Paris - Pascal steht mit dem Rücken zur Tür, als eine Frau in den Imbiss stürzt. Sie hat ein kleines Mädchen an der Hand und schreit in Panik. Draußen schießen Männer mit automatischen Waffen in die Fenster der Restaurants, minutenlang. Sie fliehen, rennen in Todesangst in den hinteren Teil des Restaurants, nur weg von den Fenstern, und verstecken sich in der Küche.

„Ich hatte etwas zu essen bestellt, das ich nur abholen wollte. Als die Schüsse losgingen, glaubte ich an Kinder mit Feuerwerksknallern. Das hat ja Hunderte Male geknallt“, beschreibt Pascal, der seit acht Jahren im zehnten Arrondissement wohnt, einer der quirligsten und am dichtesten besiedelten Gegenden der Stadt.

15 Minuten harren sie in der Küche aus. Als Pascal zurück auf die Straße tritt, bietet sich ein grauenhaftes Bild. Drei Tote sieht er am Boden liegen, zahlreiche Verletzte. Überall Schreie. „Es war entsetzlich“, sagt er am nächsten Tag. Er war Zeuge der Anschläge auf die Restaurants „Bonne Biere“ und „La Casa Nostra“ an der Rue de la Fontaine au Roi geworden, unweit des beliebten Canal Martin, wo die Cafés und Restaurants liegen. Ein vor Leben strotzendes Viertel, in das am Freitag der Tod gekommen ist.

„Ich dachte, ich sei in Sicherheit“

Pascal ruft seinen Lebensgefährten an, bittet ihn, um Himmels Willen im Haus zu bleiben. Dann macht er sich auf den Heimweg, er lebt nur ein paar Hundert Meter entfernt von diesem Ort des Grauens. Doch zwei Ecken weiter begegnet ihm der Terror erneut.

An der Rue Bichat, nur wenig Minuten zu Fuß, hat es einen weiteren Anschlag gegeben: Im „Petit Cambodia“ und im „Le Carillon“ und auf der Straße davor sind Menschen im Dauerfeuer der Terroristen gestorben. „Ich dachte, ich sei in Sicherheit – und als ich hier um die Ecke bog, wiederholte sich alles“, beschreibt Pascal.

„Alles völlig irreal“

Er ist am Samstag zurückgekommen, um sich „zu vergewissern, dass das alles wirklich passiert ist“. Er habe am zuvor nach seiner sicheren Rückkehr nach Hause daheim den Fernseher eingeschaltet und die Bilder gesehen, die live aus seinem Viertel gesendet wurden.

Völlig irreal sei das gewesen, „man glaubt sich selbst nicht, dass man dort gewesen ist“, sagt er. Für ihn hat am Samstag die Phase des Verarbeitens begonnen. Er dürfte einen langen Weg vor sich haben.

Etwas Ähnliches beschreibt Jean-Paul Lugan, der nur ein paar Schritte vom „Casa Nostra“ entfernt wohnt. Er war gerade am Telefon, als er die Schüsse hörte. Er glaubte an Trommeln, in seinem Viertel ist es nichts Ungewöhnliches, dass Menschen auf der Straße Radau machen. Er wollte der Sache nachgehen, war neugierig. Er zog sich die Schuhe an, ging runter auf die Straße. „Da sah ich die Leute. Drei Tote auf dem Gehsteig, gleich hier. Ein Alptraum.“

„Was sollen wir den Kindern sagen?“

Er kann sich kaum vorstellen, welche Folgen der Anschlag für die Nachbarschaft haben wird. Gleich gegenüber dem „Casa Nostra“ liegt ein Supermarkt, der ein Grundversorger des Viertels. „Man kommt jeden Tag hier vorbei, schon allein wegen der Einkäufe. Was soll man jetzt denken, wie sollen wir damit umgehen? Was sollen wir den Kindern sagen?“ Er ist sichtlich bewegt. „Weißt du: So etwas am Fernsehen zu sehen, ist eine Sache. Aber wenn du es wirklich erlebst, ist es hart.“

Das zehnte und elfte Arrondissement ist ein durchmischtes Viertel, in das es viele Großstadt-Hipster zieht. Die Straße ist hier auch Catwalk, man setzt Trends, achtet auf seine Erscheinung. Ist extrovertiert, nutzt den öffentlichen Raum auch als Bühne zur Selbstinszenierung.

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