Berlin - Immer häufiger suchen Angehörige vermeintlicher oder tatsächlicher Islamisten Rat bei der Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg. Das teilte eine Sprecherin des Amtes der Berliner Zeitung mit. Demnach gingen bei der Hotline der Beratungsstelle im laufenden Jahr knapp 800 Anrufe ein. 2013 und 2014 waren es jeweils nur knapp über 500 Anrufe gewesen – verteilt über das gesamte Jahr.

Gestiegen ist auch die Zahl der Beratungsfälle, die sich aus diesen Anrufen entwickelten. 2013 waren es 100, 2014 bereits 200 – ebenso wie in diesem noch nicht abgelaufenen Jahr. Die Beratungsstelle Radikalisierung leitet die Fälle an bundesweit eine Handvoll regionaler Beratungsstellen weiter.

Der Leiter der Hamburger Beratungsstelle Legato, André Taubert, beklagte unterdessen, dass auf dem Feld der Vorbeugung islamistischer Gewalt noch zu wenig unternommen werde. „Man muss mehr für Prävention tun“, sagte er dieser Zeitung. „Es wird ganz viel über Repression gesprochen und an der Stelle auch ganz schnell gehandelt.

Mehr Personal für Prävention

Bei der Prävention schreitet man aber nur sehr zaghaft voran. Man braucht bei der Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein viel engeres Netz, so dass keiner mehr durchfallen kann.“ In Frankreich und Belgien sei das Netz so grob, dass viele durchfallen könnten, so Taubert. Das sehe er in Deutschland so nicht. Trotzdem müsse das Netz auch hier enger werden. Angehörige müssten sich flächendeckend Hilfe holen und sagen können: „Ich mache mir da Sorgen.“ Dafür brauche man mehr Geld und mehr Personal.

Hamburg, fügte der Sozialarbeiter hinzu, habe da einen guten Schritt gemacht. In anderen Bundesländern denke man indes noch gar nicht darüber nach. Und in den Flächenländern sei die Hilfe ohnehin viel schwieriger zu organisieren, weil die Wege weiter seien.

Taubert zeigt sich im Übrigen überzeugt, „dass die allerwenigsten in der salafistischen Szene in Deutschland das befürworten, was in Paris passiert ist“. Die Taten seien ihnen zu brutal. Lediglich Einzelne entschieden sich, so etwas zu tun, weil ihre Situation immer noch krisenhafter werde.

Beratungsschlüssel zu klein

Die Hamburger Beratungsstelle Legato hat sechs Mitarbeiter in Teilzeit und Taubert zufolge derzeit 60 bis 70 Beratungsfälle. Es kämen immer wieder neue Jugendliche hinzu, erklärte er. Andere wendeten sich aber auch wieder ab. Das sei nicht starr. Und die Biografien der jungen Extremisten seien extrem unterschiedlich.

Zuvor hatte auch der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, mehr Aussteiger-Programme für Islamisten gefordert, um der Radikalisierung besser entgegenzuwirken. „Um den Zulauf zur Islamistenszene begrenzen zu können, brauchen wir wirksame Präventions- und Aussteigerprogramme. Hier ist ein breiter Ansatz gefragt“, sagte er der Zeitung „Die Welt“. Die Sicherheitsbehörden könnten dies alleine nicht leisten. Die Dschihadisten seien jünger als noch vor einigen Jahren, betonte Münch. „Und sie radikalisieren sich deutlich schneller.“

Zu wenig Vertrauen

2010 war beim Bundesamt für Verfassungsschutz das Aussteigerprogramm „Heraus aus Terrorismus und islamistischem Fanatismus“ (HATIF) gestartet worden. Es wurde jedoch 2014 wieder eingestellt, weil die Hotline teilweise wochenlang stillgestanden haben soll. Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen sagte damals dem Deutschlandfunk, dass das BfV als Nachrichtendienst ohnehin ungeeignet für das Aussteigerprogramm gewesen sei. Betroffene und ihre Angehörigen bringen den Nachrichtendiensten zu wenig Vertrauen entgegen.