Centennial - Gut ein halbes Jahr nach dem Amoklauf bei der „Batman“-Premiere in einem Kino im US-Bundesstaat Colorado ist der mutmaßliche Todesschütze James Holmes vor einem Gericht in Centennial nahe Denver erschienen. In einer mehrtägigen Anhörung soll das Gericht prüfen, ob die Beweise für einen Prozess gegen Holmes ausreichen, ob er überhaupt zurechnungsfähig ist - und somit, ob es überhaupt zu einem Prozess gegen den 25-Jährigen kommt. Erstmals erfährt die Öffentlichkeit Details aus der grausigen Mordnacht - denn um die Ereignisse einordnen zu können, vernimmt das Gericht mehrere Zeugen, hauptsächlich Polizisten, Sanitäter. Vielen fällt es schwer, ihre teils traumatischen Erinnerungen von ihrem Einsatz nach der Bluttat wiederzugeben, einige brachen während ihrer Aussage in Tränen aus.

Polizist Jason Oviatt beschrieb, wie er den mutmaßlichen Schützen in der Nacht zum 20. Juli 2012 festgenommen hatte. Als er nach dem Notruf mit dutzenden anderen Polizisten zu dem Einsatz im Kino eintraf, habe er den mutmaßlichen Täter zunächst für einen Kollegen gehalten, weil er am ganzen Körper schusssichere Kleidung trug. Doch aufgrund Holmes' ungewöhnlichem Verhalten habe er dann Verdacht geschöpft. „Es war, als ob es überhaupt keine normalen gefühlsmäßigen Reaktionen bei ihm gebe“, zitierte unter anderem die „Denver Post“ Oviatt im Zeugenstand. „Holmes stand nur einfach da. Er tat nichts... Er war nicht in Eile. Nicht erregt.“ Das habe nicht gepasst, heißt es.
Bei der Festnahme habe Holmes keinen Widerstand geleistet. „Er war sehr entspannt“, sagte Oviatt. Holmes habe keinerlei Reaktionen gezeigt und „sehr abgehoben“ gewirkt. „Er schien neben der Kappe zu sein und desorientiert“, sagte der Polizist.

Holmes wegen Mordes angeklagt

Der 25-jährige Holmes soll in die Premierenvorstellung des neuen „Batman„-Films in dem Ort Aurora gestürmt sein und im Kinosaal wahllos um sich gefeuert haben. Bei dem Amoklauf wurden zwölf Menschen getötet und Dutzende verletzt. Er ist in mehr als 160 Punkten angeklagt, darunter Mord und versuchter Mord. In seiner Wohnung hatte Holmes Sprengfallen platziert, die von der Polizei entschärft wurden.

Die Beamten, die an dem Abend im Einsatz waren, beschrieben vor Gericht die blutigen Szenen nach dem Massaker. Einige waren den Tränen nah. Ein Sanitäter berichtete, wie er das jüngste Opfer des Massakers, ein sechsjähriges Mädchen, tot aufgefunden habe. „Ich fühlte ihren Puls“, sagte er. „Sie war tot.“ Der Polizist Justin Grizzle sagte, er sei fast ausgerutscht auf „der riesigen Menge Blut“ im Kinosaal. Stockend berichtete er, wie er in jener Nacht sechs Schwerverletzte in Krankenhäuser fuhr.

Holmes erschien mit dunkelbraunem Haar und Vollbart zu der Anhörung. Bei seinem ersten Auftritt vor Gericht im Juli hatte er die Haare noch grellorange gefärbt.

Verteidigung könnte auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren

Während die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten einen geplanten Massenmord nachweisen will, dürfte die Verteidigung versuchen, Beweislücken aufzudecken. Außerdem könnten die Anwälte versuchen, die geistige Fähigkeit ihres Mandanten, an einem Prozess teilzunehmen, in Frage zu stellen.
Nach Angaben von Augenzeugen hatte Holmes Rauchbomben gezündet, bevor er mit verschiedenen Waffen wahllos auf die Kinobesucher schoss.

Die genauen Umstände der Tat waren bislang unbekannt geblieben, da der zuständige Richter eine Nachrichtensperre verhängt hatte. Die Staatsanwaltschaft und Verteidiger durften keine Reporterfragen beantworten und Gerichtsdokumente blieben geheim. Die am Montag begonnene Anhörung erhielt daher große Aufmerksamkeit in den US-Medien, obwohl es sich noch nicht um einen offiziellen Prozess handelt.

Nach dem Amoklauf von Aurora hatten die USA über ein schärferes Waffenrecht debattiert, die Diskussion darüber ebbte aber bald wieder ab. Das Massaker an einer Grundschule in Newtown, bei dem Mitte Dezember 20 Kinder getötet worden waren, katapultierte die Forderung nach strengeren Waffengesetzen wieder auf die politische Agenda. Derzeit prüft eine Arbeitsgruppe unter Führung von Vizepräsident Joe Biden Vorschläge für ein neues Waffenrecht. (AFP/dpa)