Berlin - Der Weg zurück in ein Leben in Freiheit ist lang für Tanja Privenau. Noch ist sie nicht am Ziel. Sie müsse nach wie vor ganz genau gucken, wo sie sich hinbewege, so die Frau in den Vierzigern. Tanja Privenau, die heute anders heißt, war einmal Teil der gewalttätigen Neonazi-Szene. Im Jahr 2005 entschied sie sich, auszusteigen.

Die Haare unter einer Mütze verborgen, das Gesicht hinter einer dunklen Sonnenbrille und einem Schal versteckt: So sitzt Tanja Privenau am Dienstag auf einer Pressekonferenz der Initiative Exit Deutschland den Journalisten gegenüber. Seit knapp 15 Jahren unterstützt Exit Menschen dabei, mit dem Rechtsextremismus zu brechen. Auf einem anderen Stuhl hat Oppositionsführer Gregor Gysi (Die Linke) Platz genommen, daneben Exit-Gründer Bernd Wagner, Wissenschaftler Dierk Borstel und Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung. Sie alle sind gekommen, um über einen "Lichtstreif am Horizont" zu sprechen, wie es Bernd Wagner formuliert.

Die Rede ist von einem Urteil, dass das Bundesverfassungsgericht bereits im Januar 2013 fällte. Die Richter entschieden damals, dass der gewalttätige Rechtsextremist Markus Privenau, der Ex-Mann der Ausgestiegenen, die gemeinsamen Kinder nicht sehen darf. Sie sahen darin eine Gefahr für die Mutter. Tanja Privenau lebt mit ihren Kindern an einem geheimen Ort, ihr Ex-Mann hätte die Kinder danach fragen können. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass die Familie umziehen hätte müssen, weil sie enttarnt wurde.

Mit 13 in die rechte Szene gerutscht

Die Richter erkannten die Gefahr von Racheakten aus der rechten Szene. Eine "strukturelle und dauerhafte Gefahr" - diese Formulierung des Gerichts betont Bernd Wagner am Dienstag. Sie ist der Lichtstreif. "Den Begriff der strukturellen Gefahr hat das Bundesverfassungsgericht neu eingeführt", sagt Wagner. Er hofft, dass Tanja Privenau durch das Urteil nun langfristig geschützt ist - auch dann, wenn jahrelang nichts passiert.

"Wir wollen Politik und Behörden bitten, sich der Ausstiegs-Thematik zuzuwenden", sagt Wagner. Tanja Privenau formuliert das so: "Wenn ich eine neue Identität brauche, um zu überleben, dann brauche ich auch den Staat." Sie habe damals nicht die Hilfe erhalten, die sie sich erhofft hatte. "Ich musste mehrere Bundesländer durchlaufen, bin von A nach B nach C nach D verschoben worden mit den Kindern. Niemand nahm sich dem eigentlichen Problem, der Verfolgung durch die Nazis, an. Manchmal wurde ich einfach weggeschickt." Sie habe irgendwann nicht mehr gewusst, wem sie trauen könne, wer es mit ihr als ausstiegwillige Person ernst meint. Hilfe fand sie bei Exit.

Auch Rechtsextremismus-Experte Dierk Borstel fordert verlässlichere Instanzen auf kommunaler Ebene, die Ausstiegwilligen helfen - immer vorausgesetzt natürlich, die Betroffenen arbeiten ihre Vergangenheit auf und beschäftigen sich mit den Opfern. "Außerdem fehlt eine Kultur der Unterstützung. Bietet die Gesellschaft, die Stadt, das Dorf oder das Land Aussicht auf vernünftiges Leben für die Zeit danach? Bleibt ein Nazi immer ein Nazi, wenn er einmal einer gewesen ist?", fragt Borstel. Man müsse Rechtsextremen in Momenten des Zweifelns Alternativperspektiven aufzeigen.

Tanja Privenau kamen die ersten Zweifel nach gut zehn Jahren in der Szene. "Ich bin schon mit 13 Jahren da reingerutscht, habe mich darin entwickelt, Kinder bekommen und einen Beruf ausgeübt." Privenau war nie bloß eine Mitläuferin, sie hasste Ausländer aus Überzeugung und vertrat die Meinung, der Holocaust habe nie stattgefunden. "Aber über den Beruf habe ich mich dann langsam gedanklich von der Szene entfernt", erzählt sie. Weil Privenaus Ehemann das nicht gefiel, schlug er sie und die Kinder. "Die häusliche Gewalt hat die Entfremdung von ihm und der Szene noch gefördert." Irgendwann floh sie aus dem gemeinsamen Haus.

Seitdem sind nun neun Jahre vergangen, die geprägt waren von Umzügen, der Scheidung und dem Rechtsstreit um das Umgangsrecht des Vaters. "Ich hoffe, dass dieses Prozessgeschehen nun ein Ende hat", sagt sie zum Ende der Pressekonferenz. Ihren Alltag bestimme die Vergangenheit zum Glück nicht mehr. "Mein Leben ist annähernd normal geworden." Doch mit einer möglichen Gefahr wird Tanja Privenau wohl immer rechnen müssen. Vor Jahren wurde sie im Internet dem "Reichsgericht übergeben", das heißt in der Szene soviel wie "freigegeben zum Abschuss". "Aufgrund meiner Vergangenheit", sagt sie, "wird mein Leben wohl immer ein Stück Rattenschwanz nach sich ziehen."