Straße in einer Vorstadt von Paris 
Foto: Ap/Christophe Ena

ParisIn normalen Zeiten herrscht auf dem Markt vor der alten Post in Saint-Germain-en-Laye viel Gedrängel. Die Stände der Händler borden über von frischem Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse. An Sonntagen ist der Andrang besonders groß. Die Menschen kaufen ein für das traditionelle Mittagessen im Familienkreis, für einen üppigen Apéro mit Freunden oder Vorrat für die ganze Woche. Auch der Bürgermeister dreht dann gerne eine Runde, schüttelt Hände und klopft Schultern.

Aber das ist jetzt vorbei. Seit zwei Wochen gilt eine strikte Ausgangssperre, gerade wurde sie verlängert bis zum 15. April. Das Leben hat sich verändert.

Seit zwei Wochen strikte Ausgangssperre

Keine Küsschen mehr zur Begrüßung, keine Umarmung, sogar für die eigene Tochter nicht, auch nicht für ihre Freunde. Sie sind zu dritt mit der Schnellbahn RER aus dem 24 Kilometer entfernten Paris nach Saint-Germain-en-Laye gekommen. Ich habe ihnen unser Auto zur RER-Station am Schloßpark gebracht. Bei der Übergabe des Autoschlüssels halten wir alle ein bis zwei Meter Abstand voneinander, winken uns zum Abschied etwas unbeholfen mit verlegenem Lächeln zu.

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Es ist Montag, der 16. März. Das ganze Land wartet darauf, dass wegen der Corona-Epidemie eine Ausgangssperre verhängt wird. Noch gibt es keine offizielle Ankündigung, dafür jede Menge Gerüchte, vor allem in den sozialen Netzwerken – im Élysée, heißt es, sei man schockiert darüber gewesen, wie wenig die Menschen sich am sonnigen Wochenende an die neuen Verhaltensregeln gehalten hätten.

Abstand voneinander zu wahren, keine Versammlungen von mehr als 100 Menschen, um die Verbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Seit der Nacht zum Sonntag sind nun alle Cafés, Restaurants und Geschäfte, die „nicht lebensnotwendig“ sind, geschlossen. In Paris haben die Nachtschwärmer vor den Kneipen um Mitternacht noch einmal angestoßen auf das schöne Leben – das nun in Quarantäne geht.

Städter in Frankreich zieht es aufs Land

Unsere Tochter wohnt in Paris in einem winzigen Zimmer, neun Quadratmeter. Horrend teuer, aber mitten im quirligen 11. Arrondissement zwischen République und Bastille. Zusammen mit Freunden fährt sie nun in die Normandie. Die Familie eines Freundes erlaubt den jungen Leuten, das sonst unbewohnte Herrenhaus auf dem Bauernhof des Onkels zu nutzen. Dort können sie die nächsten Wochen gut und sicher überstehen, hoffentlich. Über ihre Handys arbeiten sie im Homeoffice, das Mobilfunknetz in der Region ist besser geworden.

Ich habe unserer Tochter warme Pullover, selbst gemachte Marmelade, frische Wäsche ins Auto gepackt und meine alte Taschenbuchausgabe von Thomas Manns „Zauberberg“.

Über eine Million Menschen verlassen in der Zeit vom 13. bis 20. März Paris und die angrenzenden Vorstädte. Das errechnet der Telefonanbieter Orange anhand der Handy-Verbindungsdaten. Auch die Bewohner anderer Großstädte wie Lyon oder Bordeaux zieht es aufs Land, darunter sind viele Familien mit kleinen Kindern. Die Kindergärten und Schulen sind jetzt in ganz Frankreich geschlossen.

Autos mit Pariser Kennzeichen bekommen dicke Kratzer

Die Einheimischen in der Normandie, der Bretagne oder Nouvelle-Aquitaine reagieren zum Teil empört. Schließlich ist die Epidemie in der Ile-de-France, der Region um Paris, weiter fortgeschritten als bei ihnen auf dem Land. Die Ile d’Yeu an der Atlantikküste sperrt die Zufahrt für Fremde. Auch auf der Ile de Ré vor La Rochelle ist die Stimmung angespannt.

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„Wir werfen den Leuten nicht vor, dass sie gekommen sind, aber ihre Einstellung beunruhigt uns“, zitiert die Zeitung Le Parisien eine Einheimische. „Montag habe ich eine Familie am Strand picknicken sehen, andere paddelten.“ Die Mehrheit der Inselbewohner sind Rentnerinnen und Rentner, gehören zu der von Covid-19 am stärksten bedrohten Bevölkerungsgruppe. „Wir haben Angst um die Älteren.“ In der Bretagne bekommen manche Autos mit dem alten Pariser Kennzeichen 75 über Nacht dicke Kratzer im Lack.

In Saint-Germain-en-Laye leeren sich die Straßen. Präsident Emmanuel Macron spricht am Montagabend zur besten Nachrichtenzeit live und auf elf Fernsehsendern gleichzeitig zur Nation. 35,3 Millionen Menschen schauen zu, ein Rekord für eine offizielle TV-Ansprache in Frankreich. Sechs Mal sagt der Präsident: „Wir sind im Krieg.“ Das Coronavirus, der „unsichtbare Feind“, rücke vor, das erfordere die „allgemeine Mobilmachung“. Die Metaphorik ist militärisch. Macron ruft seine Landsleute zur „nationalen Einheit“ auf und kündigt den Beginn der Ausgangssperre für den nächsten Tag an.

Macron fordert „nationale Einheit“ in Kriegsrhetorik

Wir alle dürfen nun also seit Dienstag, den 17. März, 12 Uhr mittags, die Wohnung nur noch mit einer „Ausnahme-Ausgangsbescheinigung“ verlassen. Das Formular ist im Internet herunterzuladen oder abzuschreiben. Für jeden Ausgang wird ein neuer Zettel gebraucht mit Namen, Geburtsdatum und Geburtssort, Adresse, inzwischen auch mit Angabe der Uhrzeit, um der Polizei die Kontrolle zu erleichtern. Das Verlassen der Wohnung ist nur erlaubt für den Arbeitsweg, den Einkauf von Lebensmitteln oder Medikamenten, Arztbesuche, „unabdingbare Familienangelegenheiten“ wie Betreuung von Kindern oder pflegebedürftiger Personen, für „individuelle physische Aktivität“ – und um einen Hund auszuführen.

Im Lauf der Zeit wird unser Bewegungsradius immer kleiner. Sport im Freien ist nur noch maximal eine Stunde pro Tag erlaubt, im Umkreis von einem Kilometer um die Wohnung. Wälder, Strände, Uferwege an Flüssen sind verboten, auch wenn sie direkt vor der Haustür liegen wie bei mir der Forst von Saint-Germain. Hundehalter haben Glück, sie dürfen mehrmals pro Tag an die Luft – was besonders die Eltern kleiner Kinder empört: mehr Auslauf für einen Hund als für das Kind.

Sport im Freien nur noch maximal eine Stunde pro Tag

Mit einer Atemschutzmaske würde sich draußen fast jeder sicherer fühlen, aber es gibt keine zu kaufen, nirgends, auch nicht im Baumarkt. Um die Masken tobt von Anfang an eine heftige öffentliche Diskussion, die andauert. Denn sie sind auch in den Krankenhäusern knapp für Schwestern, Pfleger, Ärzte, die immer mehr Covid-19-Patienten zu betreuen haben und der Ansteckungsgefahr am stärksten ausgesetzt sind.

Dabei hatte Frankreich vor zehn Jahren einen riesigen Vorrat: eine Milliarde chirurgischer Atemschutz-Masken plus 600 Millionen medizinischer Spezial-Masken des Typs FFP2. Aber als das Corona-Virus kam, waren davon nur noch 140 Millionen einfache Chirurgie-Masken übrig, ein Teil davon in Kindergröße, für das ganze Land. Warum?

2009 hatte die damalige Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot den staatlichen Vorrat anlegen lassen wegen der drohenden Grippe H1N1. Sie orderte auch 95 Millionen Impf-Einheiten. Als die H1N1 Frankreich verschonte, erntete Bachelot harsche Kritik und Spott von allen Seiten für den Berg ungenutzter Masken und Impfdosen. Ihre Amtsnachfolger unter Sarkozy und Präsident Hollande ließen den zentralen staatlichen Masken-Vorrat in den folgenden Jahren schrittweise abbauen, Krankenhäuser und Behörden sollten selber Vorräte anlegen.

Masken reichen nicht einmal fürs Pflegepersonal

Zu Beginn der Corona-Krise beschlagnahmte die Regierung alle Masken-Bestände für Ärzte und Krankenhäuser. Die vier französischen Fabriken, die noch Masken herstellen können, produzieren jetzt sechs Millionen Stück pro Woche, immer noch viel zu wenig bei einem wöchentlichen Bedarf von 40 Millionen allein für das medizinische Personal. Eine Milliarde Masken hat Frankreich jetzt in China bestellt.

Auf allen Nachrichtenkanälen laufen die Bilder von erschöpften Krankenschwestern, Ärzten, Pflegern. Einige von ihnen werden zu bekannten Gesichtern, besonders die Kritiker der Regierung. Sie werfen Macron vor, das Land schlecht vorbereitet zu haben auf diese Krise, nicht früh genug reagiert zu haben. Auch die Angestellten der Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte, der Straßenreinigung, der Post fühlen sich bei der Arbeit nicht ausreichend geschützt.

Mit einer symbolischen Geste bekunden die Menschen all denen, die nicht im Home-Office arbeiten können und das Land am Laufen halten, jeden Abend ihren Dank: um 20 Uhr gehen wir auf den Balkon und klatschen laut, mit unseren Nachbarn, so dass es durch die ganze Straße hallt.

Gutes Essen in dieser Zeit noch wichtiger

Der alljährlich von seinen Landsleuten zum beliebtesten Franzosen gewählte Komponist und Sänger Jean-Jacques Goldman singt zum ersten Mal seit Jahren wieder allein , es ist ein Lied für alle, „die unsere Leben retten“. Besitzer von Zweitwohnungen stellen sie gratis für Krankenschwestern und Pfleger zur Verfügung, damit diese nicht so lange Arbeitswege haben. Sterne-Köche liefern Gourmet-Mahlzeiten für das Personal der Krankenhäuser.

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Gutes Essen wird in dieser Zeit noch wichtiger, als es in Frankreich sonst schon ist. Die Menschen tauschen in den sozialen Medien Rezepte aus, lernen selber Brot zu backen, trinken beim Video-Chat gemeinsam ein Glas oder essen zusammen. Die Hashtags #skypero und #whatsappero sind zu festen Begriffen geworden. Niemand isst oder trinkt gern allein.

Beim Einkaufen helfen wir uns im Haus untereinander. Per SMS gibt meine 80-jährige Nachbarin Claire Lise durch, was sie braucht. Ich stelle ihr die Einkäufe dann auf den Fußabtreter vor die Tür.

Fleischer, Bäcker, Obst- und Gemüsegeschäfte geöffnet

Die 10.000 Lebensmittelmärkte Frankreichs sind auf Anordnung der Regierung geschlossen worden. Die Fleischer, Bäcker, Obst- und Gemüsegeschäfte bleiben geöffnet. Das Angebot bei unserem Fischhändler ist kleiner als sonst, aber immer noch beeindruckend: Steinbutt, Drachenkopf, Bio-Doraden, Wolfsbarsch, Goldbrasse, Seezunge. „Es ist die Jahreszeit mit den meisten und interessantesten Fischen“, sagt Olivier Neau, der Patron. „Aber die Situation ist schwierig.“

Neau steht an der Kasse, hinter einer dünnen Lebensmittelfolie und mit weißer Schutzmaske über Nase und Mund. „Für uns ist es schwierig, frischen Fisch zu bekommen.“ Die Fischbörsen der Händler in den französischen Häfen haben eine nach der anderen geschlossen. Für die Fischer lohnt es sich nicht mehr, aufs Meer zu fahren. „Sie haben ihre Hauptabnehmer verloren: die Märkte und die Restaurants.“

Auch meine französische Freundin in Clermont Ferrand hat ihr Restaurant schließen müssen. „Meine drei Angestellten sind in Kurzarbeit“, schreibt Marie-Laure per Mail aus der Auvergne. Vor vier Jahren hat sie das Restaurant eröffnet, direkt neben dem Marché Saint Pierre in der Innenstadt. Alle Zutaten liefern Bauern aus der Region. Bio und lokal, ihr Lebenstraum. Jetzt sitzt Marie Laure zu Hause.

Zeit hat jetzt ihren Wert verloren

„Die Zeit, von der wir jetzt so viel haben, hat buchstäblich ihren Wert verloren, sie ist nicht mehr kostbar“, schreibt Marie-Laure. „Und so braucht jetzt alles mehr Zeit: Ich fange etwas an und beende nichts. Ich sage mir, ich könnte morgen weitermachen.“ Vier Tage habe sie gebraucht, ihre Küche zu putzen, was sie sonst in 40 Minuten erledigt. Aber das soll sich jetzt ändern. „Morgen früh rufe ich Hilfsorganisationen an, die Tafel der Volkshilfe oder die Restos du Coeur“, die Essen an Bedürftige verteilen. „Ich hoffe, sie können meine Hilfe brauchen.“