An bezahlbaren, barrierefreien Wohnungen mangelt es in Berlin.
Foto: Getty Images/Westend61

BerlinWohnungssuche in Berlin? Für Lars Hemme ein „Martyrium“. Die Suche ist für fast niemanden leicht zurzeit, die Lage ist angespannt, die Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen sind lang. Doch für Hemme, 44 Jahre alt, ist es noch schwieriger, denn er sitzt im Rollstuhl. 24 Stunden am Tag wird er von einem Assistenten begleitet, der ihn im Alltag unterstützt – und wegen seiner Behinderung kommen für ihn ohnehin nur wenige Wohnungen infrage.

Für Menschen wie Lars Hemme will der zehnte Berliner Sozialgipfel ab Montag Lösungen diskutieren – und im besten Fall finden. Neun Gewerkschaften, Sozialverbände und Mietervereine sitzen einen Nachmittag zusammen und diskutieren die Frage: „Wohnen für alle!? Für eine soziale Stadtentwicklung“. Im Fokus stehen jene, die es bei Wohnungsbesichtigungen oft nicht einmal in die Schlange schaffen: Flüchtlinge, Alte, Menschen mit Behinderungen.

Kaum barrierefreie Wohnungen

Die Zahl der billigen, barrierefreien Wohnungen ist gering – und nicht gesammelt in einem Verzeichnis einsehbar. Wer zum Beispiel aktuell eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Friedrichshain oder Kreuzberg sucht, erhält bei Immobilienscout 272 Angebote. Wer aber „stufenloses Wohnen“ als Bedingung anklickt („barrierefrei“ gibt es als Kategorie gar nicht erst), dem werden nur noch 53 Angebote angezeigt – viele davon mit Mieten weit über 1000 Euro.

Lars Hemme arbeitet als Teilhabeberater beim Sozialverband VDK.
Foto: camcop media/Andreas Klug

Hemme kam vor anderthalb Jahren aus Paderborn nach Berlin – aus beruflichen Gründen. Er hatte vom Sozialverband VDK eine Stelle als „Ergänzend unabhängiger Teilhabeberater“ angeboten bekommen, eine vom Bund über das Teilhabegesetz geförderte Stelle. Ein Glückstag. „An den Tag der Zusage kann ich mich noch sehr genau erinnern“, sagt er und lächelt.

Jeder Umstieg mit den Öffentlichen birgt Probleme

Erst stieg er zur Zwischenmiete in einer Wohnung am Gleisdreieck ab, die Bekannte ihm vermittelt hatten. Dann ging er wieder drei Monate lang auf die Suche – in Friedrichshain-Kreuzberg, einem der beliebtesten Bezirke Berlins. Ein anderer Bezirk kommt für Hemme eigentlich nicht in Frage, denn sein Arbeitsplatz liegt in der Nähe, und er muss nicht aufwendig umsteigen, wenn er mit den Öffentlichen unterwegs ist. Ein extrem wichtiger Faktor für Menschen im Rollstuhl, denn jeder Umstieg birgt die Gefahr, an einem kaputten Aufzug hängenzubleiben und sich zu verspäten.

Schließlich sagte Hemme bei einer Wohnung zu, die eigentlich überhaupt nicht für ihn taugt: Statt der nötigen drei hat sie nur zwei Zimmer. „Meine Assistenten müssen also auf der Couch schlafen. Das geht eigentlich gar nicht“, sagt Hemme. Eine Trennwand im Bad musste er entfernen lassen, damit er mit dem Rollstuhl überhaupt hineinpasst. Und die Wohnung ist mit 53 Quadratmetern einfach zu klein für Hemme und seinen Assistenten.

Der Sozialgipfel

Der Sozialgipfel: Das zehnte Treffen befasst sich vor allem mit dem Thema Wohnen im Alter und Wohnen mit Handicap. Teuilnehmer sind Betroffene, Experten aus Politik, Verwaltung und Wohnungsunternehmen, AWO, DGB, Sozialverband Berlin-Brandenburg und VDK.

Zeit und Ort: Der zehnte Sozialgipfel findet am Montag, 18. November, von 16.30 bis 19.30 Uhr, im Haus der IG Metall an der Alte Jakobstr. 149, 10969 Berlin statt. Schon jetzt kann man sich sich online anmelden auf der Homepage www.berliner-sozialgipfel.de

Höhepunkte: Um 16.45 Uhr spricht die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Christine Braunert-Rümenapf zu inklusiver Wohnpolitik. Um 18.30 Uhr beantwortet die Berliner Bausenatorin Katrin Lompscher die Frage: „Was macht der Senat?“

Seine Hilfsgeräte, wie ein Schieberollstuhl und ein Hubarm für Treppenstufen, stehen in seinem engen Flur und müssen immer wieder umgeräumt  werden. Trotz all dieser Nachteile sagt Hemme über seine Wohnung: „Ein Glücksfall. Mit Sozialhilfe hätte ich die nicht gekriegt.“

Berlin bräuchte rund 6500 Sozialwohnungen mehr

„Gnadenlos“ nennt Reiner Wild vom Mieterverein die Konkurrenz für Haushalte „mit besonderen Bedarfen“ bei der Wohnungssuche in Berlin. Diese Menschen blieben häufig chancenlos. „Daran hat sich kaum etwas geändert.“ Zwar seien seit 2016 bis zum Halbjahr 2019 rund 40.000 neue Wohnungen in Berlin fertiggestellt worden. Doch die meisten dieser Wohnungen seien Eigentumswohnungen oder hochpreisig – und deswegen für Menschen mit besonderen Bedarfen „letztendlich ohne Interesse“.

Seit 2016 seien lediglich 3500 Sozialwohnungen fertiggestellt worden. Viel zu wenig, sagt Wild. Er geht davon aus, dass Berlin aktuell rund 10.000 bräuchte. Rein rechnerisch haben die städtischen Wohnungsbauunternehmen ihre Quote an Wohnungen für Haushalte mit besonderen Bedarfen zwar  übererfüllt, sagt Wild, aber es reicht immer noch nicht.

In Berlin leben 631.000 Menschen mit Behinderung

Auch private Investoren müssten sich deutlicher im sozialen Wohnungsbau engagieren, wenn es auf diesem speziellen Wohnungsmarkt-Segment tatsächlich so etwas wie eine Entlastung geben soll. Doch die privaten „sind nicht bereit zu Kooperationen“, so Wild.

Dabei trifft es so viele. Allein 631.000 Menschen mit Behinderung leben in Berlin – das sind 18 Prozent der Bevölkerung. Ursula Engelen-Kefer vom Behinderten- und Sozialverband SoVD hat ganz konkrete Forderungen für diese große Gruppe: Ein zentrales Register zum Beispiel, das alle geeigneten Wohnungen für Menschen mit Behinderung auflistet. „Wir brauchen einen Überblick, wie es in den einzelnen Bezirken überhaupt mit barrierefreien Wohnungen aussieht.“  

Rechte von Mietern neu regeln

Bei Neubauten sollten außerdem unbedingt Sachverständige für barrierefreies Bauen an Planung und Prüfung beteiligt sein. Die Architektenkammer bilde entsprechende Experten schon aus. Außerdem fordert Engelen-Kefer eine Bundesratsinitiative, die Rechte und Pflichten von Mietern mit Einschränkungen neu regelt. Zum Beispiel, dass Menschen, die eine Wohnung barrierefrei umbauen müssen, sie beim Auszug nicht auf eigene Kosten wieder zurückbauen müssen.

Wichtige Maßnahmen, die Lars Hemme  erst einmal nicht weiter helfen. Er ist schon wieder auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Oder immer noch, denn eigentlich beobachtet er den Wohnungsmarkt seit dem ersten Tag, als er in seine jetzige Wohnung einzog.