Auslese: Verstörende Heiratslücke

Warum sind schwarze Frauen nur halb so oft verheiratet wie weiße? Und warum werden sie mit dreifach höherer Wahrscheinlichkeit im Vergleich zu weißen Amerikanerinnen niemals heiraten? Diesem erstaunlichen, statistisch abgesicherten Phänomen (sieben von zehn schwarzen Frauen leben als Single) ging der an der Stanford Law School lehrende amerikanische Professor für Familienrecht Ralph Richard Banks nach und schrieb ein Buch, das die USA aufscheucht. Es trägt den Titel „Ist Heiraten für Weiße? Wie der Rückgang der afro-amerikanischen Eheschließungen jeden betrifft“.

Die New York Times lobt das Buch, weil es nicht über den Werteverfall in schwarzen Familien jammert, sondern auf die Suche nach den Ursachen geht. Zunächst stelle Banks fest, dass schwarze Frauen ihren schwarzen Altersgenossen in High School und College weit überlegen sind. Im Ergebnis sei die schwarze Mittelklasse überproportional weiblich und die schwarze Unterklasse überwiegend männlich.

Banks fand in Interviews heraus, dass bei der Einschätzung potenzieller Partner wirtschaftliche Stabilität für Afro-Amerikanerinnen im Vergleich zu anderen Gruppen einen höheren Stellenwert besitzt – da sie diese Stabilität aber sehr häufig nicht erwarten können, bleiben sie eher unverheiratet.

Die New York Times begrüßt, dass das Buch den Mythos zerschlägt, schwarze Frauen seien zu wählerisch. Vielmehr akzeptierten diese eher als andere Gruppen einen Mann, der weniger erfolgreich ist als sie – nicht zuletzt aus diesem Grund scheitern zwei von drei schwarzen Ehen, doppelt so viele wie im Durchschnitt der weißen. Den NYT-Kritiker stört allerdings, dass Banks den schwarzen Frauen empfiehlt, sich Männern anderer Hautfarbe zuzuwenden, doch besser „raus“ zu heiraten als „runter“. Das mache das Problem zu einem individuellen, obwohl es doch ein soziales sei, das in vielfachen Diskriminierungen junger Schwarzer begründet liege.

Auch der britische Economist findet den Aspekt besonders erwähnenswert, dass schwarze Frauen nicht nur die am seltensten verheiratete Gruppe ist, sondern auch jene mit der geringsten Neigung, weiße, asiatische oder Latino-Männer zu ehelichen. Das Blatt stellt fest, die auf der Hand liegende Lösung verstoße gegen das stärkste Tabu: eben die Heirat mit einem Mann aus einer anderen Gruppe (das gilt nur für Frauen, schwarze Männer haben damit kein Problem). Für manche schwarze Frau bedeute ein weißer Ehemann Erinnerung an die Zeiten der Sklaverei, andere beharrten darauf, nur schwarze Männer seien attraktiv oder ihre Kinder seien dann „nicht schwarz genug“. Sie fürchteten, „die schwarze Rasse zu verraten“. Der Economist berichtet von Buchlesungen, bei denen schwarze Männer den Rechtsprofessor Banks tatsächlich des „Völkermords“ bezichtigten, weil er Frauen das „Rausheiraten“ empfiehlt. Maritta Tkalec