Das Sowjetische Ehrenmal in Schönholz.
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BerlinVielen Dank für das freudige Leserecho auf meine Kolumnen zum 8./9. Mai. Wie erwartet, gab es einige Ausreißer. So beschimpfte mich der Leser C.M. als „Schreiberling“ und wollte sich beim „russischen Volk“ „mit Sicherheit nicht für die Befreiung von den Nationalsozialisten“ bedanken, aber an die „Vergewaltigungen deutscher Frauen“ erinnern, an das „DDR-Unrechtsregime“ usw. Der Leser M.M. erkannte in meinen Kolumnen „typischen deutschen Selbsthass“ und befand: „Die Sowjets waren auch nicht besser als die Wehrmacht.

Fraglos soll auch über Verbrechen gesprochen werden, die feindliche Armeen im Zweiten Weltkrieg begangen haben, allerdings in angemessener Relation. So wurde der Sozialdemokrat und Gewerkschafter Anton Erkelenz am 24. April 1945 in Berlin-Zehlendorf erstochen, als er seine Haushälterin vor der Vergewaltigung durch Sowjetsoldaten schützen wollte. Solche Morde wurden und werden gerne „den Russen“ angelastet, nicht etwa polnischen, georgischen, estnischen oder ukrainischen Soldaten, die gleichfalls in der Roten Armee kämpften. Nicht selten wird die Erinnerung von heutigen Interessen und Vorurteilen verzerrt.

Nun zum Grundsätzlichen. Die Deutschen sind am 22. Juni 1941 mit drei Millionen Soldaten in der Sowjetunion eingefallen. Sie führten den größten Raub-, Vernichtungs- und Versklavungskrieg der Geschichte. Deutsche beabsichtigten und begannen, die Elite dieses Staates auszurotten, das Land zur Kolonie zu machen, seine Bürger zu verknechten, sofern sie ihnen noch ein bedingtes Lebensrecht zugebilligten. Deutsche ließen mit Absicht in der zweiten Jahreshälfte 1941 etwa 2,5 Millionen gefangene Rotarmisten verhungern. Sie belagerten Leningrad, um fünf Millionen Zivilisten von jeder Nahrungszufuhr abzuschneiden, und mehr als eine Million Leningrader Kinder, Frauen und Alte starben deshalb. Mit Moskau sollte genauso verfahren werden. Deutsche verschleppten Millionen Menschen zur Zwangsarbeit und ermordeten alle sowjetischen Juden, derer sie habhaft werden konnten.

Derartige Massenverbrechen begingen die Soldaten der Roten Armee nicht. Im Verteidigungskrieg gegen Deutschland sind 13 Millionen sowjetische Soldaten gefallen, zudem wurden 14 Millionen sowjetische Zivilisten von Deutschen ermordet oder sind infolge deutscher Kriegsführung ums Leben gekommen. Anders als im Fall des Mordes an den europäischen Juden werden die in der Sowjetunion begangenen deutschen Großverbrechen noch immer gerne ignoriert oder gegen stalinistische Verbrechen aufgerechnet – zumal in der Ex-BRD. Dagegen sollen am 8./9. Mai Zeichen gesetzt werden.

In Berlin empfehle ich den Besuch des sowjetischen Ehrenfriedhofs in der Schönholzer Heide in Pankow. Dort liegen 13 200 gefallene Rotarmisten begraben. Im Zentrum der Anlage steht die trauernde Mutter Heimat über dem Leichnam des Sohnes – eine Pieta. Gewidmet wurde das 1949 eingeweihte Ehrenmal nicht dem Sieg, nicht Stalin, sondern ausdrücklich den Müttern, Witwen und Waisen – den heutigen Hinterbliebenen der Gefallenen und Ermordeten. Ihnen allen bezeugen wir am 8./9. Mai Ehre, unser Mitgefühl und unseren Wunsch nach Versöhnung – sei es mit Blumengrüßen, Fotos, kleinen Filmen, Musik und Kommentaren in allen möglichen Medien.