Michael Müller und Sawsan Chebli bei einer Plenarsitzung. 
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BerlinEs war ein erfrischender Knallbonbon am warmen Donnerstagabend: Sawsan Chebli, 42-jährige gebürtige Berlinerin mit palästinensischen Eltern, SPD-Politikerin und Staatssekretärin in der Senatskanzlei, erklärte ihre Kandidatur für ein Bundestagsmandat in Charlottenburg-Wilmersdorf bei der Wahl im nächsten Jahr. Chebli konkurriert damit direkt mit ihrem Chef in der Senatskanzlei, dem 55-jährigen Michael Müller.

Der Showdown in ChaWi wirft vor allem zwei Fragen auf. Wagt die SPD den Sprung ins Weite und nominiert eine in ihrem Kampfeseifer für Gleichberechtigung und gegen Ausgrenzung öfter einmal überschäumende Politikerin? Oder geht es darum, einem verdienten Politiker einen Posten für den Karriereabend zu organisieren? Erst einmal ein Blick zurück: Michael Müller ist nicht der erste Regierende Bürgermeister, der direkt aus dem Amt in den Bundestag wechseln will. Drei Männer vor ihm haben es geschafft, alle auch aus der SPD.

Willy Brandt wurde 1957 Regierender Bürgermeister West-Berlins und blieb es bis 1966. Zwischendrin trat er zweimal als Kanzlerkandidat an, verlor aber jeweils. 1966 wurde Brandt Außenminister. Der Rest ist Legende: Bundeskanzler, Entspannungspolitiker, ewiges Idol der Partei. Dietrich Stobbe wurde 1977 Regierender, bis er 1981 über eine Baufilzaffäre stolperte. 1983 ließ sich Stobbe in den Bundestag wählen. Was immer er dort gemacht haben mag, es blieb dem Berliner Publikum weitgehend verborgen. Und so war selbst die Nachricht, dass Stobbe für das erste gesamtdeutsche Parlament 1990 nicht mehr antreten würde, eigentlich schon keine mehr.

Stobbe ist auch der Grund für Hans-Jochen Vogels unglückliches Intermezzo in Berlin. 1981 folgte Vogel als Justizminister den Hilferufen der kriselnden Berliner SPD und wurde mitten in der Legislaturperiode Regierender Bürgermeister. Fünf Monate später verlor Vogel die Neuwahl. Er blieb noch zwei Jahre in Berlin, ehe er zurück in den Bund ging. Bis zu seinem Tod vor drei Wochen war Hans-Jochen Vogel eine hochgeachtete Politikerpersönlichkeit. Anders als Brandt und Vogel könnte Stobbe als Prototyp für einen dienen, der das Hohe Haus mit einem Abklingbecken für verbrauchte Regierende Bürgermeister verwechselt hat.

Womit wir wieder bei Michael Müller wären. Die Frage, warum Müller nach seinem Abschied aus dem Roten Rathaus in den Bundestag wechseln will, ist wohl schnell beantwortet: Politik ist sein Leben. Nach mehr als 30 Jahren Kommunal- und Landespolitik macht ihm keiner etwas vor. Die Frage, warum ihn seine Partei in den Bundestag schicken sollte, ist nicht so leicht zu beantworten. Nun, Müller hat sechs Jahre lang eine naturgemäß komplizierte Dreier-Koalition zusammengehalten und wird dies auch noch das letzte Jahr hinbekommen. Meriten hat er sich unter anderem im Zweit-Job als Ressortchef für Wissenschaft erworben. Nicht wenige halten ihn für „den besten Wissenschaftssenator aller Zeiten“ – was für ein vergiftetes Lob für einen Regierungschef. Er hat bei den jüngsten GroKo-Verhandlungen für die SPD das Bauressort verhandelt …

Mindestens so wichtig ist aber, was Michael Müller im Gegensatz zu Sawsan Chebli nicht ist: frisch, jung, Frau, Spiegelbild einer diversen Stadt, schon per Biografie authentisch energisch im Einsatz gegen Rassismus und Sexismus. Aber es gibt noch etwas: Sawsan Chebli sagt, sie freue sich auf einen „offenen und fairen Wettbewerb“. Das klingt wie eine Floskel, berührt aber einen Punkt. Michael Müller kam mutmaßlich mithilfe eines Hinterzimmerdeals zur Kandidatur. Als er im Januar seinen baldigen Rückzug vom Parteivorsitz erklärte, soll der Bundestagseinzug sein Lohn gewesen sein. Dass er nun dabei ausgerechnet mit seiner Staatssekretärin kollidiert, hat diese mit zu verantworten. Monatelang putzte Chebli in der Partei Klinken, anstatt offen ihre Ambitionen zu erklären.

Solche innerparteilichen Intrigenspiele schrecken ab. Besser wäre es für die SPD, sie verstünde die Kampfkandidatur nicht als Denkmalstürmerei oder als letztes Gefecht eines (gar nicht so) alten weißen Mannes, sondern als Chance. Man hat eine echte Wahl – man muss nur die richtige treffen.