Ausgelesen: Zeitschrift Kursbuch versucht einen Neustart

Als vor vier Jahren das legendäre Kursbuch eingestellt wurde, gab es nur wenige, die den Zeitschriftentod bedauerten. Stattdessen gingen die Nachrufer dazu über, mit dem Abschied vom Kursbuch kurz und ungerührt das Gattungssterben zu notieren. Wo einst Theorie gefragt war, antwortet nun Twitter.

Doch wenn das Digitale dominiert, gibt es auch die Möglichkeit zum Reset. Das müssen Herausgeber Armin Nassehi und Verleger Sven Murmann bei ihrem Entschluss gedacht haben, das Kursbuch wiederzubeleben. Im schönen Retrolook und unter der fortlaufenden Nummer 170 erscheint das Kursbuch ab sofort dreimal im Jahr.

Aufgrund der Publikationslegende muss man sich zunächst durch einige Vorworte arbeiten, ehe man zum Heftthema „Krisen lieben“ vorstößt. Wer die Weltlage zuletzt als forcierte Abfolge von Ausnahmezuständen wahrgenommen hat, für den hat der Soziologe Nassehi die Erkenntnis parat, dass das für unser Zeitalter normal sei. „Die Moderne hat sich große Erzählungen gegeben, um mit ihren eigenen Erfahrungen des Disparaten, des Krisenhaften, der Selbstverunsicherung klarzukommen.

Bearbeitung der Krisenphänomene

Die großen Narrative der Moderne waren stets Krisenbearbeitungsnarrative.“ Im Blick auf die Krise war das Kursbuch also seit jeher bei sich und generierte Orientierungswissen und theoretische Abschweifung. Und weil man zuletzt die Erfahrung machen konnte, dass es kaum mehr wirklich ums Ganze geht, setzt Nassehi auf programmatische Gelassenheit. Statt sich politisch zu positionieren, will das Kursbuch danach fragen, wie politische Positionierung zustande kommt.

Es ist ein eher kühler Blick auf das wiedererstarkte Bedürfnis nach politischer Leidenschaft. Angesichts der Eruptionen, die die Finanzkrise ausgelöst hat, sind ja selbst marktliberale Politiker dazu übergegangen, handfeste Regulierung zu favorisieren. Keine gute Idee, findet der Frankfurter Wirtschafts- und Sozialgeschichtler Werner Plumpe. „In der gegenwärtigen Krise des Euro-Raumes kommt auch eine Haltung zu ihrem negativen Höhepunkt, die der Politik unterstellt, sie könne die Wirtschaft schon in ihrem Gleichgewicht halten. Doch derartige Versuche sind nicht nur teuer und zumeist nutzlos; sie unterbrechen auch den normalen kapitalistischen Krisenzyklus, bevor er seine reinigende Wirkung entfalten kann.“

Bei der Bearbeitung der Krisenphänomene geht das Kursbuch erstaunlich konventionell vor. Was Krisen sind und wie sie auf uns wirken, deklinieren die Autoren an Beispielen ihres jeweiligen Fachgebiets Literatur, Psychologie oder Medientheorie durch. Vielleicht geschieht es aber auch nur, um den Retro-Effekt abzurunden. In Heft 171 geht es dann ums „Optimieren“.