Berlin - Alexander Gauland ist hoch zufrieden.  Auf dem Rückweg vom Wahlkampf in Baden-Württemberg und Rheinland Pfalz nimmt der Brandenburger AfD-Chef die Ergebnisse der hessischen Kommunalwahlen zur Kenntnis. Bei gut 13 Prozent liegt seine Partei nach den ersten Auszählungen. Nein, so optimistisch sei auch er nicht gewesen, sagt der 75-Jährige dieser Zeitung. Umso mehr freue er sich, „dass viele Menschen die Politik von Angela Merkel bis oben satthaben und beginnen, sich zu wehren.“ An der CDU-Vorsitzenden hat der 75-jährige schon gelitten, als er noch Mitglied ihrer Partei war und  Anleitung „zum Konservativsein“ veröffentlichte.

Gaulands aktuelle Parteichefin Frauke Petry findet mit Blick nach Hessen, dass „die Macht der etablierten Parteien bröckelt“. Dort habe die AfD „nur geübt“, behauptet der Europaabgeordnete und Petry-Lebensgefährte Marcus Pretzell: „Nächste Woche wird die Überraschung noch größer sein.“ Dann sind Landtagswahlen in drei Bundesländern. Ein besonders enthusiastischer Fan auf Facebook sieht die AfD-Vorsitzende schon „als zukünftige Bundeskanzlerin. Eine Partei im Höhenrausch. Der alte Kämpe Gauland mahnt dagegen zur Vorsicht: „Bloß nicht übermütig zu werden“.

Um das genaue Ausmaß des rechtskonservativen Erfolgs zu ermessen, lohnt es sich auch, noch ein wenig zu warten. Denn das hessische Kommunalwahlrecht ist kompliziert. Zunächst werden nur alle Wahlzettel ausgezählt, auf denen einfach die komplette Liste einer Partei angekreuzt wurde. Die Wähler können aber variieren und sich für Kandidaten mehrerer Parteien entscheiden, oder einem einzigen mehrere Stimmen geben. Was dann herauskommen kann, zeigt das Ergebnis aus Bad Karlshafen.

Menetekel für die Wahl am Sonntag

In der nördlichsten Stadt des Landes habe die Partei mit 22,4 Prozent einen Rekord erzielt, hieß es gleich am Wahlabend. Am Montagmorgen teilte Bürgermeister Ullrich Otto mit, sie liege im amtlichen Endergebnis bei 14 Prozent. Aber zweistellig ist das immer noch. Und wenn nicht alles täuscht, dann liegt der kleine Kurort auch bei den Gründen im Zentrum dieses Wahltags. „Die Bundespolitik in der Flüchtlingskrise schlägt hier voll durch“, sagt der parteilose Bürgermeister. Im Zentrum von Bad Karlshafen mit knapp 3800 Einwohnern seien 240 Flüchtlinge untergebracht. Das sorge „bei einigen für Unmut“, der sich nun im Wahlergebnis zeige.

Fast überall liegt die Partei nach der ersten „Trendauszählung“ über zehn, oft sogar über 15 Prozent - zum Beispiel in der Landeshauptstadt Wiesbaden, die schwerlich als soziales Problemgebiet durchgeht. In der Uni-Stadt Darmstadt sind es  12 Prozent und in der Bankenmetropole Frankfurt gut zehn.  Dabei ist die Partei noch nicht einmal in allen Wahlkreisen angetreten.

Davon hat auch eine Partei profitiert, mit der die AfD nach offizieller Aussage nichts zu tun haben will: Die NPD. Sie erzielte im alten Industrieort Wetzlar 9,6 Prozent, in Altenstadt 10 und in Leun im Lahn-Dillkreis (5 800 Einwohner) über 11 Prozent.  In Sachsen-Anhalt will sich die NPD diese Nähe in der Wählerklientel  zunutze machen und fordert dazu auf, mit der ersten Stimme sich und mit der zweiten die NPD u wählen.  Die so hofierte Partei winkt ab. „Die AfD wird jedes Angebot dieser Partei ignorieren“, ihr Sprecher Christian Lüth.

Der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter sieht in dem Ergebnis ein „Menetekel“ für den dreifachen Wahltag am kommenden Sonntag, weil die AfD gezeigt habe, dass sie aus dem Stand zweistellig werden könne. Er spricht von einer „Protestwahl“ gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Die Rolle der Bundeskanzlerin sieht er dabei nicht viel anders als Alexander Gauland: „Der Merkel-Bonus ist in einem Merkel-Malus umgeschlagen.“ Durch ihre aufgescheuchten Reaktionen bestärken die übrigen Parteien nur diese Protesthaltung, weil sie sich getroffen zeigten. Dagegen helfe nur eine Politik, die den Flüchtlingsstrom zum Versiegen bringe  und eine offensive Auseinandersetzung mit der AfD.