Deutschlands Rolle in Europa und in der Welt wird in den kommenden Jahren neu definiert. Ob eine drei-Parteien-Koalition für den Umbruch gut oder eher hinderlich ist, ist noch nicht ausgemacht. In den vergangenen Jahren hat die deutsche Außenpolitik an Bedeutung verloren. Das lag sicher auch an der schwachen Performance von Heiko Maas.

Es liegt aber auch daran, dass die tektonischen Verschiebungen, die wir beobachten, von einzelnen Personen kaum erfasst oder beherrscht werden können. Nicht einmal einzelne Staaten sind in der Lage, selbstbestimmt zu agieren: Pandemien, das Klima, Migration oder die weltweite Schuldenlast sind Themen, die global ablaufen. Die Regierungen sind Getriebene, nicht Gestalter.

Das Ziel der deutschen Außenpolitik muss in diesem Umfeld sein, die Interessen Deutschlands zu vertreten – also die Interessen der Bürger dieses Landes. Zur Wahrung dieser Interessen muss sich eine kluge Außenpolitik Verbündete und Partner suchen. Die Partnersuche sollte völlig unideologisch erfolgen. Das beste Beispiel für eine selbstbewusste und auf die eigenen Interessen ausgerichtete Außenpolitik liefert Großbritannien.

Vor dem Hintergrund der pandemischen Dauerschleife, in die die Weltgemeinschaft eingebogen ist, könnte sich der Brexit als kalkuliertes Crash-Management erweisen. Denn die Briten haben mit der Abschottung die Voraussetzungen geschaffen, um in der Pandemie schnell und effizient handeln zu können. Dies zeigt sich dieser Tage bei der Reaktion auf die neue Südafrika-Mutation des Corona-Virus: Die Briten haben über Nacht eine generelle Testpflicht und Quarantäne für alle Einreisenden verhängt. Im Land selbst geht das Leben vorerst weiter wie bisher – ohne ideologische und zermürbende Schuldzuweisungen, sondern pragmatisch und realistisch.

Zugleich betreiben die Briten auch in der Krise knallharte Standortpolitik: Geimpft wird mit AstraZeneca. Konkurrenten vom Kontinent haben es dagegen schwer, wie die jüngste Entscheidung der britischen Regierung zeigt: Boris Johnson kündigte den Vertrag mit dem französisch-österreichischen Impfstoffhersteller Valneva, was das Unternehmen in eine veritable Krise stürzt.

Auch im Rüstungsbereich sind die Briten im Verbund mit der US-Regierung nicht zimperlich: Der neue indo-pazifische Militärpakt zwischen den USA, Großbritannien und Australien führte zum Storno eines Milliarden-Vertrags für die französische U-Boot-Industrie. Es geht gegen China – auch wenn alle Beteiligten entsprechende Befürchtungen zu zerstreuen suchen.

Deutschland wird über kurz oder lang nicht darum herumkommen, sich zu positionieren: Gelingt es der neuen Bundesregierung, die transatlantischen Beziehungen partnerschaftlich weiterzuentwickeln, und kann Berlin auch eigenständige Beziehungen zu Peking und Moskau unterhalten? Deutschland müsste wegen seiner wirtschaftlichen Stärke eine angemessene Rolle im geopolitischen Spiel der Kräfte spielen.

Immerhin ist es Angela Merkel gelungen, das deutsch-russisch-europäische Pipeline-Projekt Nord Stream 2 über die Runden zu bringen. Die Pipeline ist trotz größter Widerstände fertiggebaut worden. Aber wird sie wirklich in absehbarer Zeit ihren Betrieb aufnehmen können? In der politischen Beurteilung dieser Frage sind die Grünen und die SPD bisher zu völlig unterschiedlichen Bewertungen gekommen. Mit Gerhard Schröder als Gazprom-Lobbyist hat die SPD ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die antirussische Rhetorik der Grünen wiederum mag für markige Sprüche aus der Opposition taugen, zum Regieren ist das zu wenig.

Ähnliches gilt für die Europapolitik, wo es vor der Wahl unversöhnliche Positionen gab: Eigentlich wollte die FDP über viele Jahre der grenzenlosen Schuldenmacherei Einhalt gebieten. Doch der Koalitionsvertrag zeigt, dass Christian Lindner an dieser Front bereits eingeknickt ist. Der Applaus aus Paris kam prompt und bestätigt, dass es statt einer ehrlichen Finanzpolitik ein „Weiter so!“ geben wird.

Eigentlich hätte Lindner, der als Finanzminister Mitglied der „Eurogruppe“ sein wird, viel Macht in der Hand, um in Europa auf solide Finanzen zu pochen. Doch wegen der hohen Schulden und der Kosten durch die Pandemie sind der Regierung die Hände gebunden. Unerbittlich regiert der Sachzwang.

Es ist ein Zeichen von Tapferkeit, dass sich Annalena Baerbock in dieser Situation als Bundesaußenministerin ins Getümmel wirft. Sie ist völlig unerfahren in der klassischen Diplomatie. Aber wer weiß: Vielleicht ist genau das ihre große Chance, doch etwas zu bewegen?