Bauern auf den Barrikaden: „Hinter diesen Protesten steckt pure Panik“

Der niederländische Autor Geert Mak über die Bauernproteste, die verkannte Rolle der Banken im Agrarsystem und die Sendung „Bauer sucht Frau“.

Bauernprotest in Zaandam nahe Amsterdam.
Bauernprotest in Zaandam nahe Amsterdam.AP/Peter Dejong

Geert Mak, 75, wirkt angesichts der Sommerhitze noch recht entspannt. „Mein altes Pfarrhaus hat dicke Wände, noch ist es kühl“, sagt der niederländische Schriftsteller. Er lebt abwechselnd in Amsterdam und Jorwerd, einem Dorf in Friesland. In seinem Buch „Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa“ hat er den Wandel der Landwirtschaft nach 1945 beschrieben, der in weniger als zwei Generationen viele Traditionen hinwegfegte. Ein Interview über die Bauernproteste in den Niederlanden, Gegensätze zwischen Stadt und Land und Europa in schwierigen Zeiten.

Herr Mak, in den Niederlanden machen die Bauern gegen Pläne der Regierung mobil, den Stickstoffeintrag durch die Landwirtschaft zu verringern, ein Drittel der Höfe steht vor dem Aus. Wie hat sich die ländliche Welt verändert?

In den Niederlanden haben sich die größten Umwälzungen nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem flachen Land vollzogen. Das begann in den 1950er-Jahren mit dem Aufkommen des Traktors. Hier in Jorwerd wohnten damals knapp 600 Menschen, die Landwirtschaft brauchte zu jener Zeit enorm viele Arbeitskräfte. Das hat sich durch die Mechanisierung der Landwirtschaft radikal geändert. Heute lebt hier noch knapp die Hälfte. Die Niederlande sind sicherlich ein Vorreiter bei der industrialisierten Landwirtschaft. Das lässt sich in Jorwerd sehr gut beobachten.

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Zur Person
Der Niederländer Geert Mak, 75, begann seine Karriere als Journalist. Seine Bücher spiegeln die Vielfalt der Geschichte wieder.
In „Das Jahrhundert meines Vaters“ schildert er den Niedergang des niederländischen Kolonialreichs anhand der Geschichte seiner eigenen Familie. In „Wie Gott verschwand aus Jorwerd“ beschreibt er den Niedergang eines friesischen Dorfes.
Sein jüngstes auf Deutsch erschienenes Buch „Große Erwartungen“ fasst die europäischen Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre zusammen.

Inwiefern?

Die Produktion ist wahnsinnig groß, aber die Bauern sitzen einsam auf ihren Hightech-Maschinen. Die Landwirtschaft von heute ist extrem kapitalintensiv. In früheren Zeiten hielten Bauern nicht viel vom Schuldenmachen. Ein kluger Bauer sorgte früher für Vorräte für schlechte Zeiten und hortete seine Ersparnisse – am besten unter dem Kopfkissen. Aber Schulden machen? Das war verpönt. Das hat sich verändert. Die meisten Bauern hier nahmen die ersten Kredite in den 50er-Jahren auf für ihren ersten Traktor. Heute sitzen sie auf Millionenschulden. Die Landwirte sind nicht mehr nur abhängig vom Wetter. Sie sind abhängig von den Preisen auf dem Weltmarkt. Und von den Banken – hier in den Niederlanden namentlich von der Rabobank. Das erzeugt enorm viel Druck. Hinter diesen Protesten steckt vor allem Panik, pure Panik.

Landwirtschaft in den Niederlanden: zu viele Betriebe auf zu engem Raum

Die Regierung will den Stickstoffeintrag der Landwirtschaft bis 2030 halbieren, der Viehbestand soll um 30 Prozent runter. Hat Sie das Ausmaß des Protests überrascht?

Eigentlich nicht. Hier im Dorf sieht man überall die Zeichen des Protests: die umgedrehte niederländische Flagge. Insofern hat mich weniger der Widerstand der Bauern erstaunt als das Vorgehen der niederländischen Regierung. Wer ein Drehbuch schreiben möchte „Wie schüre ich Aufruhr im Land“, der sollte ungefähr so vorgehen wie die Regierung von Premier Mark Rutte und eine ohnehin nervöse Bevölkerungsgruppe durch schlechte Kommunikation des eigenen Vorhabens noch weiter verunsichern. Es reicht nicht, einfach eine Karte vorzulegen, auf der rot und tiefrot Gebiete mit hoher Stickstoffbelastung eingezeichnet sind, in denen Landwirtschaft künftig nicht mehr möglich sein soll. Das erzeugt nur Panik und Wut.

Was hätte die Regierung besser machen können?

Die Niederlande sind mit Malta das am dichtesten besiedelte Land in der EU und zugleich einer der größten Agrarexporteure der Welt. Viele intensive Betriebe auf zu engem Raum – das geht auf Dauer nicht gut. Dieses Dilemma hätte die Regierung klarmachen müssen. Aber statt Lösungen aufzuzeigen von nachhaltiger Landwirtschaft, über Bio-Höfe bis zu kleineren konventionellen Betrieben – selbst ein Verkauf des Hofes kann für einige eine Befreiung sein –, hat die Regierung bislang nur ein grobes Schema vorgelegt.

Was sollte sie tun?

Wie beim Hochwasserschutz nach der Flutkatastrophe von 1953 brauchen wir jetzt eine Art Delta-Plan für die Landwirtschaft. Das wird Zeit brauchen und Geld. Die Regierung hat auch schon 26 Milliarden Euro zugesagt. Wenn man für die Mehrheit der Landwirte Perspektiven aufzeigt, verändert das gleich die ganze Atmosphäre. Klar ist aber auch: Nicht jeder Hof wird überleben.

Die Demonstranten sind auffallend jung, sie tragen gerne Botten, also Holzpantinen. Geht es hier auch um einen Aufstand von Land gegen Stadt?

Die Sendung „Bauer sucht Frau“ ist in den Niederlanden enorm beliebt. Ein netter Landwirt oder eine liebe Landwirtin suchen da einen Partner. Diese Höfe gibt es. Viele Bauern hier wirtschaften vielleicht nicht nachhaltig, aber doch verantwortungsvoll, schließlich bewirtschaften sie Land, das sie geerbt haben und auch noch ihre Kinder ernähren soll. Aber wenn Demonstranten jetzt ein kleines Kalb am Seil halten, dann ist das auch eine romantische Verklärung der landwirtschaftlichen Realität. Wir erleben längst eine Agrar-Industrie mit riesigen Schweinemastbetrieben und Hühnerfarmen, die allein für den Export produzieren und Umweltprobleme erzeugen. Das gehört zur Wahrheit dazu.

Wie sehr umtreibt Sie, dass der Protest nach rechts kippen könnte?

Da mischen sich jetzt Corona-Leugner unter die Demonstranten. Auch überraschend viele Lastwagenfahrer. Der Rechtsextreme Thierry Baudet versucht ebenfalls, bei den Protesten anzudocken. Aber man kann sich sicher sein: Der ist so elitär, der hat noch nie einen Stall betreten.

Aber schon ein Blick auf die einheitlichen Protestplakate zeigt: Das ist gut organisiert. Mehr noch als von rechten Gruppen wird der Protest von anderen instrumentalisiert: der Futtermittelindustrie und den Banken.

Die haben bei einer Umstellung der Landwirtschaft am meisten zu verlieren.

Wie meinen Sie das?

Ähnlich wie die deutschen und französischen Großbanken im Fall von Griechenland hat die Rabobank viele Bauern in den Niederlanden in ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis gebracht. Die Rabobank hat das System über Jahrzehnte auf ungesunde Weise vollgepumpt mit zu viel Geld. Da geht es für einzelne Höfe um Millionenkredite mit einer Laufzeit von 30 bis 40 Jahren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Bauer hier im Dorf wollte einen neuen Kuhstall für 100 Tiere, die Bank machte Druck und beharrte auf einem Unterstand für 150 Tiere. So geht das Spiel. Immer noch eine Nummer größer, immer noch ein höherer Kredit. Wenn die Regierung jetzt Landwirten anbietet, den Hof aufzukaufen, geht das Geld vielfach direkt weiter an die Rabobank. Im Kern ist es wie bei Griechenland: Am Ende werden mit den staatlichen Geldern Banken gerettet.

Beobachten Sie ein Umdenken?

Schon. Eine Freundin von mir hat viel mit jungen Landwirten zu tun, oft haben die Agrarwissenschaften studiert. Die wollen die Betriebe ihrer Eltern übernehmen, aber nur wenn das zukunftsfähig ist. Dazu gehört eine gesunde Umwelt. Vor allem aber keine jahrzehntelange Abhängigkeit von Krediten. Das sind Unternehmer. Die sind nicht bereit, noch mal Millionen in ein Geschäftsmodell zu stecken, das längst überholt ist.

Der Politologe Ivan Krastev unterscheidet zwischen den Anywheres, die sich überall auf der Welt bewegen, und den Somewheres, die aus dem Dorf kaum rauskommen …

Ich lebe in Amsterdam in der Stadt und hier in Jorwerd auf dem Land. Der Protest hat sicherlich etwas mit der Abgehobenheit von Politik zu tun. Und auch etwas mit schlechter Kommunikation. Aber: Es gibt in der Stadt arme Menschen, die aus ihrem Viertel nicht rauskommen. Und es gibt auf dem Land Agrarunternehmer, die weltweit operieren. Einer Illusion sollten wir uns nicht hingeben: der des sehr einfachen Bauern. Mein Nachbar ist Landwirt hier, und er betreibt noch einen Hof in Tansania. Die Niederlande importieren Hunderttausende Kälber jedes Jahr – vor allem aus Osteuropa – und verkaufen das Fleisch später weiter in die ganze Welt. Viele Landwirte sind heute Global Player.

Bleiben wir bei den globalen Entwicklungen. Sie sind ein großer Chronist der europäischen Nachkriegsgeschichte. Wie schauen Sie auf den Krieg in der Ukraine?

Der 24. Februar dieses Jahres war das Ende der europäischen Friedensordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert worden ist. Ein recht erfolgreiches System von Absprachen, Verträgen und Gleichgewicht, das selbst zu Sowjetzeiten funktionierte. Dieses System von gegenseitigem Vertrauen ist vorbei. Insofern gefällt mir der Ausdruck Zeitenwende, den Bundeskanzler Olaf Scholz gebrauchte.

Andere im Ausland schauen kritischer auf die deutsche Debatte. Wie erleben Sie die Diskussion?

Wenn Sie mich auf den Brief einiger Intellektueller ansprechen und die Forderung, in der derzeitigen Situation mit Wladimir Putin zu verhandeln, muss ich sagen: In welcher Welt leben die Unterzeichner dieses Briefs eigentlich?! Deutschland hat eine eigene pazifistische Tradition, die auch aus dem Schuldbewusstsein aus dem Zweiten Weltkrieg resultiert. Historische Verantwortung endet nicht, wohl aber ändert sich die Antwort auf die Frage, was aus dieser Verantwortung folgt. Auf brutale Gewalt kann nur eine harte Reaktion erfolgen. Putin darf diesen Krieg nicht gewinnen.

Und wie haben Sie die Reaktion der Bundesregierung wahrgenommen?

Die neue Regierung muss sich finden. Als Historiker weiß ich: Mit Blick auf die deutsche Frage hatte die Bundesrepublik stets im Hinterkopf, man muss mit Russland irgendwie im Gespräch bleiben. Das war während der deutschen Teilung richtig. Und auch nach dem Fall der Berliner Mauer. Deutschland hat sich sehr bemüht, Russland in eine Friedensordnung einzubinden. Spätestens nach 2012 war das schwierig, als Putin sich mehr und mehr zu einem Autokraten entwickelte. Nach der Annexion der Krim 2014 war das überholt. Nord Stream 2 hätte nie fertiggestellt werden dürfen. Aber auch die Niederlande nahmen von dem Projekt viel zu spät Abstand.

Hierzulande wurde lange eine Debatte über eine postheroische Gesellschaft geführt. Nun erleben wir junge Ukrainer, die aus Westeuropa freiwillig in ihr Land zurückkehren, um es zu verteidigen. Wie erleben Sie diese Debatte?

Wolodymyr Selenskyj ist mit Sicherheit ein Held. Auch wenn er nicht heilig ist. Aber man sollte mit dem Begriff Heroismus vorsichtig sein. Mir ist der Begriff zu emotional. Heldentum ist reine Emotion oder, um es mit einem deutschen Begriff zu belegen: reine Gesinnungspolitik. Aus purer Gesinnung lässt sich keine gute Politik machen. Es geht auch um Verantwortung. Aber um nicht missverstanden zu werden: Putin führt einen abscheulichen Krieg. Er darf diese Auseinandersetzung absolut nicht gewinnen. Sonst setzt er seine aggressive Politik weiter fort.