Flüchtlinge im Lager Vucjak nahe der bosnisch-kroatischen Grenze.
Foto: Andrea Jeska

BihacStimmt das, fragt Hussein B., ein 23-jähriger Flüchtling aus dem Irak. „Die geben uns kein Essen mehr?  Was sollen wir denn dann tun?“ Da ist Panik in seinem Gesicht, und seine Augen betteln um eine beruhigende Antwort. Im Flüchtlingslager Vucjak in der Nähe der bosnischen Stadt Bihac ging das Gerücht um, das Rote Kreuz von Bihac und dem Kanton Una-Sana werde die gut 700 Flüchtlinge dort nicht mehr versorgen.

Ein Gerücht, das sich bewahrheitet hat. Seit vergangener Woche hat das lokale Rote Kreuz, zuständig für Bihac und den Una-Sana-Kanton, die Arbeit in Vucjak eingestellt. Husein Klicic, der Präsident, hat erklärt, mit Einbruch des Winters sehe seine Organisation sich nicht mehr in der Lage, das Überleben der Flüchtlinge zu garantieren. „Wir wollen die Verantwortung für eine humanitäre Katastrophe nicht übernehmen. Wenn die Menschen in Vucjak bleiben, werden sie erfrieren. Die Regierung muss nun eine Lösung finden.“

Die Lösung kommt ein paar Tage später. Vucjak, so heißt es, solle ganz geschlossen werden. Doch wohin mit den Menschen? Darüber gibt es keine Information. Denn trotz der 14 Millionen Euro, die die Europäische Union an in Bosnien tätige Akteure in der Flüchtlingshilfe zahlte, werden diesen Winter Tausende nicht wissen, wie überleben.

Mitte November sollten zwei Camps geschkossen werden

Der bosnische Kanton Una-Sana ist zu einem Knotenpunkt auf der Balkanroute geworden, auf der die Flüchtlinge von Griechenland durch Albanien und Montenegro in die Länder der EU unterwegs sind. Längst ist das kleine Bosnien mit der Situation überfordert, stauen sich die Menschen in den Städten Bihac und Velika Kladusa.

Die beiden Kleinstädte tragen die Hauptlast der Probleme, die mit der Verlagerung der Balkanroute durch Bosnien-Herzegowina entstanden sind. Die Regierung lasse seine Stadt im Stich, klagte Anfang des Jahres Bihacs Bürgermeister Suhret Fazlic, der Vucjak errichten ließ.

Tatsächlich ist die Präsenz der Flüchtlinge in der Stadt hoch, ebenso die der Polizei. Das Camp Bira liegt zentral in der Stadt Bihac, und seit Wochen gibt es Demonstrationen von Bewohnern, die seine Schließung verlangen. Die Kapazität des Camps ist erschöpft, täglich bildet sich vor dem Lager eine Schlange von Flüchtlingen, die auf Aufnahme hoffen und abgewiesen werden. Die, die nicht aufgenommen werden, wohnen in klammen Ruinen, in denen man ebenfalls nicht überwintern kann.

Mitte November sollten die Camps Vucjak und Bira geschlossen werden. Doch trotz monatelanger Verhandlungen hat die bosnische Regierung es bislang nicht geschafft, einen alternativen Standort zu bestimmen. Nun ist die Lizenz dieser Camps erstmal verlängert worden. Den dort Lebenden aber soll das Verlassen der Lager verwehrt werden, es sei denn, hat die lokale Regierung verfügt, sie wollten die Grenze zu Kroatien überqueren.

Hilflosigkeit und Unfähigkeit der Behörden

Was als Aufforderung zu illegaler Grenzüberquerung gedeutet werden kann, zeigt die Hilflosigkeit und Unfähigkeit der Behörden. Schon bei der Gründung von Vucjak war das deutlich geworden: Das Camp wurde im vergangenen Jahr gegen internationale Proteste auf einer Mülldeponie am Rande des gleichnamigen Dorfes, 15 Kilometer von Bihac entfernt, errichtet. Die Stadt begründete die Entscheidung seinerzeit damit, dass die 40 000 Bewohner von Bihac sich nicht mehr sicher fühlten angesichts der vielen zumeist jungen Männer, die auf der Straße und in den Parks schliefen, sich wuschen, Müll und Notdurft hinterließen. Die ehemalige Deponie, hieß es, sei der einzig mögliche Ort, die Männer unterzubringen.

Seither werden männliche Migranten, die auf den Straßen von Bihac angetroffen werden, von der Polizei eingesammelt, nach Vucjak gebracht und dort ausgesetzt zwischen flatternden Zelten und einem Waldgürtel, in dem noch die Landminen des Krieges liegen. Wegen dieser Landminen, des mit Methan verseuchten Bodens der Deponie, aber auch wegen der inhumanen Bedingungen für die Flüchtlinge weigerten sich internationale Hilfsorganisationen, in Vucjak tätig zu werden.

Das Ergebnis dieser Weigerung führt zu Umständen, die man als Albtraum bezeichnen muss. Die überbelegten Zelte im wohl schlimmsten Flüchtlingscamp in Europa sind feucht vom Regen und riechen nach Schimmel, die meisten der Flüchtlinge schlafen auf dem Boden, überall liegt Unrat herum, die Wege sind schlammig. Die Wassertanks werden von der Stadtregierung befüllt, die auch den Müll abholt, es gibt einen Generator zum Aufladen der Mobiltelefone und vier Dusch- und Toilettencontainer, die so verdreckt sind, dass die Bewohner es bevorzugen, in den Wald zu gehen. Fast jeder dort – die meisten sind Pakistani und Afghani – hat Krätze, Flöhe, Läuse oder eitrige Wunden. „Welcome to the jungle“, so werden Besucher in Vucjak begrüßt – Galgenhumor in tiefster Verzweiflung.

Zunächst war die Solidarität groß

Lediglich das Rote Kreuz von Una-Sana war in den vergangenen Monaten mit sechs ehrenamtlichen Helfern präsent. „Aus Menschlichkeit“, wie der Regionalkoordinator Selam Midzic sagt. Die Entscheidung, Vucjak nicht mehr zu versorgen, sei auch deshalb gefallen, weil seine Mitarbeiter am Rande ihrer Kräfte seien. „Sie haben dort Hunderte von jungen Männern, die zum Teil schwer traumatisiert sind. Täglich gibt es Kämpfe und Streit – und keine Polizeipräsenz, um unsere Leute zu beschützen. Wenn der Frost kommt, wird die Lage eskalieren.“

Als Bosnien, nach Schließung der serbisch-ungarischen Grenze vor gut 18 Monaten, neue Durchgangsstation auf dem Weg nach Europa wurde, war die Solidarität unter den Bewohnern zunächst groß. Zum einen gab es damals noch keine Camps und keine Versorgung. Die Flüchtlinge bekamen viel private Hilfe, vor allem von jenen Bosniaken, die selber Krieg und Vertreibung erlebt hatten. Zum anderen dachte man, es wäre eine temporäre Situation. Doch der Strom jener, die im Nordwesten von Bosnien über die kroatische Grenze Richtung EU wollen, riss nicht ab. Mehr als 30 000 Menschen schätzungsweise haben seither das kleine Balkanland durchquert. Als es im Una-Sana-Kanton zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Polizei und Flüchtlingen, zu Einbrüchen in leerstehende Häuser und zu Viehdiebstählen kam, ließ die Hilfsbereitschaft stark nach.

Die meisten wollen schnell die Grenze überqueren

Dass die bosnische Regierung trotz internationalen Drucks bislang keinen alternativen Standort bestimmt hat, liegt zum einen an der Angst, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, die Wählerstimmen kosten, zum anderen an der föderalistischen Struktur. „Keiner übernimmt Verantwortung für Entscheidungen. Jeder fühlt sich zunächst der Partei verpflichtet oder seinem Clan. Probleme werden nicht gelöst, sondern von einem zum anderen weitergegeben“, sagt Peter Van der Auweraert, Koordinator der Internationalen Organisation für Migration in Bosnien. „Wir verhandeln seit Januar, weil die Probleme, die wir jetzt haben, absehbar waren.“ Es sei jedoch nicht gelungen, alle involvierten Parteien zu einer gemeinsamen Strategie zu bewegen. „Wir haben gehört, es soll neue Standorte in den Kantonen Sarajevo und Tuszla geben, doch wir haben diese noch nicht gesehen.“ Die Entscheidung des Roten Kreuzes, die Versorgung in Vucjak zu beenden, kritisiert er heftig. „Wäre das Rote Kreuz dort gar nicht erst tätig geworden, wäre dieses Camp ohne Zelte, ohne Wasser und Essen in 14 Tagen kollabiert und die Probleme wären nicht entstanden. Wenn man sich auf so etwas einlässt, dann muss man wissen, man hält das durch.“

Laut Schätzungen des Roten Kreuzes von Bosnien sind in den vergangenen Monaten rund 2 500 junge Männer nach Vucjak gebracht worden. Die meisten versuchen, von dort aus so schnell wie möglich die Grenze zu überqueren. Gleich hinter Vucjak beginnt die dicht bewaldete Pljesevica-Gebirgskette, die Bosnien von Kroatien trennt. Weil in diesen Wäldern die Polizeipräsenz groß ist, nehmen viele Flüchtlinge die Route, die auf einer Karte im Camp als landminenverseucht eingezeichnet ist. „Wenn du verzweifelt bist, gehst du jedes Risiko ein“, sagt Hussein B. Er ist seit drei Monaten in Vucjak und hat seither ein Dutzend Mal versucht hat, von dort zu entkommen. „Viermal haben sie mich hinter der Grenze erwischt. Die kroatische Polizei nimmt uns unsere Kleidung weg, Schuhe und Schlafsäcke, und verbrennt sie vor unseren Augen. Sie schicken uns barfuß zurück. Und die anderen Male hat die Polizei mich in Bihac von der Straße geholt und wieder hierher gebracht.“

Noch sind die Temperaturen herbstlich milde, doch ein Sturm und heftige Regenfälle in den vergangenen Tagen haben in Vucjak einen Vorgeschmack darauf vermittelt, was geschehen wird, wenn das Wetter umschlägt. Die Zelte haben dem Wind und dem Regen kaum standgehalten, Wasser ist hineingelaufen, an vielen Stellen sind sie aus ihren Verankerungen gerissen.

In feuchte Decken gehüllt

Im steten Regen ist es nicht möglich, Decken und Schlafsäcke zu trocknen. Die Flüchtlinge hüllen sich in die feuchten Decken, um sich vor dem kalten Wind zu schützen, die Stimmung ist angespannt. „Ich will hier nur noch raus“, sagt Hussein B. „Die EU wird doch nicht zulassen, dass wir im Winter keine Bleibe haben“, fragt er hoffnungsvoll.

Doch selbst wenn es der bosnischen Regierung gelingt, vor Einbruch des Winters und vor den Nachrichten über erste Kältetote einen alternativen Standort zu finden: Das Problem für Una-Sana wird dadurch nicht gelöst. Im Frühjahr werden die Flüchtlinge wieder Richtung kroatische Grenze wandern. „Seit Anfang des vergangenen Jahres ist es schätzungsweise 43 000 Menschen gelungen, diese Grenze zu überqueren. Aus der Perspektive der Flüchtlinge ist sie keinesfalls geschlossen. Sie werden also weiterhin durch Bosnien kommen“, sagt van der Auweraert.

Gerald Knaus, Vorsitzender der Europäischen Stabilitätsinitiative (ESI) mit Sitz in Berlin, seit vielen Jahren wissenschaftlich auf dem Balkan tätig, sieht die Verantwortung für das humanitäre Drama in Bosnien auch innerhalb der EU. „Die Vorstellung mancher in der EU, man könne Flüchtlinge, die Griechenland verlassen, im Balkan fest- und davon abhalten, die EU zu erreichen, ist zum Scheitern verurteilt. Überdies ist dies mit erheblichem menschlichen Leid verbunden.“ Es brauche nicht nur mehr Hilfe in Bosnien, sondern vor allem eine Strategie der EU, die Zahl der in Griechenland Ankommenden zu verringern.