BerlinSeit Beginn der Corona-Krise warnt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller eindringlich vor den Folgen der Pandemie für die Ärmsten der Armen. „An den Folgen der Pandemie sterben mehr Menschen als am Virus selbst“, sagt der CSU-Politiker. Bei der Impfstoffverteilung fordert er internationale Solidarität – und die Beteiligung von Konzernen wie Amazon und Google.

Herr Minister, am Donnerstag wird dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen der Friedensnobelpreis verliehen. Ist dieser Preis angesichts der Tatsache, dass die UN das in der Agenda 2030 festgeschriebene Ziel, den weltweiten Hunger bis zum Jahr 2030 zu besiegen, vermutlich verfehlen wird, mehr als nur Symbolik?

Gerd Müller: Der Friedensnobelpreis ist vor allem Anerkennung für die vielen Organisationen und Hilfswerke, die sich unter schwierigsten Bedingungen in Flüchtlingscamps und Krisenregionen gegen Hunger und Armut einsetzen. Gleichzeitig ist er Weckruf, dass wir nicht nachlassen dürfen. Die Zahl der Hungernden konnte seit 1990 um 200 Millionen verringert werden, obwohl zwei Milliarden Menschen neu auf die Welt gekommen sind. Aber in den letzten vier Jahren nimmt die Zahl der Hungernden wieder zu. Die Corona-Pandemie verschärft die Situation jetzt dramatisch.

Sie haben schon zu Beginn der Corona-Krise vor den wirtschaftlichen Folgen in Entwicklungsländern gewarnt – sind Ihre Befürchtungen eingetreten?

Ja. Covid-19 ist längst zu einer Polypandemie geworden, einer Mehrfachkrise. Zusätzliche 130 Millionen Menschen fallen in diesem Jahr in Hunger und Armut zurück. Das sind mehr als die Bevölkerung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz zusammen. Versorgungs- und Lieferketten sind zusammengebrochen. Bauern können ihre Ernten nicht einholen, Millionen sind arbeitslos – ohne soziale Grundsicherung. An diesen Folgen der Pandemie sterben mehr Menschen als am Virus selbst.

Gerade in Subsahara-Afrika hat das Virus weniger Tote gefordert, als zunächst befürchtet. Wie steht es um andere arme Länder?

Es stimmt, in Afrika sind die Todesfälle nicht so dramatisch wie befürchtet. Ein Grund ist die sehr junge Bevölkerung, im Schnitt 20 Jahre. In Teilen Lateinamerikas und Asiens sind die Sterbezahlen dagegen sehr hoch. In Indien haben sich neun Millionen Menschen infiziert. Grenzschließungen und die Unterbrechung der Lieferketten – auch für Medikamente – haben hier katastrophale Konsequenzen. Deswegen brauchen diese Länder unsere Unterstützung. Deutschland geht hier mit einem weltweiten Corona-Sofortprogramm voran.

Auch beim Impfstoff ist von internationaler Solidarität die Rede. Der Westen sichert sich aber Impfstoffe. Wie wird sichergestellt, dass es überhaupt genügend Impfstoffdosen für die Entwicklungsländer gibt?

Es ist nachvollziehbar, dass jedes Land zuerst an seine Bürgerinnen und Bürger denkt. Trotzdem muss die Pandemie weltweit bekämpft werden. Sonst kommt sie in Wellen zurück – auch zu uns. Deswegen darf gerade beim Impfen die internationale Solidarität nicht auf der Strecke bleiben. Die EU hat sich beim deutschen Unternehmen Biontech und bei Pfizer bis zu 300 Millionen Impfdosen gesichert. Jetzt muss Brüssel ein Signal geben, dass auch Menschen in ärmeren Ländern so bald wie möglich geimpft werden.

Die Impfstoffe müssen gekühlt werden, wie soll die Verteilung logistisch ablaufen?

Zum Glück fangen wir nicht bei null an und können auf jahrelange Erfahrung beim Kampf gegen Polio und andere Krankheiten aufbauen. Die Impfallianz Gavi hat Versorgungs- und Kühlketten bis in entlegenste Dörfer aufgebaut. Diese Strukturen nutzen wir jetzt für Covid-19-Impfungen. Für den Kauf von Impfdosen haben wir zusätzlich 100 Millionen Euro bereitgestellt, damit unterstützen wir die Verteilung von Corona-Impfstoffen in 92 Entwicklungsländern.

Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Zur Person

Gerd Müller wurde 1955 in Krumbach/Schwaben geboren. Der Wirtschaftspädagoge war Mitglied des Europaparlaments und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundeslandwirtschaftsministerium. Seit 2013 ist Müller Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen kritisiert, die internationale Impfplattform Covax, über die die Verteilung organisiert wird, sei unterfinanziert. Reicht das Geld?

Bislang nicht. Die Impfprogramme für Entwicklungsländer sind massiv unterfinanziert. Um dort im nächsten Jahr eine Milliarde Menschen zu impfen, sind nach UN-Angaben 30 Milliarden Euro nötig. Da klafft noch eine riesige Lücke. Deutschland leistet seinen Beitrag. Aber wir brauchen eine gemeinsame Anstrengung. Alle Industriestaaten, auch die USA und China, sollten sich an der Finanzierung beteiligen. Genauso Privatunternehmen, die in der Corona-Krise besonders profitieren. Ich denke an Konzerne wie Amazon, Google, Facebook oder Apple und andere. Sie machen hohe Milliardengewinne in der Krise, zahlen aber fast keine Steuern in Europa. Ich fände es angemessen, wenn sie sich an der Bewältigung der Krise beteiligen und Covax mitfinanzieren.

Risikogruppen und medizinisches Personal sollen hierzulande zuerst geimpft werden, danach der Rest der Bevölkerung. Ziel sind 60 Prozent, sodass eine sogenannte Herdenimmunität entsteht. Wäre es im Sinne der globalen Solidarität nicht sinnvoll, dass, bevor in den Industrienationen auch weniger gefährdete Menschen die Impfung bekommen, zunächst Risikogruppen oder medizinisches Personal in Entwicklungsländern geimpft werden?

Wir müssen sicherstellen, dass auch medizinisches Personal und Risikogruppen in ärmeren Staaten schnell an eine Impfung kommen. Wir können nicht abwarten, bis die westliche Bevölkerung komplett durchgeimpft ist. Die EU sollte dazu rechtsverbindliche Abkommen mit Entwicklungsländern für die Belieferung mit Impfstoffen schließen.

Das Gespräch führte Tanja Brandes.