Auslese zu Judith Butler: Akademisch gut, politisch dumm

Warum, fragt Thomas Assheuer in der der Zeit, „zählt eine Philosophin, die strikt auf Gewaltfreiheit besteht, die klerikalfaschistische Hamas zur Linken?“ Diese und ähnliche Fragen standen im Mittelpunkt des Streits um die amerikanische Philosophin Judith Butler und deren Auszeichnung mit dem Adorno-Preis der Stadt Frankfurt. Die politische Erregung scheint auch nach der Preisübergabe in der Paulskirche nicht abzuflauen. Für den Versuch einer Antwort kann Assheuer nun aber die Rede Butlers über einen berühmten Satz Adornos heranziehen.

Pro und Contra in den Medien

„Die Frage nach dem richtigen Leben, und das war Butlers Pointe, wird damit zur Frage nach der richtigen Gesellschaft, und für sie kann, nein, muss man kämpfen, gewaltfrei natürlich. Mit dieser Wendung war für Butler Adornos Satz widerlegt. Es gibt sehr wohl ein richtiges Leben im falschen, und zwar dann, wenn es Widerstand leistet gegen das schlechte – gegen die Unmöglichkeit, ‚ein Leben zu führen, das betrauert werden kann‘.“

Aus dieser philosophischen Fingerübung allein erklärt sich aber kaum die Heftigkeit des Streits um die vermeintliche Israel-Hasserin Butler oder gar einer moralischen Verderbtheit, wie sie vom Zentralrat der Juden ins Spiel gebracht worden war. Dass die Stimmung in der Paulskirche die Debatte keineswegs beruhigt hat, verrät ein mehrstimmiges Pro und Contra in der taz.

„Judith Butler ist keine Antisemitin“

„Adorno-Preis für Antisemiten?“, fragt Detlev Claussen. „Nein, niemals. Judith Butler ist keine Antisemitin; sie vertritt nur politisch dumme Ansichten. Für die Stadt Frankfurt ist der Adorno-Preis Teil der Stadtreklame – große Namen, möglichst weltberühmt und unumstritten. (…) Die Torheit, akademische Reputation von politischer Einsichtsfähigkeit zu trennen, rächt sich. Man kann akademischer Showstar und realitätsferner politischer Dummkopf zugleich sein – siehe Judith Butler.“

Dem widerspricht die Ägyptologin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. „Nicht die Person Judith Butler ist skandalös, sondern der Streit, der über sie entstanden ist. Das Antisemitismus-Argument ist eine Nebelbombe, die verhindern soll, dass man über die Probleme redet, die Butler anspricht. (…) Diese Philosophin versteht es, in einer Welt der Kriege und Eskalationen eine neue Sprache der Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erfinden und mit ihr zugleich eine Praxis verantwortlicher Zuwendung und Empathie.“

Der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman kehrt unterdessen noch einmal zum Ausgangspunkt des Streits zurück. „Professorin Butler hat sich entschieden, an vorderster Front derjenigen zu stehen, die einen Boykott Israels befürworten. Im Zentrum ihrer Agenda steht es, Israelis zu boykottieren, weil sie Israelis sind. Es ist bestürzend, dass ein Preis, der in Erinnerung an ein Opfer der Nazidiktatur und ihrer Boykotte gegen die Juden vergeben wird, an eine Frau verliehen wird, die einen Boykott von Juden als legitimes Mittel ansieht.“