Ausgelesen: Byung-Chul Han: Gegen den Kult der Transparenz

Als Transparenz hat die Durchsichtigkeit eine erstaunliche Karriere gemacht. Dass ein Argument durchsichtig sei, ist ja keine wirklich positive Aussage. Das Durchsichtige ist vielmehr schon nah dran am Fadenscheinigen. Als Transparenz aber ist sie uns heilig. Wir fordern Transparenz bei den Benzinpreisen, den Finanzmärkten und in der Politik sowieso. „Christian, so geht Transparenz“, höhnte eine Berliner Dessous-Marke vor einigen Wochen von den Plakatwänden herunter, auf denen ein durchsichtig bekleidetes Wäsche-Model dem Bundespräsidenten Wulff zeigte, wie man aussehen kann, bevor man sich endgültig nackt macht. Es war, als sei der Geist des Spotts aus dem Käfig der Satiremagazine entwichen und hätte sich im Alltag breit und bräsig gemacht. Wohl war vielen nicht dabei und konnte es nicht sein.

Nun hat sich der Philosophie-Professor Byung-Chul Han der viel gerühmten Transparenz angenommen. Und zwar gründlich; er sieht nämlich die Transparenz als Fetisch der Gegenwart, als eine Art Signatur der Epoche. In seinem schmalen Band „Transparenzgesellschaft“ versucht er schier alles, was ihm in unserer Gesellschaft Sorgen macht, auf diesen Begriff Transparenz zu bringen. Transparenz sei mehr als unser Informationsbedürfnis zum Schutz vor Korruption. Transparenz sei ein systemischer Zwang, „der alle gesellschaftlichen Vorgänge erfasst und sie einer tiefgreifenden Veränderung unterwirft“. Byung-Chul Han wehrt sich gegen das Pathos der Ausleuchtung und Selbstentblößung, ob bei Facebook oder in der Politik, und fordert ein „Pathos der Distanz“.

Auf eine Formel verkürzt lautet die Aussage des Buches: Ohne Geheimnis keine Macht, keine Politik, kein Vertrauen, keine Liebe, keine Lust, kein Respekt. Und keine Öffentlichkeit, weil diese sich nur aus dem Gegensatz zum Privaten, Verschlossenen ergibt – eine Grenze, die wir mit dem Drang zur Enthüllung immer weiter niederreißen. Statt in der klassischen Öffentlichkeit befänden wir uns deshalb längst in einer Art Intimgesellschaft, einer „Gesellschaft des Geständnisses, der Entblößung und der pornografischen Distanzlosigkeit.“

Die Piratenpartei als Transparenzpartei ist für ihn eine postpolitische Partei, ein Ausdruck der Entpolitisierung. Sie sei sinnigerweise im Spektrum der Parteien „ohne Farbe“, nämlich anders als die Grünen oder Roten eine farblose Meinungspartei, die das „bereits Existierende“ unangetastet lasse.

Das Problem des Buches ist sein begrifflicher Autismus. Wer sich mit dem apodiktischen Ton und dem Systemzwang abfindet, macht eine verblüffend hellsichtige Tour gegen den aufklärerischen Zeitgeist mit. Eine tragfähige Auseinandersetzung mit der Aufklärung liefert es aber nicht.