Grüßen, Abstand halten, Rücksicht nehmen.
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BerlinWie jeden Tag laufe ich morgens eine kleine Runde. Warum auch nicht? In den Notverordnungen ist Joggen von Verboten ausgenommen. Sporttreiben allein, raten Gesundheitsexperten, ist ausdrücklich erwünscht.

Es ist wohltuend, auf die Straße zu treten und denselben Menschen zu begegnen wie immer. Leute, die Brötchen holen oder ihren Hund ausführen. An einem großen Häuserblock begegne ich einem Mann in einem roten Overall, der mit einer verlängerten Handzange Laub, Papier und Abfallreste einsammelt. Ohne je ein Wort miteinander gewechselt zu haben, grüßen wir einander seit Jahren. Mehr braucht es auch jetzt nicht. Und doch fühlt sich die Normalzeit nun anders an. Ich bin froh, dass sie da ist.

Wiederentdeckung von Selbstverständlichkeiten

Natürlich hat sie sich verändert. Der Bäcker meines Vertrauens, der bis vor kurzem ein Café unterhalten hat, setzt den Brotverkauf unter veränderten Bedingungen fort. Auf der Ladentheke hat er ein Gestell aus Plexiglas aufgebaut, über das der Tausch Geld gegen Ware ohne Körperkontakt abgewickelt werden kann. Draußen vor der Tür hat er Brote in Tüten abgepackt – zum Mitnehmen für Leute, die Bedürftige versorgen.

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Wir haben uns angewöhnt, soziale Gesten als Heldentaten des Alltags zu bezeichnen, aber sie sind es nicht. Es sind vielmehr Wiederentdeckungen einer abhandengekommen Selbstverständlichkeit. Dinge, die nicht alle, aber viele tun können. Es braucht ein wenig Übung. Vor einem Geschäft in luxuriöser Wohnlage hat sich ein Obdachloser postiert. Irritiert laufe ich beim Hinausgehen weiter, obwohl ein paar Cent für ihn gerade jetzt geboten gewesen wären. Als hätte ich etwas nachzuholen, gebe ich anderntags dem Akkordeonspieler an der S-Bahn etwas mehr als sonst. Er lächelt. An der Reaktion der wenigen Passanten ist die Genugtuung darüber abzulesen, dass er wie gewohnt seine Lieder spielt.

Unterhalb der Schwelle bewusster Wahrnehmung

In dem Wort Normalzeit steckt das Wort Norm, und nichts schien in der modernen Lebenswelt wichtiger, als ihr zu entkommen. Man strebt danach, sich vom anderen zu unterscheiden. Als Gesellschaft der Singularitäten hat das der Soziologe Andreas Reckwitz beschrieben. Der Karneval der Einzigartigkeit wird ganzjährig gefeiert, ein Virus, mit dem sich nahezu jeder angesteckt hat. Jetzt werden wir gewahr, dass die im Hintergrund oft unterhalb der Schwelle bewusster Wahrnehmung stattfindenden Dinge das Getriebe am Laufen halten.

Aber es bedarf der Normalzeit als die andere Seite einer angenommenen Normalität. 

Diese ist gefährdet, wenn sie zur Pflicht erhoben wird. Und so anrührend die Beifallsbekundungen vom Balkon auch sein mögen, sind sie doch auch eine selbstgefällige Geste, mit der man sich generös die Fähigkeit zur Solidarität attestiert. Zur Unterstützung von Pflegekräften aber bedarf es mehr als nur Freundlichkeit. Deshalb ist es gerade jetzt ein soziales Drama, dass Angehörige von ihren Pflegebedürftigen getrennt werden müssen, da sie doch oft diejenigen sind, die durch ihr Mittun die Pflegekräfte entlasten.

Es braucht Bewusstsein für Normalzeit und Normalität

Die selbst ernannten Helden der Politik propagieren eine Rückkehr zu ihrem Verständnis von Normalität. Auf bizarre Weise streift der brasilianische Präsident Bolsonaro einen Mundschutz ab, um seine Unerschrockenheit gegenüber dem Virus zu demonstrieren. Der amerikanische Präsident verlangt eine Rückkehr zur Arbeit, damit das Anhalten der Wirtschaft nicht noch mehr Schaden anrichte. In einem gewissen Sinne hat er sogar Recht. Die zersetzende Kraft der angehaltenen Zeit ist kaum zu spüren, wenn man morgens vor die Tür tritt.

Aber gerade jetzt braucht es über solches Maulheldentum hinaus ein Bewusstsein dafür, dass Normalzeit etwas anderes ist als Normalität. Etwas wird anders sein, wenn Konzerte wieder besucht und Fußballspiele abgehalten werden können. Es wird darauf ankommen, den Alltag neu auszugestalten und dabei jene zu berücksichtigen, die zu Schaden gekommen sind. Bis dahin aber besteht die besondere Herausforderung darin, die Normalzeit zu retten, wo sie sich noch ereignet. Es sind die unheroischen Begegnungen auf Abstand, für die es gesteigerter Aufmerksamkeit bedarf. Es ist die Stunde der Sensationen des Gewöhnlichen. Grüßen, Abstand halten, Rücksicht nehmen.