Straße in New York, die beinahe ausschließlich von Autos genutzt werden“.

In der Krise sehen Leute wie Harris die Chance, dass New Yorker nun erleben können, wie eine autoarme Stadt funktionieren kann. Die Wochen seit Beginn des Lockdowns waren diesbezüglich ermutigend. Immer mehr Menschen steigen auf das Fahrrad, nicht zuletzt, um die U-Bahn zu meiden. Das Bike-Share-Programm Citi Bike verzeichnet beinahe doppelt so viele Nutzer wie sonst, es kommt zu Engpässen.

Auch der neuen Liebe zum Fahrrad versucht de Blasio Rechnung zu tragen. Auf einigen Hauptverkehrsadern werden temporäre Radspuren eingerichtet. Fahrradgeschäfte wurden als notwendige Betriebe eingestuft und freuen sich über regen Zulauf. Viele kommen mit den Reparaturen gar nicht mehr nach. Ob sich New York an das „new normal“ gewöhnt, muss sich freilich erst noch zeigen. Erst einmal will man durch den Sommer kommen, ohne im Freien auf beängstigende Menschenmassen zu stoßen.