Zwölf Jahre lang saß Khairullah Khairkhwa im berüchtigten US-Gefängnis Guantánamo. Zuvor soll die CIA versucht haben, ihn in Pakistan als Mitarbeiter anzuwerben. Das soll nicht gelungen sein, Khairkhwa soll während der Gespräche die Flucht ergriffen haben. Der Taliban-Führer soll in „Gitmo“ gefoltert worden sein, massiv misshandelt, damit sein Wille gebrochen werde. Der angeblich enge Vertraute von Osama bin Laden soll keine Reue gezeigt haben. Nichts davon ist belegt, niemand kennt die Hintergründe wirklich.

Im Jahr 2014 kam Khairkhwa gemeinsam mit vier anderen afghanischen Gefangenen im Austausch gegen den von den Taliban festgehaltenen US-Deserteur Bowe Bergdahl frei. Präsident Barack Obama stimmte zu, obwohl die US-Geheimdienste und Senator John McCain Khairkhwa als den gefährlichsten aller gefährlichen Terroristen bezeichneten, und gegen seine Entlassung opponierten. Es ist unklar, wie wichtig Bergdahl für die Amerikaner gewesen ist: Er soll den Taliban Ziele der Amerikaner preisgegeben haben, war möglicherweise Doppelagent und wurde von Donald Trump als Verräter beschimpft.

Nun steht Khairkhwa, der auch schon einmal kurzzeitig Innenminister von Afghanistan war, vor einer triumphalen Rückkehr in seine Heimat: Der Chef des Polit-Büros der Taliban spielte bei der Machtübernahme in Kabul eine Schlüsselrolle. Khairkhwa hatte von Katar aus den Übergang der neuen Regierung koordiniert. Er saß als Sprecher der Taliban am Verhandlungstisch in Moskau, wo die Taliban mit den USA, China und Russland den Regierungswechsel verhandelten. Der frühere Häftling sah sich auf Augenhöhe mit dem Sondergesandten von US-Präsident Joe Biden, dem ebenfalls aus Afghanistan stammenden, ehemaligen US-Botschafter in Kabul, Zalmay Khalilzad.

Khairkhwa trat energisch auf, aber nicht rabiat. Er sagte, die Taliban würden den Dschihad so lange fortführen, bis die Amerikaner das Land verlassen hätten. Wie er mit dem US-Botschafter zusammenarbeitete ist nicht klar: Der Botschafter sagte nach seinen Verhandlungen mit Khairkhwa, die Taliban würden zwar die Scharia wieder einführen wollen, werden jedoch nicht die Macht übernehmen. Wenige Wochen später fiel Kabul.

Khairkhwas Ruf ist schillernd: Als Gouverneur von Herat soll er dafür gesorgt haben, dass sich Frauen in seinem Bezirk sicher fühlen konnten, wie die Afghanistan-Beobachterin Kate Clark schreibt: Sie berichtet, sie hätte sich frei bewegen und mit Frauen sprechen können, das Klima sei entspannt gewesen – anders als in Kabul. Allerdings habe seine religiöse Polizei in Herat mit Härte auf die Befolgung der islamischen Vorschriften geachtet und sei dabei auch mitunter brutal vorgegangen. Der heute etwa 54-Jährige wurde in Koranschulen in Pakistan erzogen. Er kämpfte als Mitglied einer islamischen Partei gegen die Sowjets. Nach dem Machtwechsel wird erwartet, dass Khairkhwa eine zentrale politische Rolle im neuen Afghanistan spielen wird.