Wie gut, dass Frank Schirrmachers Erweckungserlebnis nicht noch später kam. Der FAZ-Herausgeber hat bekanntlich gemerkt, dass „die Linke“ vielleicht doch recht hatte. Und er war fair genug, wenigstens ein Medium zu nennen, dem die schädliche Wirkung der Finanzmärkte und ihrer politischen Gefolgsleute viel früher aufgefallen war als ihm. Dieses Medium sind die „Nachdenkseiten“, ein Internet-Forum für alle, denen der Mainstream des Neoliberalismus schon lange verdächtig war.

Schirrmachers Abbitte jedenfalls kam gerade so zeitig, dass die Nachdenkseiten in ihrem Jahrbuch noch darauf eingehen konnten. Albrecht Müller und Wolfgang Lieb, gestandene Sozialdemokraten und Macher des Internet-Portals, würdigen Schirrmachers Erkenntnisse gleich im Vorwort. Müller, bekannt durch Bestseller wie „Die Reformlüge“, lässt sich in einem der abgedruckten Kommentare zu verwegenen Bündnis-Fantasien hinreißen: „Es ist auch wichtig, Brücken zu schlagen zwischen den empörten fortschrittlichen Kreisen und den empörten wertkonservativ orientierten Kreisen.“ Wie die aufgeklärte Linke mit Schirrmacher und Co. „Reste von Demokratie, Sozialstaatlichkeit und Rechtsstaatlichkeit“ zu retten gedenkt, das wäre noch zu diskutieren.

Diese Passage allerdings ist von ungewöhnlicher Milde, die Regel sieht anders aus. Sie besteht bei den Nachdenkseiten darin, den verschleiernden Neusprech nicht nur des Neoliberalismus, sondern auch die ideologischen Denkfiguren des Konservatismus immer neu zu hintergehen. Täglich nehmen die Autoren des Internet-Portals sich Zeit und Raum, nicht nur zu behaupten, sondern auch zu belegen, was Peter Bofinger im Vorwort schreibt: „Es gibt immer Alternativen.“ Wie selbstverständlich das klingt, wenn man sich erst einmal befreit hat von der Rhetorik der Alternativlosigkeit!

Wer sich dieser aufklärerischen Mühe unterzieht, dem ist auch die gelegentliche Übertreibung der David-gegen-Goliath-Attitüde zu verzeihen. Besonders „die Medien“ werden meist undifferenziert an den Pranger gestellt, etwa als „Teil einer Industrie, die eher an Ruhigstellung als an Aufklärung interessiert ist“. Das ist sehr pauschal, aber die Verallgemeinerung ist verständlich – trifft doch die Diagnose leider zu oft zu.

Viel wichtiger: Wo es um politische Inhalte geht, ersetzt meistens scharfe Analyse den gerade im Netz oft so besserwisserischen Ton. Und im Buch kommt die Qualität der Beiträge noch einmal ganz neu zur Geltung. Gewissenhaft sortiert nach Themen, fügen sie sich zu einer überzeugenden Bestandsaufnahme, die auch Andersdenkende ins Grübeln bringen sollte.

Albrecht Müller, Wolfgang Lieb: Nachdenken über Deutschland. Das kritische Jahrbuch 2011/2012. Westend, Frankfurt/M. 2011, 14,99 Euro