Ein Fischadler im Biosphäreservat Schorfheide
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BerlinIm Februar 1990 war die ostdeutsche Wende endgültig auch im bayerischen Landtag in München angekommen. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Der Besucher, der in dem engen Büro der Pressestelle der Grünen-Fraktion stand, kam direkt aus Ost-Berlin. In die Pressestelle war er zum Warten gebracht worden. Während er geduldig auf und ab wanderte, bemühte sich eine Fraktionsmitarbeiterin, einen geeigneten Gesprächspartner für ihn zu finden. „Wer ist denn das?“, fragte ein anderer. „Ich kenn den auch nicht“, gab sie zurück. „Der sitzt in Ost-Berlin am runden Tisch. Er heißt Matthias Platzeck.“

Dreißig Jahre später steht Matthias Platzeck wieder an einem runden Tisch, diesmal aber im Foyer des Umweltministeriums. Die Jeans und den bunten Pullover von damals hat er längst gegen Anzug und Krawatte getauscht. Aus dem Fremden in München ist mittlerweile ein Zeitzeuge geworden. Ein Zeitzeuge für die Erfolge der Einheit auch beim Umweltschutz.

Umweltministerin Svenja Schulze hat dafür eine Menge Zahlen parat, durchaus eindrucksvolle übrigens. Denn trotz der Minischritte beim Abwenden der Klimakatastrophe hat der Umweltschutz in den Deutschland ja auch erfolgreiche Kapitel. Vor allem aber waren die Umweltprobleme in Ost und West im geteilten Deutschland durchaus ähnlich. Luftverschmutzung in industriellen Ballungsgebieten gab es auf beiden Seiten, ebenso verseuchte Flüsse und Böden. An der Grenze bei Helmstedt und Salzgitter gab es sogar einen unterirdisch verbundenen Salzstock zwischen Morsleben im Osten und der „Asse“ im Westen. Dort lagerten beide Seiten ihren Atommüll. Grenzunterschreitend gewissermaßen.

Ein Umweltministerium gab es im Westen allerdings erst 1986, nach dem GAU von Tschernobyl. Die DDR hatte schon 1972 einen Umweltminister. Nicht, dass er nennenswerte Erfolge hatte. Umweltdaten waren geheim und das Gesetz zur Geheimhaltung von Umweltdaten war wiederum selbst geheim. So kann man es im Schwerpunktheft des Umweltbundesamtes (UBA) zum Thema nachlesen. „Umweltschutz braucht Demokratie“, folgert UBA-Präsident Dirk Messner daraus.

Die Umweltaktivisten der Achtzigerjahre waren es jedenfalls, die die Wende in der DDR maßgeblich mit voranbrachten. „Die Umweltbewegung war neben den Friedens- und Menschenrechtsgruppen eine starke Säule der DDR-Bürgerbewegung“, sagt Matthias Platzeck. „Man brauchte einfach solche Typen wie Michael Succow, Matthias Freude, Leb­recht Je­schke und Hans Dieter Knapp mit ihrem ungestümen, fachlichen DDR-Gestaltungswillen.“ Diese vier Namen sind vor allem mit dem Nationalparkprogramm der DDR verbunden – und dem letzten Beschluss, den die frei gewählte und letzte Regierung der DDR gefasst hat. So wurde das DDR-Nationalparkprogramm verabschiedet, das mit der Einführung von Biosphärenreservaten eine neue Qualität von Naturparks vorsah, die es so in Westdeutschland noch gar nicht gab.

Platzeck sagt heute, dass er sich 1990 bei den westdeutschen Umweltaktivisten ganz gut aufgenommen fühlte. Kulturell betrachtet seien die DDR-Naturschützer vielleicht ein bisschen weniger konfrontativ eingestellt gewesen. „Wir haben immer versucht, mit dem Gegenüber erst einmal zu reden, um zu sehen, ob man etwas verhandeln kann“, sagte er am Montag. Im bayerischen Landtag haben sie ihn damals übrigens auch nicht lange warten lassen.