Ursula Mertens, Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht Naumburg, ruft zur Verhandlung gegen den Attentäter von Halle auf.
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MagdeburgDie Art und Weise, wie Richterin Ursula Mertens den Prozess gegen den Attentäter von Halle führt, ist nicht unumstritten. Die einen loben ihre gründliche Befragung, ihre höfliche Art im Umgang mit dem geständigen Mörder sowie ihre gelassene und freundliche Verhandlungsführung. Andere wiederum sagen, sie gebe dem Angeklagten zu viel Raum, seine menschenverachtende Ideologie zu präsentieren, und fahre ihm zu selten in die Parade. An diesem Dienstag wird der Prozess fortgesetzt.

Die Diskussion widerspiegelt die Debatte im Zuschauerraum darüber, wie viel Rechtsstaatlichkeit einem so grausamen und kaltherzigen rassistischen Mörder wie Stephan B. zugestanden werden soll. Richterin Mertens hat mit ihrer korrekten und sachlichen, manchmal geradezu mütterlichen Art von Prozessbeginn an jedoch klar gemacht, dass sie den Angeklagten nicht vorverurteilen will (und darf), sondern den Menschen hinter den Taten erkunden möchte. Stephan B. macht es der erfahrenen Juristin dabei nicht leicht. Fragen nach seiner Familie, seiner Kindheit und Schulzeit weist er entweder brüsk als „unwichtig“ zurück oder beantwortet sie nur knapp. Aber Richterin Mertens lässt sich nicht so einfach abschütteln. Immer wieder bohrt sie nach, hakt nach. Der Angeklagte soll erkennen, dass sich das Gericht für ihn interessiert, für seine Beweggründe, dafür, was ihn in auf diesen Weg gebracht hat.

Es ist der erste große Staatsschutzfall der 57-jährigen Juristin, die nach ihrem Studium in Passau und Bonn zunächst als Anwältin in der Eifel arbeitete. Nach der Wiedervereinigung kam sie nach Ostdeutschland, arbeitete 13 Jahre lang als Vorsitzende der Großen Strafkammer am Landgericht Halle. Etwas bekannter wurde sie dort, als sie den selbsternannten „König von Deutschland“, einen sogenannten Reichsbürger, verurteilte. Im Herbst 2019 dann ging sie als Vorsitzende Richterin ans Oberlandesgericht in Naumburg.

Stephan B. in seinem Prozess keine Bühne zu bieten und ihn dennoch ernst zu nehmen als menschliches Wesen, ist eine neue und schwierige Herausforderung für Ursula Mertens. Nach zwei Verhandlungstagen ist es für eine Bewertung, wie sie diese Herausforderung bewältigt, noch zu früh. Es liegt noch ein langer Weg vor der Richterin.