Bei der Unterstützung der Ukraine geht es auch um Sicherheitsinteressen, nicht nur um Moral

Würden wir die Ukraine unterstützen, wenn wir wüssten, dass sie Kriegsverbrechen begeht? Machen wir uns keine Illusionen: Die Ukraine hat Probleme. Und trotzdem darf man sie unterstützen.

Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj berät mit Militärpersonal.
Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj berät mit Militärpersonal.Ukrainian Presidential Press Off

In der gleichen Woche, in der eine ganze Reihe deutscher Intellektueller den nächsten Aufruf zum Frieden auf die deutsche Öffentlichkeit und russische Artillerieeinheiten einen Marschflugkörper auf ein Einkaufszentrum in Saporischschja losließen, sammelte ein versprengter Haufen polnischer Linker, einige davon bis dahin Pazifisten, 2,5 Millionen Euro, um der ukrainischen Armee in der Türkei eine weitere Bayraktar-Kampfdrohne zu kaufen. Zuvor hatten das bereits Bürger Litauens getan, in Rekordzeit, was den Hersteller so beeindruckte, dass er eine zweite Drohne gratis in die Ukraine schickte. Buy one, get one free. Da wollten auch die Polen nicht hintanstehen, immerhin hat Polen fast 18-mal so viel Einwohner wie das kleine Litauen.

Ob der linke Friedensappell aus Deutschland in der Ukraine und Russland den erhofften Eindruck gemacht hat, ist nicht überliefert. Die Kämpfe jedenfalls dauern an, und auch der Aufruf des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, den Konflikt jetzt sofort „einzufrieren“, hat daran nichts geändert. Die Temperaturen sind zurzeit einfach nicht danach, und so ein Krieg ist kein Fußballerbein, das man einfach nach einem Zusammenstoß mit einem gegnerischen Bein vereisen kann.

Die türkische Kampfdrohne hat dagegen immer Eindruck gemacht, besonders auf russische Kampfpanzer, die bei einer Konfrontation kurze, aber intensive Schmelzprozesse durchlaufen und danach in der Regel zur weiteren Verwendung nicht mehr geeignet sind. Das ist noch nicht Frieden schaffen ohne Waffen, aber immerhin sorgt es dafür, dass die Zahl der Angriffswaffen etwas reduziert wird.

Sind Crowdfunder genauso Mörder wie Soldaten?

Nun ist auch in Polen bei Weitem nicht jeder glücklich über diese Bayraktar-Anschaffungsaktion. Einer meiner Journalistenkollegen schrieb vor wenigen Tagen einen verquasten Kommentar darüber, warum er sich vorkomme wie ein Mörder, wenn er sich daran beteilige. Es gab dann eine heftige, nicht immer sachliche Diskussion darüber, ob es denn wirklich moralisch sei, dem Rüstungsbetrieb einer menschenverachtenden Autokratie (der Türkei) zu zusätzlichen Einnahmen und kostenloser Reklame zu verhelfen, um der Rüstung einer anderen menschenverachtenden Autokratie (Russland) Schaden zuzufügen.

Immerhin unterstützt die Türkei in Syrien menschenverachtende Islamisten, die gegen die Truppen des menschenverachtenden syrischen Diktators Baschar al- Assad kämpfen.

Denjenigen, die das problematisch finden, kam dann diese Woche noch US-Präsident Joe Biden zu Hilfe, indem er dem saudischen Kronprinzen Mohammed Bin-Salman – auch ein menschenverachtender Autokrat – die Hand schüttelte bzw. ihn auf die Faust boxte, damit dieser ihn nicht mit dem Coronavirus ansteckte. Nicht nur Joe Biden muss dieser Tage eine Menge Kröten schlucken, die er in den letzten Jahren durch übermäßige Moralisierung der internationalen Beziehungen angehäuft hat.

Zwei Wochen vorher schlossen die Regierungen von Finnland und Schweden einen Kompromiss mit dem türkischen Präsidenten (bekanntermaßen ein menschenverachtender Autokrat), der ein wenig zulasten des schwedischen und finnischen Rechtsstaats, zum größten Teil aber auf Kosten von Kurden geht, denen es gelungen ist, aus der Türkei zu fliehen und in Schweden und Finnland Unterschlupf zu finden. Die werden jetzt genauer überwacht und unter Umständen sogar ausgeliefert. Um die von Erdogan aufgehäuften Hürden beim Beitritt beider Länder zur Nato beiseitezuräumen, haben zwei demokratische Regierungen einen Handel mit einem menschenverachtenden Despoten zulasten von dessen Opfern abgeschlossen. Es ist nicht überliefert, ob den beiden Regierungschefs diese Kröte im Halse stecken geblieben ist.

Dieser Krieg ist nicht moralisch

Nein, das alles ist nicht moralisch, aber dennoch versuchen alle Beteiligten, es als moralisch zu verkaufen. Die Unterstützung für die Ukraine ist moralisch geboten, denn der russische Angriffskrieg darf nicht von Erfolg gekrönt sein. Den Satz wiederholen in Deutschland alle in schöner Harmonie, von der Linken über die Tagesschau bis zu Olaf Scholz. In Deutschland streitet man sich noch darüber, wer genau in welcher Reihenfolge diesen Krieg nicht verlieren bzw. nicht gewinnen darf, aber sicherheitshalber nicht darüber, was das genau bedeutet.

Aber daran, dass die Ukraine sich zu Recht verteidigt und unsere Unterstützung verdient, zweifeln nicht einmal mehr die Linke und die AfD. Die ukrainische Regierung selbst hat den Krieg zu einem Kampf zwischen Gut und Böse stilisiert – das ist verständlich, denn zu Anfang hatte sie dem Angriff außer Moral nicht viel entgegenzusetzen. In EU und Nato und darüber hinaus auch bei Abstimmungen in der UN dient die moralische Keule dazu, neutrale und weit entfernte Länder auf die eigene Seite zu ziehen. Deshalb behaupten russische Diplomaten, ihre Regierung habe die Ukraine einfach angreifen müssen, um nicht umgekehrt von ihr (und der Nato) angegriffen zu werden. Und Joe Biden, Emanuel Macron, Boris Johnson und Olaf Scholz verkünden, der Ukraine beizustehen, sei eine moralische Verpflichtung, weil sie grundlos angegriffen wurde.

Und genau hier ist die Grube, die sie sich damit selbst graben.

Denn dieser Krieg ist gar nicht moralischer als andere Kriege, die gleichzeitig stattfinden oder in letzter Zeit stattgefunden haben und in denen weder Deutschland noch die Nato noch die EU so eindeutig Partei ergriffen haben wie in der Ukraine. Man könnte die Aufzählung mit dem Hinweis auf Syrien beginnen, das von der russischen Armee genauso in Schutt und Asche gebombt wurde wie Mariupol, ohne dass das eine Kaskade von Sanktionen, Waffenlieferungen an Assads Gegner und die unbürokratische Aufnahme von Millionen syrischer Flüchtlinge in Europa zur Folge gehabt hätte. Im Gegenteil: Viele der Syrer trauen ihren Augen nicht, wenn sie sehen, wie die Ukrainer auf den Arbeitsmarkt strömen, während sie selbst noch in monate- und jahrelangen Verfahren vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stecken.

Afghanistan, Jemen, Venezuela

Man könnte sich fragen, ob es moralisch war, vor zwanzig Jahren die Taliban zu stürzen und in Kabul ein westliches Marionettenregime einzurichten und am Leben zu halten, nachdem Al Kaida bereits zerschlagen und in alle Winde zerstreut war. Aus der Sicht der Frauen und Kinder, die in dieser Zeit zur Schule gehen konnten, und der ethnischen Minderheiten, die in dieser Zeit vor den Taliban geschützt waren, war es sicher moralisch. Doch wie moralisch war es dann, das Land so überstürzt und chaotisch zu verlassen und so viele Anhänger und Unterstützer der westlichen Lebensweise zurückzulassen?

Während Joe Biden des saudischen Kronprinzen Faust boxte, führte Saudi-Arabien im Jemen einen menschenverachtenden Stellvertreterkrieg gegen Rebellen, die von dem ebenfalls menschenverachtenden Regime der iranischen Mullahs unterstützt werden. Dem werden jetzt durch den Anstieg der Getreide- und Ölpreise noch mehr Zivilisten zum Opfer fallen als bisher. Über humanitäre Korridore, die unbürokratische Aufnahme von jemenitischen Flüchtlingen in der EU oder die Unterstützung einer weniger menschenverachtenden Kriegspartei durch die EU ist bisher nichts bekannt geworden. Dafür sind andere zuständig. Und immerhin unterstützt Saudi-Arabien ja die offiziellen Machthaber des Jemen, also eine legale Regierung und nicht irgendwelche dahergelaufenen Rebellen.

Um Tichanowskaja ist es still geworden

Vor einer gefühlten Ewigkeit hat sich die EU tatsächlich dazu aufgerappelt, moralisch Partei zu ergreifen in einem relativ simplen Konflikt: Zusammen mit den USA entzog sie dem venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro die Anerkennung und anerkannte stattdessen den Parlamentspräsidenten und Oppositionsführer Juan Guaidó. Das war kein wirklich guter Schachzug, denn Guaidó verlor den Machtkampf, Maduro regiert immer noch und kann nun dazu beitragen, den Ölpreis zu senken, wenn er – mit technologischer Hilfe aus dem Westen – die Ölförderung ankurbelt.

Das hätte auch den leicht unmoralischen Nebeneffekt, dass ein Autokrat, der sein Land ruiniert und Millionen seiner Bürger als Flüchtlinge in die Nachbarländer getrieben hat, dann durch westliche Politik wieder an mehr Deviseneinkünfte käme, mit denen er nach Belieben entweder Stimmen kaufen oder diejenigen, die ihm die Stange gehalten haben, belohnen kann.

Aber man muss gar nicht nach Lateinamerika sehen: 2020 geschah das Gleiche in Belarus. Nach heftigen Wahlfälschungen und noch heftigeren Protesten erkannte die EU die Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja als Präsidentin der Republik Belarus an. Sie wurde zur Publikumsheldin, westliche Politiker ließen sich gerne mit ihr ablichten, Illustrierte feierten sie als Ikone des Widerstands. Nur, der Widerstand in Belarus, der verschwand in den Gefängnissen, Lukaschenko regierte weiter und tut nun das, was er in drei Jahrzehnten menschenverachtender Despotie gelernt hat: Er balanciert zwischen Russland und dem Westen, damit beide ihn für unersetzlich halten.

Um Tichanowskaja ist es still geworden. Sie hat keinen Einfluss darauf, ob belarussische Soldaten in der Ukraine einmarschieren oder Belarus nur sein Territorium der russischen Armee zur Verfügung stellt, um ukrainische Städte zu bombardieren. Tichanowskaja ist das Menetekel an Selenskyjs Wand für das, was passiert, wenn man keine Armee hat: Man verschwindet dann aus den Schlagzeilen, wird übergangen und kann sich höchstens noch einem linken deutschen Friedensappell anschließen.

Ukrainische Wahlkämpfe und Kriegsverbrechen

Nein, das alles ist überhaupt nicht moralisch. Und der Versuch, die russische Invasion in der Ukraine als Kampf zwischen Gut und Böse hinzustellen, wird sich schon bald gegen diejenigen wenden, die das tun. Es kann sogar sein, dass Russland und die Ukraine – jeder auf seine Weise – dafür sorgen werden, dass westlichen Politikern und Kommentatoren die Lust am Moralisieren bald vergeht.

Es ist nur eine Frage der Zeit, dass auch ukrainische und nicht nur russische Kriegsverbrechen in westlichen Medien zum Thema werden. Das liegt nicht daran, dass ukrainische Soldaten besonders menschenverachtend sind, sondern schlicht daran, dass sie Menschen sind. Es hat bisher noch keinen Krieg gegeben, in dem nur eine Seite Verbrechen begangen hat.

Auch die Ukraine hat in den letzten acht Jahren zivile Gebäude im Donbass bombardiert, ukrainische Soldaten haben Russen misshandelt, die sich bereits ergeben hatten, und der ukrainische Geheimdienst hat im Donbass nach OSCE-Angaben Gefangene gefoltert. Das erscheint trivial im Vergleich zu russischen Flächenbombardements in Mariupol, Massengräbern in Kiewer Vororten und dem Einsatz von Phosphorbomben.

Das Problem damit ist nur, dass westliche Medien und die öffentliche Meinung in Westeuropa und den USA nicht sorgsam abwägen, bevor sie ihr Urteil sprechen. Und die Politiker werden auch nicht vor die Kameras treten und zur Mäßigung aufrufen. Für einen Umschwung in der öffentlichen Meinung genügt ein spektakuläres Verbrechen mit entsprechender Medienaufmerksamkeit in einer Situation, in der viele sich fragen, ob die Kollateralschäden der Sanktionen für sie selbst und den Rest der Welt nicht bereits das Erträgliche übersteigen.

Wenn dann ein Vorwand auftaucht, die Ukraine von jenem moral highground zu stoßen, den Selenskyj so geschickt für seine Diplomatie nutzt, ist es vorbei mit dem guten Willen, Opfer zu bringen für die Ukraine. Dieses Risiko ist auch deshalb so groß, weil die Erwartungshaltung gegenüber den beiden Kriegsgegnern so unterschiedlich ist.

Niemand erwartet von Russland noch Gutes

Als Irak und Iran aufeinander losgingen und ersterer sogar Giftgas gegen kurdische Siedlungen einsetzte, da war die Erwartungshaltung, mit der die europäische Öffentlichkeit das verfolgte, ziemlich symmetrisch: Zwei menschenverachtende Regime gingen aufeinander los und begingen dabei menschenverachtende Verbrechen.

Menschenverachtende Regime, die weit weg von Europa Krieg führen, können die Erwartungen der Europäer eigentlich nicht enttäuschen – sie benehmen sich so, wie die europäische Öffentlichkeit das von ihnen erwartet. Das gilt jetzt auch für Russland. Seit dem Einmarsch in der Ukraine hat sich in der deutschen Öffentlichkeit ein seltsamer Wandel vollzogen. Die Russlandversteher und Friedensfreunde, die bis zum 24. Februar 2022 eine Invasion für unmöglich gehalten haben, weil „die Russen“, „Russland“ oder Putin so etwas einfach nicht tun, warnen nun plötzlich bei jeder Gelegenheit vor dem, wozu diese Russen angeblich alles fähig sind, nämlich Massenvernichtungswaffen einzusetzen – und das nicht nur gegen die Ukraine, sondern womöglich auch gegen Deutschland.

In dieser Hinsicht hat die russische Propaganda in Deutschland wirklich nichts mehr zu gewinnen: Alle halten Russland nun für zu allem fähig, und niemand wird mehr überrascht oder empört sein, wenn Putin auch nur einen Teil dessen verbricht, wovor sich alle so fürchten. Mit der Ukraine ist es genau umgekehrt. Sie ist das unschuldige Opfer der russischen Aggression, und Opfer – das wissen wir aus den unzähligen deutsch-israelischen und deutsch-jüdischen Debatten um das Palästinenserproblem –haben in Deutschland die moralische Verpflichtung, unschuldig und edel zu sein.

Von ihnen erwartet man, dass sie durch ihre Opfererfahrung geradezu zwangsweise zu besseren Menschen werden. Das steht zwar in einem gewissen Spannungsverhältnis zu Erkenntnissen der Psychologie, denen zufolge geprügelte Kinder in ihrem späteren Leben als Eltern überdurchschnittlich häufig selbst mit einem Gürtel über ihren Nachwuchs herfallen, aber wie gesagt: In ihren kollektiven Urteilen treiben die öffentliche Meinung nun einmal Herz und Bauch mehr an als der Verstand. Und deshalb darf sich die Ukraine auch nicht den geringsten Verstoß gegen die Werte erlauben, in deren Namen wir sie in diesem Krieg unterstützen. So gesehen, wiegt selbst ein relativ kleines ukrainisches Kriegsverbrechen ein Vielfaches eines großen russischen. Man nennt das die Amoralität niedriger Erwartungen. Und was die Ukraine angeht, ist das noch lange nicht alles.

Bei der Wahl ist mit Niederschlägen zu rechnen

In anderthalb Jahren sind in der Ukraine nämlich Präsidentschaftswahlen und im gleichen Jahr auch noch Parlamentswahlen. Die Ukraine ist eine Präsidialdemokratie, ähnlich wie die USA oder Frankreich. Der Präsident ernennt die Regierung, muss sich aber für die Gesetzgebung eine Mehrheit organisieren, so wie gerade in Frankreich, nur hoffentlich besser. Jetzt, im Kriegszustand, hat der Präsident mehr Macht als üblich, aber auch sonst ist das eine Menge, etwa wie ein Bundeskanzler, nur in einem weniger dezentralisierten Land als der Bundesrepublik.

Es wird also um die Wurst gehen 2024, besonders da Wolodymyr Selenskyj bisher die Angewohnheit hatte, sich unnötig Feinde zu machen, zum Beispiel dadurch, dass er seinen Vorgänger durch die Justiz verfolgen ließ. Nun werden die Medien nationalisiert, die Geheimdienste und der Justizapparat gesäubert. Hinzu kommt, dass Präsidentschaftswahlkämpfe in der Ukraine immer schon sehr spektakulär waren. Es kam vor, dass sich die Abgeordneten gegenseitig mit Fäusten bearbeiteten und im Plenum Massenschlägereien stattfanden. Es ist wie so oft in den Parlamenten östlich der Oder: Die Auseinandersetzungen sind ungezügelt und spektakulär, aber was danach kommt, wird meist auch nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Bisher hat das in Deutschland kaum jemanden interessiert, sieht man einmal von den Euromaidan-Protesten und den Schießereien vor dem Präsidentenpalast 2014 ab. Das dürfte sich mit dem ukrainischen Superwahljahr 2024 gewaltig ändern. Dann werden Dutzende, wenn nicht Hunderte westlicher Journalisten in Richtung Kiew aufbrechen, voll bepackt mit Dossiers, in denen schon fast alles steht, was sie in Kiew erst noch erleben wollen, und gnadenlos ihren westeuropäisch-liberaldemokratischen Wertekatalog an die blutigen Intrigen, Diadochenkämpfe unter Oligarchen, den Einsatz „administrativer Ressourcen“ (so nennt man es, wenn ein Präsident die Macht des Staatsapparats für seinen eigenen Wahlsieg einsetzt) und die Rechtsbeugungen bei der Stimmabgabe und der Auszählung der Stimmen anwenden.

Steilvorlage für Wahlbetrüger

In früheren Wahlkämpfen gab es auch schon einmal den einen oder anderen Toten, es wurden Umfrageergebnisse und sogar ganze Umfrageinstitute gefälscht und Parteien aus dem Boden gestampft, mit deren Hilfe der amtierende Präsident (damals war das Leonid Kutschma) das Lager seines aussichtsreichsten Mitbewerbers spalten wollte. 2000 floh dann ein ehemaliger ukrainischer Geheimagent in die Slowakei und erzählte den Medien dort, Kutschma habe die Ermordung des oppositionellen Journalisten Georgij Gongadze, dessen kopflose Leiche kurz zuvor gefunden worden war, persönlich angeordnet.

Er präsentierte sogar eine entsprechende Tonaufnahme. Kutschmas Nachfolger Viktor Juschtschenko wurde im Wahlkampf vergiftet, sein Nachfolger Viktor Janukowitsch ließ seine Widersacherin Julia Timoschenko als politische Gefangene hinter Gittern fast verhungern, bevor er dann vor dem Euromaidan nach Russland floh.

Die Chancen stehen gut, dass es 2024 noch nervenaufreibender wird als bisher. Schon allein die Durchführung von Wahlen während eines Krieges ist ein logistischer Albtraum: Über zehn Millionen Ukrainer leben im Moment an Orten, an denen sie nicht gemeldet sind, über drei Millionen davon sind im Ausland, in Ländern, in denen es oft nur ein einziges Konsulat gibt. Die wenigsten dieser potenziellen Wähler verfügen über gültige und fälschungssichere Ausweispapiere, denn viele sind geflohen mit dem, was sie gerade in Reichweite hatten: Personalausweisen, Führerscheinen, sogenannten Binnenreisepässen, die handgeschrieben und im Ausland ungültig sind.

Über eine Million ukrainischer Flüchtlinge in Polen hat nur eine Registrierungsnummer, die zwar zu Sozialleistungen, legaler Arbeit und Arztbesuchen berechtigt, die aber von den ukrainischen Behörden nicht mit dem ukrainischen Wahlregister abgeglichen werden kann. Das ist eine Steilvorlage für Wahlbetrüger, aber auch für abgeschlagene Kandidaten und deren findige Anwälte, die das Wahlergebnis anschließend anfechten werden. Man darf davon ausgehen, dass auch Russland seinen Beitrag leisten wird, die Wahlen zum Entgleisen zu bringen. Nichts würde der Propagandalüge vom angeblichen Naziregime in Kiew mehr Auftrieb geben als ein umstrittenes Wahlergebnis, das monatelang die Gerichte beschäftigt und von einem Teil der internationalen Gemeinschaft anerkannt und von einem anderen Teil abgelehnt wird – besonders wenn es dann auch noch Demonstrationen und Zusammenstöße in Kiew gibt.

Sicherheitsinteressen statt Moral

Wer dann der Frage aus dem Weg gehen will, warum wir in Westeuropa frieren, in eine Rezession schlittern, uns in Brüssel über Gasquoten zerstreiten und die eigentlich zahlungsunfähige Ukraine mit Milliardenkrediten und Haubitzen-Lieferungen unterstützen, obwohl das doch auch nur ein weiterer instabiler und zerstrittener Oligarchenstaat ist, der sollte jetzt schon aufhören, moralisch zu argumentieren.

Klar, das Angebot, auf der Seite des Guten gegen das Böse zu kämpfen, ist durchaus geeignet, auch eigentlich Uninteressierte auf unsere Seite zu holen. Die Behauptung, in der Ukraine würden weniger europäische Werte als vielmehr europäische Interessen verteidigt, hilft, Länder bei der Stange zu halten, deren Interessen etwas anders gelagert sind: Portugal, Spanien, Italien etwa. Die bekommen nun eine hohe Inflation, kleinere Sozialhaushalte, niedrigere Renten und teureres Gas und Öl, obwohl Putins Armee sie nicht bedroht. Und doch geht ein Riss durch Nato und EU, man kann ihn sehen, wenn man die militärischen Lieferungen an die Ukraine am Bruttoinlandsprodukt misst. Dann stehen, olympisch gesprochen, all jene Länder ganz oben auf dem Treppchen, die an Russland grenzen, während diejenigen, die weit weg von Russland sind, sich nicht einmal für eine Medaille qualifiziert haben.

Und Deutschland sitzt irgendwo dazwischen und weiß nicht, wie ihm geschieht. Denn einerseits ist es ja vor dem Hintergrund der bei dieser Gelegenheit immer beschworenen deutschen Geschichte (für Ortsfremde: gemeint ist das Dritte Reich) etwas seltsam, so einfach und unverblümt mit deutschen Sicherheitsinteressen zu argumentieren. Da ist es doch um ein Vielfaches angenehmer, für das Gute und gegen das Böse zu kämpfen, auch wenn man das gewissermaßen die ukrainischen Soldaten für sich tun lässt.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob am Hindukusch wirklich die Sicherheit der Bundesrepublik verteidigt wurde, und wie es jetzt, nach dem Sieg der Taliban, um diese Sicherheit bestellt ist. Schwer, die Absichten der Taliban zu durchschauen, zumal sie sie im Moment selbst nicht so richtig zu kennen scheinen. Aber ein jeder weiß, selbst wenn sie die Ansicht haben, die Bundesrepublik zu überfallen, so dürften sie selbst für die abgerüstete und klein gesparte Bundeswehr kaum ein ernstzunehmender Gegner sein.

Das ist auch in etwa der Einsatz, um den es in der Ukraine geht, jenseits aller Debatten um europäische Werte und Recht und Moral. Es ist etwas schwer unter einen Hut zu bringen, weshalb Wladimir Putin einerseits so ruchlos sein soll, Atombomben auf Berlin zu werfen, andererseits aber darauf verzichten würde, Polen und die baltischen Staaten zu überfallen, wenn er dazu militärisch die Möglichkeit bekommt.

Diesen Widerspruch kann man auf zweierlei Weise auflösen: Man kann entweder davon ausgehen, dass Putin etwas so Böses nie tun würde – dann muss man sich über Atombomben und die Eroberung von Deutschlands Nachbarn keine Gedanken mehr machen. Es bleibt dann nur das Paradox, dass Putin ja gerade etwas dermaßen Böses in der Ukraine tut, obwohl ihm dazu ja eigentlich die Veranlagung fehlt. Oder man löst das Problem, indem man versucht, dafür zu sorgen, dass Putin, egal was seine Absichten sind, sie nicht mehr umsetzen kann. Dann wäre es, ähnlich wie bei den Taliban, egal, ob er gute oder böse Absichten hat, denn er kann sie sowieso nicht verwirklichen.

In diesem Fall würden die Westeuropäer dann die Ukraine unterstützen, weil deren Kampf sie diesem Ziel jeden Tag etwas näherbringt, und das, obwohl sie selbst dafür weder kämpfen noch sterben (wohl aber vielleicht etwas darben und frieren) müssten. Für die Balten und Polen bedeutet das, dass sie die Ukraine unterstützen, damit sie nicht selbst zu Putins nächstem Ziel werden, für Deutschland heißt das, die Ukraine zu unterstützen, damit in ein paar Jahren keine russischen Panzer an der Oder und keine zwanzig Millionen polnischer Flüchtlinge in Brandenburg stehen.

Das erklärt auch, warum selbst polnische Linke und gerade erst konvertierte Pazifisten für eine Bayraktar-Drohne Geld sammeln, warum die Litauer die notwendige Summe schon vor Wochen zusammenhatten, und warum es ihnen, den Polen und den Litauern, dabei vollkommen egal ist, dass dieses Geld die Rüstungsindustrie eines menschenverachtenden Autokraten in der Türkei stützt. Es erklärt, warum es eine solche Sammlung in Deutschland wohl erst geben wird, wenn russische Panzer den ersten Windradpark in Vorpommern plattfahren. Und auch, warum linke deutsche Intellektuelle lieber Friedensappelle verfassen, als sich für Bayraktar-Crowdfunding zu engagieren.

Wer von den beiden, die deutschen oder die polnischen linken Intellektuellen, nun die Moral auf seiner Seite hat, weiß ich auch nicht. Aber da ich in Warschau am östlichen Weichselufer lebe und, wie weiland Bert Brecht so adrett und unintellektuell verkündete, das Fressen vor der Moral kommt, habe ich auch erst einmal auf das Konto für die polnische Drohne eingezahlt. Ich hoffe jetzt auf das Verständnis meiner kurdischen und erdogankritischen Freunde in der Türkei.

Klaus Bachmann ist Politikwissenschaftler, Historiker, Publizist und Professor für Sozialwissenschaften an der SWPS University in Warschau.

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