Rom - Fast alle Businsassen kannten sich, waren miteinander verwandt oder befreundet, fast alle stammen aus demselben Viertel von Pozzuoli, einer Kleinstadt bei Neapel. Schon häufig haben sie gemeinsame Ausflüge unternommen, wie Angehörige jetzt erzählten, stets organisiert vom Wurstwarenhändler Luciano Caiazzo. Dieses Mal ging es für drei Tage ins Thermalbad Telese in Kampanien, mit einem obligatorischen Abstecher in den apulischen Wallfahrtsort des in Süditalien so verehrten Heiligen Padre Pio.

Die Gruppe bestand aus 48 Teilnehmern, Ehepaare, Familien mit Kindern, Großeltern waren dabei. Für 38 von ihnen endete der Ausflug tödlich. Ihr Bus stürzte am Sonntagabend von einer Brücke 30 Meter in die Tiefe. Auch der Busfahrer starb. Zehn Insassen sind teils schwer verletzt. Nach ersten Angaben sind keine Kinder oder Jugendlichen unter den Todesopfern, sechs Kinder werden aber in Krankenhäusern behandelt.

Die Unfallursache ist noch unklar. Hinweise darauf, dass ein geplatzter Reifen zu dem Unglück führte, verdichteten sich am Montag. Die Staatsanwaltschaft von Avellino hat Ermittlungen aufgenommen.

Der voll besetzte Reisebus der Busgesellschaft Mondotravel war am Sonntag gegen 20.30 Uhr auf der Autobahn 16 Bari-Neapel nahe der Ortschaft Monteforte Irpino auf die kilometerlange Straßenbrücke gefahren. Hier hatte sich zuvor im dichten Verkehr ein Rückstau gebildet. Autofahrer berichteten italienischen Medien, der Bus sei auf der stark abschüssigen Strecke plötzlich von hinten angerast gekommen, habe im Schleudern mehrere Wagen umgeworfen und sei dann etwa 100 Meter weit am Brückengeländer aus Beton entlanggeschrammt. Schließlich kippte das Fahrzeug nach rechts, durchbrach das Geländer und fiel in eine bewaldete Schlucht.

Feuerwehr und Rettungsmannschaften aus Avellino und Neapel waren die ganze Nacht in dem schwer zugänglichen Gelände unter der Autobahnbrücke im Einsatz. Sie mussten das völlig verkeilt im Gebüsch liegende Buswrack aufschneiden, um Tote und Verletzte herauszuziehen. Rundherum waren Betonstücke der Autobahn, Karosserieteile und Gepäck verstreut. Die Leichen der Opfer wurden in die Turnhalle der Mittelschule von Monteforte Irpino gebracht und aufgebahrt. Dort kamen am Montagmorgen Angehörige an, um die Toten zu identifizieren. Schon am Dienstag soll in Pozzuoli die Beerdigung stattfinden.

Die A 16 blieb nach dem Unfall stundenlang gesperrt. Sechs Fahrzeuge waren laut Autobahnpolizei durch den außer Kontrolle geratenen und mit überhöhter Geschwindigkeit fahrenden Bus teils übereinander geschleudert worden. 14 Autoinsassen wurden dabei verletzt.

Ob der Bus tatsächlich zu schnell fuhr, scheint jedoch noch unklar. Die Zeugenaussagen sind widersprüchlich. Mehrere Autofahrer berichteten italienischen Medien übereinstimmend, der Fahrer habe den Bus nach rechts auf die Standspur gelenkt, um nicht auf die Autoschlangen aufzufahren. Drei junge Frauen, die mit ihrem Wagen kurz vor dem Unfall den Bus überholten, sagten der Tageszeitung Il Mattino, sie hätten gesehen, wie sich die Felge des linken Hinterreifens löste. Der Bus sei mit normaler Geschwindigkeit unterwegs gewesen. Dann habe man einen lauten Knall gehört, der Bus sei ins Schleudern geraten, der Fahrer habe versucht, ihn in der Spur zu halten und dann nach rechts gelenkt, um nicht auf die Autos aufzufahren und um das Fahrzeug so abzubremsen. „Dieser Mann war ein Held“, zitiert die Zeitung die Augenzeuginnen.

Auch Annalisa Rusciano, die das Unglück schwer verletzt überlebt hat, erzählte laut italienischen Medien, dass ein Reifen des Busses geplatzt sei. Ihre beiden Kinder und ihr Ehemann werden der Zeitung Il Secolo XIX zufolge ebenfalls im Krankenhaus behandelt. Vier weitere Mitglieder der Familie, darunter Tanten und Schwägerinnen, starben. Die Gruppe aus Pozzuoli wollte bereits in zehn Tagen zu einer weiteren gemeinsamen Fahrt aufbrechen, dieses Mal nach Kroatien, wieder organisiert von Luciano Caiazzo. Der 40 Jahre alte Wurstwarenhändler ist unter den Toten des Busunglücks.

Die Leiche des Busfahrers sollte noch am Montag in einer Autopsie untersucht werden. Wegen des Verdachts der überhöhten Geschwindigkeit werde nach möglichen Spuren von Alkohol oder Drogen gesucht, so die Staatsanwaltschaft. Auf der Fahrbahn fanden sich laut Autobahnpolizei keinerlei Bremsspuren. Die Unterlagen der Busgesellschaft wurden beschlagnahmt. Auf der Autobahnbrücke nahe Monteforte Irpino hat es bereits in der Vergangenheit mehrere tödliche Unfälle gegeben. Im Jahr 2003 stürzte ein Kleinbus von der Brücke, sechs Menschen starben. Deshalb werden die Ermittler auch den Zustand der Straße und die Beschilderung untersuchen.

Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano erklärte, das Unglück verpflichte Bürger wie Behörden alles zu tun, um die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen und Risikofaktoren zu verringern. Regierungschef Enrico Letta will am Dienstag die Unglücksstelle aufsuchen.