Wie es läuft? „Inzwischen sehr gut“, sagt Markus Gildner. So gut sogar, dass die Flüchtlinge früher als geplant in seine Objekte im fränkischen Eckental in der Nähe von Erlangen einziehen können. Anfang Dezember sollen 60 Asylsuchende in sechs eigens dafür gebauten Reihenhäusern unterkommen. Gerade sind die Handwerker beim Innenausbau, draußen wird der Außenputz aufgetragen. Farbig sogar.

Doch Gildner ist weder städtischer Beamter, noch barmherziger Samariter. Er ist Geschäftsmann, Bau- und Immobilienbranche. Und er scheut sich nicht, von einer „Flüchtlingsindustrie“ zu sprechen, die in Deutschland entstehe und mit Traumrenditen von 20 Prozent pro Jahr locke. „Das zieht auch unseriöse Glücksritter an“, sagt Gildner. Er habe selbst gesehen, wen die Gemeinden angesichts des Mangels an Notunterkünften zu Betreibern von Asylheimen machen: „Leute, die vorher Autos verkauft haben, und jetzt aufs schnelle Geld hoffen.“

Langfristiger Vertrag mit dem Land

Der Andrang der Flüchtlinge schafft Mangel allerorts: von Unterkünften bis zu deren Ausstattung – und einen ganz legalen Markt, der von der Überforderung der Landkreise profitiert. Da gibt es mehr oder weniger solvente Unternehmer, die Schrott-Immobilien kauften und sie nun zu Wucherpreisen an die Kreise vermieten. Und es gibt Firmen, die einen Heimbetreiber-Vertrag ergattern – und bald pleitegehen, weil sie die Kosten unterschätzen. Irgendwo dazwischen scheint sich die Firma Princess of Finkenwerder bewegt zu haben, die behauptete, mit dem Schauspieler Til Schweiger ein Asylheim im Harz eröffnen zu wollen. Die Behörden vor Ort haben das laut NDR inzwischen abgelehnt.

Der Unternehmer Markus Gildner will mit seinem Reihenhausprojekt, das er The People’s Project nennt, beweisen, dass es anders geht: Für zwei Millionen Euro kaufte er das Grundstück und baute die Häuser. Der Bezirk ging im Auftrag des Landes Bayern einen Mietvertrag über mehrere Jahre mit ihm ein, um Flüchtlinge dezentral unterzubringen. Den Reibach werde er damit nicht machen, sagt Gildner. Zwar zahle der Bezirk neben der ortsüblichen Miete einen Aufschlag, aber durch die höhere Fluktuation sei der Verschleiß deutlich größer. Ihm gehe es darum zu zeigen, dass er als Immobilienentwickler Häuser bauen könne, die die hohe Nachfrage nach günstigem Wohnraum bedienen und doch Qualität bieten.

Den Vorwurf, ein Geschäftemacher der Asylindustrie zu sein, hat Gildner dennoch gehört. Auch andere Unternehmen sehen sich damit konfrontiert. „Im Moment ist der Mangel an Wohnraum für Flüchtlinge bundesweit so groß“, sagt der Vizechef von Pro Asyl, Bernd Mesovic, „dass die Landkreise froh über jeden privaten Anbieter sind.“ Längst hört man, dass die Behörden in ihrer Not auf die gesetzlich vorgeschriebenen Ausschreibungen verzichten und potenzielle Anbieter direkt anrufen – seien es Hersteller von Wohncontainern, die knapp sind und inzwischen in aller Welt eingekauft werden; seien es Besitzer von Immobilien wie leerstehenden Pensionen oder Fabrikhallen. Über Preise wird kurz und unbürokratisch verhandelt. „Aus den 90er-Jahren weiß man, dass dadurch schnell ein korrupter Markt werden kann“, sagt Mesovic von Pro Asyl. Langfristig müsse deshalb ein neues Programm für sozialen Wohnungsbau aufgelegt werden. Kurzfristig sollten die Kommunen die Niedrigzinsen nutzen und ihre Wohnungsgenossenschaft selbst zum Bau oder Kauf von Immobilien einsetzen.

SIM-Karten und Geldtransfers

Derzeit profitieren aber noch andere von den wachsenden Flüchtlingszahlen – im Gegensatz zu den kriminellen Schleusern ganz legal. Dabei sind die findigen Firmen, die sich auf den akuten Bedarf einstellen, noch die kleinen Fische. Der britische Telefonkonzern Lycamobile empfängt die Ankommenden schon an den EU-Außengrenzen mit Gratis-SIM-Karten. Die Flüchtlinge sind unterwegs auf Telefon und Internet angewiesen, die Gebühren fließen an Lycamobile. Auch Finanzdienstleister wie Western Union profitieren. Sie bieten die Möglichkeit, sich ohne Bankkonto Geld für die Flucht nachschicken zu lassen, gegen Gebühren von zehn Prozent aufwärts.

Brisanter ist, dass etliche Bundesländer den Betrieb von Asylheimen in Privathand geben. Denn wo die Landkreise noch ganz normal anmieten können, zahlen sie wie beim fränkischen People's Project ortsübliche Preise. In vielen Fällen werden auch Beherbergungsverträge mit Privatfirmen eingegangen. Sie versprechen den Unternehmern Kopfpauschalen, die je nach Region zwischen sechs und 30 Euro pro Flüchtling schwanken können. Da die Verträge öffentlich ausgeschrieben werden müssen, erhält dabei aber meist der billigste Anbieter den Zuschlag. Weil der auch bei niedrigen Pauschalen verdienen muss, spart er oft, wo er kann: am Essen, den Gebäuden, der Sicherheit.

Wozu fehlendes oder schlechtes Wachpersonal führen kann, wurde vorigen Herbst bekannt: Fotos zeigten Wachmänner, die in nordrhein-westfälischen Heimen in Burbach und Essen Flüchtlinge misshandelten. Beide Unterkünfte wurden von European Homecare betrieben. Die Essener Firma ist der Marktführer, versorgt nach eigenen Angaben 5000 Asylbewerber in bundesweit 50 Heimen und macht Millionen. Bereits von 2012 auf 2013 stieg ihr Umsatz um 72 Prozent auf rund 16,7 Millionen Euro, der Gewinn verdoppelte sich auf mehr als 1,4 Millionen Euro. Die neuesten Zahlen dürften noch besser ausfallen: Die Firma bekam auch nach dem Folter-Skandal weitere Aufträge.