Anfang des Jahres sollte die BBC noch umgekrempelt werden.
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LondonWenige Wochen ist es her, dass die größte Rundfunkanstalt der Welt noch um ihre Zukunft fürchten musste. Boris Johnsons Tories hatten Großbritanniens „alter Tante“ den Kampf angesagt.

Unter anderem wollte sich Johnsons Regierung dafür rächen, dass die BBC zu Brexit-Zeiten nicht gehorsam dem Zug der Brexiteers gefolgt war, sondern sich auf Neutralität versteift hatte und Brexit-Gegnern entsprechenden Platz einräumte. Dass sich Johnson unbequemen Interviews schlicht nicht stellen wollte, wurde von BBC-Leuten offen kritisiert.

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BBC in Frage gestellt

Das vergaben die Tories nicht. Sie hatten, aus politischen ebenso wie aus kommerziellen Gründen, die BBC schon lange im Visier. Und die Widerborstigkeit der Anstalt gab ihnen Gelegenheit, erstmals ernsthaft deren Status als öffentlich-rechtliche Institution in Frage zu stellen.

Im Februar ordnete die damalige Medienministerin Nicky Morgan eine Überprüfung der Frage an, ob man die Fernsehgebühren im Vereinigten Königreich abschaffen sollte – und ob die BBC sich künftig per Abonnement finanzieren sollte. Johnsons Chefstratege Dominic Cummings wurde noch deutlicher. Sunday-Times-Journalisten zitierten ihn mit den Worten, die BBC müsse „in die Pfanne gehauen“ werden. Das war gerade erst Mitte Februar.

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Experten gegen die Ungewissheit

Dann kam das Coronavirus. Und mit einem Mal fand sich Johnson auf die Hilfe der BBC angewiesen. An der Anstalt vorbei, entdeckte er, ließ sich nicht operieren. Entsprechende Versuche, auf andere Quellen auszuweichen, scheiterten kläglich. Schon zu Beginn der Krise wandten sich immer mehr Briten wieder der BBC zu.

Die alte Vertrauenswürdigkeit des Senders, dessen trotzig bewahrte Unabhängigkeit, das fundierte Urteil seiner Experten und die Bandbreite seiner Berichterstattung erwiesen sich als unverzichtbar. Die BBC-Webseite erwies sich einer ins Ungewisse stürzenden Bevölkerung als verlässlicher Halt. Allein der Nachrichtenkanal des BBC-Fernsehens meldet 70 Prozent mehr Zuschauer als zur gleichen Zeit im vorigen Jahr.

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Mit Hilfe aller Ressourcen

„Als der nationalen Rundfunkanstalt fällt der BBC in dieser Zeit nationalen Notstands eine besondere Rolle zu“, erklärt es BBC-Generaldirektor Sir Tony Hall in einem Ton, der an ferne Kriegszeiten erinnert. „Wir müssen alle zusammenhalten, um das durchzustehen.“

Je enger sich die Nation um die BBC schart, desto mehr fühlt sich die fast einhundertjährige Anstalt wieder an ihren ursprünglichen Auftrag erinnert. Mit allen Mitteln, mit Hilfe aller Kanäle, Stationen und Ressourcen, werde die BBC „ihren Beitrag leisten, um die Nation zu informieren, weiterzubilden und zu unterhalten“, hat Hall jetzt feierlich gelobt.

Kochtipps und Gartensendungen

In aller Eile wird das Programm entsprechend angepasst. Zusätzliche Schul- und Bildungsprogramme werden geboten, Sendungen für Kinder, Yoga- und Fitnessstunden mit prominenten Showleuten. Kochtipps mit bekannten Köchen gibt es, bunt garnierte Gartensendungen, Live-Auftritte von Popstars in ihren Wohnzimmern und „virtuelle Gottesdienste“ für Gläubige unterschiedlichster Konfession. Ein „Festival der Künste“ wird unterm Titel „Culture in Quarantine“ inszeniert.
Das gewaltige Archiv der Anstalt, mit all seinen Dokuserien und Spielfilmen, wird über den BBC iPlayer nach und nach geöffnet. Die Möglichkeit zur Realitätsflucht soll, BBC-Stimmen zufolge, nicht zuletzt der „psychischen Gesundheit“ der Nation dienen.

An Aufmunterung dürfte in den kommenden Wochen enormer Bedarf bestehen. Solange der Apparat nur am Laufen gehalten werden kann und genügend Mitarbeiter im weiteren Verlauf der Krise zur Verfügung stehen, übernimmt die Anstalt so in der Tat wieder eine Funktion, wie sie sie – via Radio und mit weit bescheideneren Mitteln – zu Weltkriegszeiten versah.

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Kündigung „aufgeschoben“

Die noch im Februar wegen Geldknappheit vorgesehene Kündigung von fast 500 Journalisten im Nachrichtenbereich ist jedenfalls von Sir Tony Hall erst einmal „aufgeschoben“ worden. An finanziellen Mitteln freilich fehlt es weiter. Von den konservativen Regierungen David Camerons, Theresa Mays und Boris Johnsons wurde die BBC seit 2010 um fast ein Drittel geschrumpft. Und während Johnson nun wieder über die „Beeb“ froh ist, hat er ihr bisher trotzdem keine zusätzlichen Ressourcen versprochen.