Axt-Angriff von Heidingsfeld: Hat der Terror die Deutschen verändert?

Heidingsfeld - Friedlich ist es hier. Unten fließt der Main, an den Hängen wächst Wein, im Tal stehen Einfamilienhäuser, Doppelhaushälften mit Gärten, auch mehrstöckige Wohnhäuser. S’Städtle, nennen die Leute Heidingsfeld, dabei ist die kleine Stadt schon 1930 eingemeindet worden und nun Ortsteil von Würzburg. Nur der eigene Faschingszug erinnert noch daran, dass Heidingsfeld einst selbstständig war.

Und das Rathaus, in dem längst kein Bürgermeister mehr sitzt, an dessen Fassade aber immer noch die Abbildung eines finster blickenden Mannes mit schwarzem Vollbart hängt. Es ist das Giemaul, eine sagenhafte Gestalt. Während des Dreißigjährigen Krieges soll er den feindlichen schwedischen Truppen den geheimen Zugang zur Stadt gezeigt haben.

Kein Mensch kennt Heidingsfeld, aber im Juli 2016 war dieser Name plötzlich in aller Munde, war der Ort in der unterfränkischen Provinz zusammen mit Paris, Nizza und London auf dieser neuen europäischen Landkarte der Orte, in denen islamistisch motivierte Terroranschläge verübt wurden.

Am 18. Juli griff der 17 Jahre alte afghanische Flüchtling Riaz Khan A. in einer Regionalbahn auf der Fahrt nach Würzburg vier Passagiere an. Er benutzte ein Messer und eine Axt. Es war ein Blutbad, und als jemand die Notbremse zog, hielt der Zug ausgerechnet in Heidingsfeld.

Unter den Folgen des Anschlags leiden viele immer noch

Ein paar Tage später veröffentlichte die Terrormiliz Islamischer Staat ein Video, in dem Riaz Khan A. in einem weißen Gewand zu sehen war. Er hielt ein Messer in der Hand und kündigte Rache für die Taten der „Ungläubigen gegen meine muslimischen Brüder und Schwestern“ an. Dabei hatte er nach seiner Flucht gute Voraussetzungen für einen Neuanfang gehabt. Eine deutsche Pflegefamilie kümmerte sich um ihn, er war im Sportverein, machte ein Praktikum in einer Bäckerei, hatte eine Lehrstelle in Aussicht.

Das ist mehr als ein Jahr her, und Heidingsfeld ist wieder in Vergessenheit geraten. Wenn ein neuer Anschlag verübt wird wie vor ein paar Wochen in Barcelona, dann wird der Ort bei der Aufzählung der Anschläge der vergangenen Monate nicht mehr erwähnt. Vielleicht liegt das daran, dass es keine Todesopfer gegeben hat und dass die Zahl der Verletzten relativ klein war.

Zu den vier Zugpassagieren kam noch eine 51 Jahre alte Heidingsfelderin, die an diesem Abend ihren Hund spazieren führte. Riaz Khan A. schlug ihr mit der Axt ins Gesicht, als er auf der Flucht war. Es waren also fünf Verletzte. Doch unter den Folgen dieses Anschlags leiden nicht nur die Attackierten bis heute. Es gibt noch viel mehr Opfer als nur die körperlich Verletzten. Auch das ist eine Lehre, die man aus einem Besuch in Heidingsfeld ziehen kann.

Zwei dieser innerlich Versehrten sind Melanie Göttle und Thomas Velten. Sie sind Nachbarn, wohnen in einer Sackgasse am Ortsrand, dort, wo Heidingsfeld am ruhigsten wäre, gäbe es die Züge nicht, die Tag und Nacht an ihren Häusern vorbeifahren. Melanie Göttles großer Garten hinter dem Haus, in dem sie mit ihrem Lebensgefährten und dem zwölfjährigen Sohn wohnt, grenzt direkt an die Gleise. Und es war genau dort, wo der Zug zum Stehen kam.

„Jetzt gibt es keine guten Züge mehr“

„Eine Panne“, habe er gedacht, sagt Thomas Velten. Er saß an dem Abend vor dem Fernseher, das Wohnzimmerfenster stand offen. „Es war 21.07 Uhr“, sagt er und an der Art, wie er diese Uhrzeit wie aus der Pistole geschossen nennt, merkt man, dass dieser Zeitpunkt für Thomas Velten von besonderer Bedeutung ist, so, als sei sein Leben damals in zwei Teile zerfallen, den vor 21.07 Uhr und den nach 21.07 Uhr.

Wir sitzen an diesem warmen Septemberabend an dem großen Tisch im Garten. Melanie Göttle ist spät von der Arbeit in einem Fischgeschäft gekommen. Sie ist erwerbsunfähig wegen eines Tumors in ihrem Kopf, aber die Rente reicht nicht, deshalb braucht sie diesen Nebenjob.

Sie ist 45 Jahre alt, eine zierliche Person mit einem dunkel gefärbten Pagenkopf und leuchtend blauen Augen. An ihrem rollenden „r“ hört man, dass sie aus der Gegend kommt. Im Gras liegt Wilson, die betagte englische Bulldogge, und knurrt vor sich hin. Melanie Göttles Sohn macht Kaffee für die Gäste. Immer wieder fährt ein Zug vorbei, dann stockt das Gespräch. Die Regionalbahnen sind relativ leise, die Güterzüge ziemlich laut. Früher waren die Regionalbahnen deshalb die guten Züge für die beiden Nachbarn.

„Jetzt gibt es keine guten Züge mehr“, sagt Thomas Velten. Er ist 50, ein Schrank von einem Mann, aber wenn er von dieser Nacht erzählt, hält er manchmal inne und muss tief Luft holen. „Ich werde das nie in meinem Leben vergessen“, sagt er.

Überall war Blut, auf dem Boden, den Sitzen, den Wänden

Thomas Velten wollte nachsehen, was los ist, er ging zu den Gleisen, sah dort Menschen. Einer fragte nach einem Verbandskasten. „Jemand wird eine Schramme haben“, dachte er. Er ging zum Auto, um ihn zu holen.

Melanie Göttle war zu dem Zeitpunkt im Schlafzimmer, weil sie sich mit ihrem Lebensgefährten nicht auf ein gemeinsames Fernsehprogramm hatte einigen können. Sie guckte „Castle“, eine Krimiserie. Dann sah sie einen Polizisten mit einer Maschinenpistole vor ihrem Haus. „Im ersten Moment dachte ich, sie habe etwas Falsches auf Facebook gepostet.“ Sie ging nach unten, und dann waren sie und Thomas Velten noch vor den Sanitätern im Zug um zu helfen, zusammen mit zwei Frauen aus dem Zug.

„Ich habe so was noch nie gesehen“, sagt er. Überall war Blut, auf dem Boden, den Sitzen, den Wänden. „Wie im Krieg, wie in einem Film.“ Melanie Göttle sagt, sie habe sich zwischen die Frau mit der Halswunde und den Mann mit den schweren Kopfverletzungen gestellt, um der Frau den Anblick zu ersparen. „Ich dachte, der stirbt.“

Die Frau habe gesagt, ihr sei kalt. Sie sprach Englisch. Die Opfer waren Chinesen aus Hongkong, Touristen, die an diesem Tag die mittelalterliche Altstadt von Rothenburg ob der Tauber besucht hatten. Ein 62 Jahre alter Mann, seine 58-jährige Frau, die Tochter, 26, sowie deren 30 Jahre alter Verlobter.

Kurz vor zehn hörten sie Schüsse

Später, als die Rettungskräfte da waren, hat Melanie Göttle geholfen, die Brennnesseln am Bahndamm herauszureißen, um eine Schneise zu schaffen, für die Tragen, auf denen die Verletzten transportiert wurden. Thomas Velten stellte drüben in seinem Hof seine Campingmöbel auf, Stühle und Tische für die Passagiere aus dem Zug, er brachte Getränke.

Kurz vor zehn hörten sie Schüsse. Dann bekam der Einsatzleiter der Feuerwehr, der bei ihnen war, einen Funkspruch. „Er ist tot“, sagte er. Die Polizei habe den Attentäter erschossen. Irgendwann in der Nacht holte ein Bus die Menschen ab, um sie zu einem eilends eingerichteten Seelsorgezentrum zu bringen. Ob sie nicht auch mitkommen wolle, fragte jemand Melanie Göttle. Sie lehnte ab. Damals hielt sie das nicht für nötig.

Ein paar Wochen später kam sie früher als sonst aus der Nachtschicht in einer Taxizentrale nach Hause, in der sie damals arbeitete. Es war gegen drei Uhr früh, noch dunkel, und als sie ihr Auto geparkt hatte, stellte sie fest, dass sie nicht aussteigen konnte. „Ich hatte Angst.“ Und so blieb sie im Wagen sitzen, bis es dämmerte. An dem Tag suchte sie nach einem Psychologen. Seit November ist sie in Therapie.

Wenn die Panik sie überrolle, solle sie an etwas Schönes denken, riet ihr der Psychologe zunächst. An eine Insel mit Palmen im blauen Meer zum Beispiel. Es funktionierte nicht. Nun versucht sie, sich auf die realen Gerüche und Geräusche in ihrer Umgebung zu konzentrieren, um die Angstattacken abzuwehren. „Unser Zuhause war immer unsere feste Burg, der Ort, an dem wir uns sicher gefühlt haben“, sagt sie. „Das ist nun zerbröckelt.“

Für den Anschlag in Heidingsfeld machten viele die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung verantwortlich

Nicht nur für sie, sondern auch für ihren Sohn, der inzwischen zwölf ist, und in der Nacht des Attentats geschlafen hat. Eines Abends aber kam Melanie Göttle nach Hause, da saß er mit einem Baseballschläger bewaffnet auf dem Sofa. Ein ICE hatte auf der Strecke am Haus abgebremst, da hatte er zu dieser Waffe gegriffen und sie nicht aus der Hand gelassen, bis seine Mutter zu Hause war. Seitdem ist auch er in Behandlung.

Melanie Göttle ist nicht mehr gern in ihrem Garten, sie fährt nicht mehr Zug seit diesem Tag. Sie kann Menschenansammlungen nicht mehr ertragen. Nicht einmal auf Kiliani ist sie dieses Jahr gewesen, dem großen Würzburger Volksfest, benannt nach dem Heiligen Kilian, Schutzpatron der Franken.

Für den Anschlag in Heidingsfeld machten viele die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung verantwortlich, auch Thomas Velten und Melanie Göttle. Ein paar Tage nach dem Attentat schrieb sie einen Brief an die Bundeskanzlerin. Als Mutter sei es für sie eine grauenhafte Vorstellung, Kinder im Krieg leiden zu sehen, heißt es darin. Und: „Hätten Sie Ihren Mann mit gespaltenem Schädel und geöffnetem Bauch in diesem Zug vorgefunden, (..) hätten Sie mit Sicherheit Ihre Flüchtlingspolitik noch einmal überdacht.“

Es ist, als läge Melanie Göttle mit sich selbst im Widerstreit. Da ist die Absicht, Menschen in Not helfen zu wollen. Und da ist das Bedürfnis nach Sicherheit, das schon in der Silvesternacht von Köln den ersten Schub bekommen hatte. „Ich verstehe die Merkel nicht“, sagt Melanie Göttle.

Melanie Göttle hätte die chinesischen Opfer gern besucht

„Aber wenn man Kritik äußert, ist man sofort rechtspopulistisch“, sagt Thomas Velten. Dabei sind sie nicht für die AfD. „Wo kommen wir denn dahin, ausgerechnet in Deutschland“, sagt Melanie Göttle. Ihnen gefallen Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht, auch wenn sie noch nicht wissen, ob sie deren Partei wählen werden. Aber wählen werden sie auf jeden Fall.

Melanie Göttle hätte die chinesischen Opfer gern besucht. Sie wurden lange in Würzburger Kliniken behandelt, der Verlobte der jungen Frau konnte erst Monate später nach Hongkong zurückkehren. Er war am schwersten verletzt worden. Monatelang haben die Neurochirurgen im Würzburger Uniklinikum um sein Leben gekämpft. Melanie Göttle wurde nicht vorgelassen. „Die wurden abgeschirmt“, sagt sie.

So hat sie Zeitungsartikel gelesen, die über ihren Zustand berichteten. Die junge Frau verlor ihre Stelle, ihr Verlobter erlitt nach der Rückkehr bei der Arbeit einen Zusammenbruch, das war in der Lokalzeitung zu lesen.

Vor Kurzem hat Melanie Göttle einen Brief an die deutsch-chinesische Freundschaftsgesellschaft in Würzburg geschrieben, die sich um die Opfer während ihrer Zeit im Krankenhaus gekümmert hat. Sie möchte wissen, wie es den Menschen, die durch ihren Garten getragen wurden, heute geht. Am liebsten hätte sie ein Foto von ihnen. Damit sie die anderen Bilder aus ihrem Kopf bekommt.