Braunschweig - Es ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Peter und Martina Schmidt haben sich nämlich beim Zahnarzt kennengelernt. Aber das ist noch nicht das Ungewöhnliche. Er lag auf dem Behandlungsstuhl. Sie stand als Zahnarzthelferin daneben. Er lächelte sie an. „Ich bin noch nie so dämlich angegrinst worden“, wird sie später sagen. Trotzdem ist etwas passiert zwischen den Beiden.

Erst viele Jahre später wird sie erfahren, warum er eigentlich gar nicht lächeln konnte. Dass er lange dafür trainieren musste, bis ihm diese seltsame Grimasse gelang. Und warum dieses dämliche Grinsen sie trotzdem so berührt hat.

Peter Schmidt kann Mimik nicht erkennen. Weder seine eigene noch die anderer Menschen. Er kann eigentlich auch keine Gefühle offenbaren oder anderen Menschen direkt in die Augen sehen. Er hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus.

Das alles macht ihm die Rolle als Liebhaber nicht eben leicht. Zusammen mit seiner Vermieterin hatte er damals lächeln geübt. Die Vermieterin fand, der junge Mann, der bei ihr wohnte, dürfe nicht immer nur alleine sein. Stundenlang hat er vor dem Spiegel gestanden und diese Grimasse gemacht, die er selbst nicht verstand.

Auch das In-die-Augen-Sehen hat Peter Schmidt übrigens bei der Vermieterin gelernt. Da benutzt er einen Trick, fixiert die Nasenwurzel seines Gegenübers, weil er die Augen wirklich nicht sehen will. Der andere denkt dann, es bestehe Augenkontakt. „Da gucke ich hin“, sagt Schmidt und greift dem Besucher lachend an die Nase. Auch das musste er lange üben, weil Autisten den Körperkontakt mit anderen Menschen gewöhnlich vermeiden.

Das sind so ein paar Gründe, warum es recht ungewöhnlich ist, dass Peter Schmidt und seine Frau Martina jetzt schon seit achtzehn Jahren verheiratet sind, zwei Kinder haben und so wirken, als seien sie glücklich miteinander.

Unter Spannung

Peter Schmidt, 45 Jahre alt, steht im Garten der Braunschweiger „Lebenshilfe“. Ruhig ist es hier unter den großen Bäumen. Nur Peter Schmidt ist nicht ruhig, sein ganzer Körper scheint unter Spannung zu stehen. Er wippt mit seinem Oberkörper hin und her.

Die Fahrt hierher nach Braunschweig ist für Schmidt eine Reise in die Vergangenheit. Bei der „Lebenshilfe“ hat ein Therapeut die Diagnose gestellt. „Zur Sicherheit habe ich in Köln und Frankfurt weitere Diagnosen eingeholt“, sagt er. „Sie haben alles bestätigt.“ Erst vier Jahre ist das her. Bis zu diesem Zeitpunkt dachten alle, er sei einfach nur ein bisschen seltsam. Männer, die nicht lächeln können und Probleme haben, ihre Gefühle zu zeigen, gibt es schließlich eine ganze Menge. Dann war plötzlich klar, dass er krank ist. „Das war ein Schock“, sagt er.

An diesem Tag in Braunschweig hält Schmidt einen Vortrag über das „Phänomen Autismus“, wie er es nennt, und das Leben mit dem Asperger-Syndrom. Er kann das gut, Vorträge halten. Besser jedenfalls als lächeln. Schmidt gilt als hochintelligent, er hat einen Doktortitel und arbeitet in der IT-Abteilung eines Pharmakonzerns. Im Gegensatz zu vielen anderen Asperger-Autisten begreift Schmidt seine Situation, kann sie reflektieren, darüber sprechen, Vorträge halten, so wie heute im Haus der „Lebenshilfe“.

Die Stuhlreihen in dem weißgestrichenen Seminarsaal sind bis auf den letzten Platz besetzt. Peter Schmidt ist zusammen mit seiner Frau Martina gekommen. Sie halten die Vorträge immer zusammen. Abwechselnd sprechen sie, immer wieder fassen sie sich an den Händen dabei. Gegenseitig geben sie sich ein Zeichen für den Einsatz. Sie haben so eine Art Geheimsprache entwickelt. Wenn Peter Schmidt zum Beispiel „Mau“, sagt, dann greift seine Frau Martina sofort nach seiner Hand, ein kurzer Druck, Beruhigung.