Es waren einmal vier dicke Freunde. Alex, der umsorgte Spross eine Akademikerfamilie, Erkan, Sohn eines türkischen Händlers, Jenny, die Tochter einer Alleinerziehenden und die leicht lernbehinderte Laura. Sie gingen zusammen in den Kindergarten, spielten, feierten gemeinsam Geburtstage und waren die besten Kumpels. Und weil es so schön war, konnte es so nicht bleiben. Als die vier Freunde eingeschult wurden, trennten sich ihre Wege. Heute haben sich die Vier nichts mehr zu sagen.

In ihrem Buch „Schulaufgaben“ hat die Soziologin Jutta Allmendinger ihre Geschichte erzählt, besser, ihre Geschichten. Es ist kein Märchenbuch geworden, es räumt vielmehr auf mit dem Märchen von der Chancengleichheit unserer Bildungsrepublik. Allmendinger hat die Lebens-und Bildungsgeschichten ihrer Protagonisten miteinander und mit den Erkenntnissen der Bildungswissenschaft verschränkt.

Sie zeigt eine bürgerliche Ober- und Mittelschicht, die sich abschottet, und Sorge dafür trägt, dass auch ihre Söhne und Töchter es so halten werden. Die Wege der Kinder verzweigen sich und an jeder Station, die sie im Selektionsverfahren eines dreigliedrigen Schulsystems passieren, wird deutlich: Entscheidend sind nicht ihre Talente und Fähigkeiten, nicht einmal ihre Noten, sondern ihre Herkunft.

Der vorgezeichnete Weg

Laura, das schöne, zarte Mädchen, fällt als Erste aus dem System. Schon bei der Einschulung wird sie „zurückgestellt“. Erst ein Jahr später wird sie einschult. Sie braucht besondere Förderung und Zuwendung. In einer Schule, in der auch „normale“, nicht lernbehinderte Kinder unterrichtet werden, ist das nicht zu leisten. Finden die Eltern der normalen Kinder. Laura muss auf eine Förderschule. Ihr Weg ist vorgezeichnet.

Erkan, Alex und Jenny werden eingeschult, dürfen aber nicht dieselbe Schule besuchen, obwohl sich ihre Eltern dafür eingesetzt hatten. Die Möglichkeit einer freien Schulwahl gibt es nicht. Erkan wohnt in einem Stadtteil mit einem hohen Ausländeranteil. Dort wird er auch zur Schule gehen. Alex besucht eine Schule in der gutbürgerlichen Gegend seines Elternhauses. Die ausländischen Kinder in seiner Klasse sind die Tochter des britischen Botschafters und der Sohn eines französischen Anwalts.

Zum Ende der Grundschulzeit hat Erkan die besseren Noten als sein Freund Alex. Erkan bekommt eine Empfehlung für die Realschule. Alex kommt aufs Gymnasium. „Mit den Eltern schafft er das schon“, erklären die Lehrer von Alex. Eine Prognose, die sich am Ende bewahrheiten wird.

Allmendinger zeigt nicht nur die Fehlschlüsse und Ungerechtigkeiten des deutschen Bildungswesens, sie macht sie erlebbar. Ihre Forderung nach einer Reform des Schulsystem sind so nachvollziehbar wie dringlich.