Die ganze Sache war vermutlich anders geplant. Bundeskanzler Olaf Scholz auf Tour im Westbalkan, im Gepäck die gute Nachricht: Die Europäische Union hat euch nicht vergessen, ihr werdet auch noch Mitglieder. Dazu dann Bilder mit den Regierungschefs in Kosovo, Serbien, Nordmazedonien und Bulgarien. Das war die Ausgangslage, als Scholz mit einer Delegation und rund 25 Journalistinnen und Journalisten am Freitagmorgen mit dem Regierungsflieger in Berlin abhob.

Wenige Stunden später war der Kanzler sehr unsanft in der politischen Realität des Westbalkans gelandet. Grund dafür war, dass er gleich das erste Treffen für etwas nutzte, was er selten tut: Er redete Klartext. Ein Abkommen mit der EU müsse „am Ende auch die Frage nach der Anerkennung Kosovos klären“, sagte er auf der Pressekonferenz nach seiner Begegnung mit Kosovos Ministerpräsidenten Albin Kurti: „Es ist nicht vorstellbar, dass zwei Länder, die sich gegenseitig nicht anerkennen, Mitglieder der EU werden.“ Schon zwei Stunden später erfährt der Bundeskanzler, dass das zumindest in Belgrad offenbar sehr wohl vorstellbar ist.

Kosovo und Serbien sind die ersten beiden Ziele seiner Tour de Force im Namen der EU. Sie sind am Freitag an der Reihe, am Samstag geht es dann nach Nordmazedonien und Bulgarien. Jeweils zwei Sorgenkinder und dazwischen ein Abendessen und eine Übernachtung in Thessaloniki, wo der Plan der europäischen Integration des Westbalkans vor fast zwanzig Jahren geschmiedet wurde. Dass seitdem nicht viel passiert ist, gehört zur Tragik, der Scholz gern ein Ende bereiten möchte. Es ist dann aber doch dieser eine Satz, der sehr deutlich machte: Das ist ein langer Weg.

Diplomatie auf dem Balkan:

  • Kosovo: Das Land will noch in diesem Jahr förmlich die Aufnahme in die EU beantragen. Das sagte der Ministerpräsident des Landes Albin Kurti während des Scholz-Besuches. Problem: Serbien erkennt Kosovo nicht als eigenständigen Staat an. Auch fünf EU-Länder haben den Kosovo noch nicht anerkannt: Griechenland, Rumänien, die Slowakei, Spanien und Zypern.
  • Serbien: Das Land ist seit zehn Jahren EU-Beitrittskandidat. Problem: Streitigkeiten mit Kosovo und die Nähe zu Russland. Serbien trägt die Sanktionen gegen Russland nicht mit.
  • Nordmazedonien: Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte während seiner Balkan-Tour, dass das Land am weitesten in Richtung EU-Mitgliedschaft vorangeschritten sei. Ministerpräsident Dimitar Kovacevski erwartet dazu eine Entscheidung auf dem nächsten EU-Gipfel. Ob es dazu kommt, ist unklar.
  • Bulgarien: Mitgliedsland in der Nato seit 2007, torpediert jedoch die Beitrittsverhandlungen mit Nordmazedonien.

Rund zwei Stunden nach seinem Treffen mit Albin Kurti in Pristina steht Scholz im Präsidentenpalast von Belgrad, der bis in den letzten Winkel der riesigen, gut ausgeleuchteten Säle hinein Zeugnis nationaler Größe ablegt. Sein Satz ist aber schon vor ihm angekommen. Das macht der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vučić klar. Vučić, ein großer Mann mit düsterer Stimme, bringt das Thema von sich aus nicht zur Sprache. Er lobt Scholz, dass er „neue Energien für den Westbalkan mitgebracht“ habe. Doch schon wenige Minuten später ist die Stimmung im Eimer. Eine deutsche Journalistin hat gefragt, wie er zur Scholz-Äußerung stehe, dass EU-Staaten einander anerkennen müssten, Serbien dann also ja auch den Kosovo.

Bei den internationalen Pressekonferenzen ist es in der Regel so, dass die Journalisten vier Fragen stellen dürfen – zwei gehen an die einheimische Presse, zwei an die deutschen Medienleute. Die serbischen Journalisten fragen den deutschen Kanzler mit dem Tenor: Warum wird es Serbien immer so schwer gemacht? Die Frage aus dem deutschen Medientross an Vučić ist da offenbar eine echte Provokation.

Vučić reagiert nicht nur schroff, er antwortet regelrecht aggressiv. „Keiner verlangt in Europa gegenseitige Anerkennung“, behauptet er. „Das haben wir erst heute aus Pristina gehört.“ Es stimmt: Auch die fünf EU-Staaten Griechenland, Spanien, Zypern, Rumänien und die Slowakei haben Kosovo, das sich 2008 von Serbien lossagte, noch nicht als unabhängigen Staat anerkannt. Sie sind aber schon in der EU und können das Problem erst mal aussitzen.

Wenn Sie glauben, dass Sie uns drohen müssen, weil wir darum bemüht sind, die Ordnung der Uno aufrechtzuerhalten, dann sagen wir: Machen Sie Ihre Arbeit und wir machen unsere.“

Aleksandar Vučić, serbischer Ministerpräsident

Der serbische Ministerpräsident jedenfalls schäumt. Er wird noch deutlicher: „Wenn Sie glauben, dass Sie uns drohen müssen, weil wir darum bemüht sind, die Ordnung der Uno aufrechtzuerhalten, dann sagen wir: Machen Sie Ihre Arbeit und wir machen unsere“, sagt er. Und der Bundeskanzler ist spätestens jetzt in den Mühen der Ebenen der Balkanpolitik angekommen. Er sagt in der Situation nur, dass er lediglich auf Selbstverständlichkeiten verwiesen habe.

Dann geht es schnell zurück zum Flughafen und weiter nach Thessaloniki. Dort steht ein Abendessen des Südeuropäischen Kooperationsprozesses an, das der griechische Ministerpräsident gibt. Dort soll es dann auch um die Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei gehen. Es wird nicht mehr einfacher auf der Reise.

Am Samstag geht es in Skopje und Sofia weiter. Noch zwei Sorgenkinder: Nordmazedonien wäre eigentlich so weit, um ernsthaft über eine EU-Mitgliedschaft zu verhandeln, doch Bulgarien bremst. Erst müsse Nordmazedonien seine Verfassung ändern, um der bulgarischen Minderheit Rechte einzuräumen, sagt der Regierungschef Kiril Petkow. Der hat gerade einen Teil seiner Regierungskoalition verloren und regiert mit einem Minderheitskabinett. Keine gute Ausgangslage, um Zugeständnisse an den Nachbarn zu machen.

Scholz ist an diesem Samstag mit Petkow noch nicht in die vertrauliche Besprechung verschwunden, da poppt eine Eilmeldung auf den Smartphone-Bildschirmen der mitreisenden Journalistinnen und Journalisten auf. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist in Kiew eingetroffen, um dort über die EU-Beitrittsverhandlungen zu sprechen. Nächste Woche will die Kommission eine Einschätzung abgeben. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie negativ ausfällt.

Die Ukraine darf auf die Überholspur in Sachen Beitrittsstatus, der Westbalkan wird seit fast 20 Jahren hingehalten. Dennoch will kein Regierungschef, den Scholz in diesen beiden Tagen besucht, auch nur ein negatives Wort darüber verlieren. Man stehe solidarisch an der Seite der Ukraine, heißt es überall fast wortgleich. Hinter den Kulissen sieht es anders aus. Da ist durchaus die Rede davon, dass man sich zurückgesetzt fühlt.

Vielleicht könnte die Ukraine aber auch als Beschleuniger für die Beitrittsverhandlungen der Westbalkanstaaten dienen. Der Regierungschef von Nordmazedonien macht am Samstag klar, dass er sich für sein Land schon bald positive Entscheidungen erwarte, und meinte dabei den EU-Gipfel, der am 23. Juni stattfindet. Der könnte spannender werden als gedacht.

Die Ukraine bleibt während der gesamten Balkanreise ein Thema. Während Scholz sich mit den störrischen Mini-Staaten herumschlägt, sind zur selben Zeit gleich zwei Minister aus Scholz’ Kabinett in die Ukraine gereist – Gesundheitsminister Karl Lauterbach und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir. Nun war schon das halbe deutsche Kabinett beim möglichen EU-Kandidaten Ukraine, um seine Solidarität zu versichern. Natürlich wird der Kanzler auch wieder nach seinen Plänen dazu befragt. Er antwortet nicht.

Balkanreise des Bundeskanzlers: Eine denkwürdige Rede

Doch dann gibt es im Regierungsflugzeug eine geradezu denkwürdige Szene. Wie schon zu Beginn der Reise kommt Olaf Scholz zu den Journalistinnen und Journalisten in den hinteren Teil des Flugzeugs, um Fragen zu beantworten. Aus diesen Hintergrundgesprächen darf nicht zitiert werden. Doch es ist bemerkenswert, wie gelöst der Kanzler wirkt, geradezu aufgekratzt. Als der Flieger gelandet ist, macht wenig später die Nachricht die Runde, dass auch Scholz nach Kiew reisen wird, gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi. Womöglich hat das Wochenende für Scholz mehr gebracht als weitgehend ergebnislose Gespräche auf dem Balkan.