Auslese zur Occupy-Bewegung: Unsäglich albern

Fast alle Medien haben am vergangenen Wochenende dabei zugesehen, wie die überwiegend jungen Leute der Occupy-Bewegung ihre Zelte an verschiedenen Orten im urbanen Raum aufgestellt haben. Nicht wenige waren anschließend bemüht, die zarten Pflanzen des Anti-Banken-Protests ans Herz zu drücken – und das nicht allein wegen der bereits empfindlich kalten Nächte.

In der Süddeutschen Zeitung sympathisiert Heribert Prantl mit dem neuen Internationalismus der Bewegung. „Der internationale Protest fordert eine internationale Politik. Die Davids der Welt wollen nicht mehr dabei zusehen, wie mit den Millionen und Milliarden der Steuerzahler die Banken saniert und die Löcher in den Autobahnen des Finanzkapitalismus nur zur weiteren Raserei geflickt werden: Die Davids rufen daher nach neuen Verkehrsregeln, nach Geschwindigkeitsbeschränkungen, nach Zulassungsvoraussetzungen und nach einem TÜV für die Vehikel, die auf diesen internationalen Autobahnen verkehren.“

Bedingt mitmachbereit ist die taz, in der Felix Lee findet, es mangele an Bewusstsein dafür, „wie sehr deutsche Banken und deutsche Politik die weltweite Krise mitverursacht haben. Ursachen und Verursacher müssen endlich klar benannt werden – FDP und Ackermann bieten da genügend Angriffsflächen. Mit ihnen ließe sich prima ein Anfang machen. Vieles hängt jetzt davon ab, dass die Proteste vom Samstag kanalisiert und dass auf die Fragen auch Antworten gefunden werden – auch von Außerparlamentariern.“

In der Phalanx der Verständigen mag sich Fast-Bundespräsident Joachim Gauck nicht einreihen. Er hält den Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung an Märkte entledigen könne, schlichtweg für romantisch. Die Proteste seien „unsäglich albern“, sagte Gauck auf einem Podium der Zeit.

Feiner ausgearbeitet ist das Ressentiment gegen die jungen Protestierer bei Henryk M. Broder in dem Blog achgut.de: „Das Finanzkapital war schon immer der Lieblingsfeind der fortschrittlichen Elemente im deutschen Volkskörper.“ Außerdem gebe es keine einzige originäre Form des Protestes, findet Broder. „Die Idee der Ostermärsche kommt aus den USA, ebenso die Go-Ins, Sit-Ins, Love-Ins der Studentenbewegung. Stuttgart 21 ist die schwäbische Variante der Tea Party. Und die Kapitalismuskritiker äffen nur nach, was ihnen die Wall-Street-Besetzer vorgemacht haben. Zu blöde, sich selbst etwas einfallen zu lassen, springen sie auf einen laufenden Zug auf.“

Ähnlich sieht es Jan Fleischhauer auf Spiegel-online.de: „Das letzte Mal, dass die Linke in der Lage war, mit den Akteuren auf Augenhöhe zu debattieren, war beim Kampf gegen die Atomkraft; von der Mühe, die sich die Kritiker damals gemacht haben, zehrt die grüne Bewegung noch heute. So gründen die meisten Vorbehalte auf Ressentiment, nicht auf Überlegung.“