Nach der Explosion liegen immer noch Trümmer auf den Straßen von Beirut in Libanon.
Foto: AFP/Patrick Baz

Berlin/BeirutMarwan Tahtah wurde 1981 in Beirut geboren. Er arbeitet als Kunst- und Pressefotograf, etwa für die Al-Akhbar-Zeitung in Beirut. Er hat die Explosion miterlebt. Wir erreichen ihn über Telefon.

Herr Tahtah, wie geht es Ihnen?

Marwan Tahtah: Bis jetzt ganz gut. Ich bin gerade zu Hause, in Aschrafiyya, einem Stadtteil in Beirut im Osten der Stadt. Der Hafen, wo die Explosion passiert ist, ist nur zwei Kilometer entfernt. Meiner Familie geht es gut. Wir haben ein paar kleinere Schäden am Haus. Die Fenster sind durch die Explosion zerstört worden.

Die meisten Quellen sagen, dass es ein Unfall war. 

Die Regierung sagt, Ammoniumnitrat sei explodiert. Aber die Beiruter erzählen sich viele Geschichten. Aber das sind nur Gerüchte. Wir wissen noch immer nicht genau, was passiert ist.

Wie geht es den Menschen?

Die Menschen, die nahe am Hafen wohnen, hat es am schlimmsten erwischt. 140 Menschen sind tot, mehr als 5000 verletzt. In der Nähe des Hafens gibt es viele Bars und Restaurants. Da sind viele Häuser und Wohnungen. In Beirut sind wir an Explosionen gewöhnt. Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Es war schrecklich. In den ersten zehn Minuten wussten wir nicht einmal, wo die Explosion passiert ist. Es herrschte pures Chaos. Ich habe die Kamera in die Hand genommen und bin auf die Straße gegangen. Überall waren Verletzte, ich sah Glassplitter. Ich habe mein Motorrad genommen und bin zum Place Sassine gefahren. Erst nach 15 Minuten habe ich verstanden, dass die Explosion am Hafen passiert ist. Dann bin ich dorthin gefahren. 

Was haben Sie da erlebt?

Ich war in der Nähe der Elektrizitätszentrale, Electricité du Liban. Menschen lagen auf der Straße. Sie brauchten Hilfe. Es waren nicht genügend Helfer da. Es gab sehr viele Verletzte. Ein Verletzter schaute mich an und bat mich, bei ihm zu bleiben. Ich legte meine Kamera weg. Der Mann blutete. Ich wusste nicht, ob er stirbt oder nicht. Er sagte, dass ich ihm etwas unter den Kopf legen soll. Das tat ich dann auch. Dann lief ich durch die Straßen, suchte nach Helfern und fand endlich einen Sanitäter. Alle waren überfordert. Viele Menschen sind gestorben, auf den Straßen, in ihren Autos. Wenn man heute durch das Zentrum der Stadt läuft, sieht man überall noch Müll und Glassplitter. Viele Fenster und Türen wurden zerstört. 

Der Libanon geht durch eine schlimme Krise. Die Staatsschulden wachsen, manche Menschen können sich keine Nahrung leisten. 

Ja, wir sind inmitten einer großen Wirtschaftskrise. Dazu kommt noch das Coronavirus. Vor einer Woche ist es richtig schlimm geworden. Wir haben 5000 neue Corona-Fälle, die Krankenhäuser sind überfordert, dann noch diese Wirtschaftskrise. Seit Oktober 2019 gibt es große Proteste in der Stadt wegen all der Probleme im Land. Es gibt keine Hoffnung mehr. Es ist schrecklich. Den meisten Menschen geht es schlecht. 

Wen machen Sie verantwortlich?

Die Regierung, das korrupte System. Seit 30 Jahren ist das System korrupt. Seit dem Bürgerkrieg, der 1990 endete, verrottet das ganze politische System. Das sieht man selbst jetzt nach der Explosion. Die Regierung reagiert mit Nichtstun. Sie versteckt sich. Die Menschen werden sich selbst überlassen. Klar, die Armee wurde zu Hilfe geschickt. Aber die ganze Wirtschaftskrise? Die Regierung hat sie zu verschulden. Sie scheren sich nicht um das Volk. Sie scheren sich nicht um die Libanesen.

Wie geht es Ihnen persönlich?

Ich bin ein Fotograf, es geht mir okay. Es gibt viele Familien, denen es schlechter geht. In den vergangenen neun Monaten haben viele Menschen ihre Arbeit verloren. Unsere Währung verliert an Wert. Ich habe Freunde, die im Kulturbereich arbeiten – viele von ihnen haben ihre Jobs verloren. Die Situation ist aussichtslos. Und jetzt diese Explosion. Was soll ich sagen? Für mich ist das das Ende dieses Landes! Wirklich ... das Ende. Ich weiß nicht, wie viele Menschen gestorben sind. Es sind sicher noch mehr Menschen gestorben, als die Zahlen heute verraten. 

Womit sind die Proteste im Oktober 2019 gestartet?

Die Regierung hat eine Telefonsteuer erhoben (eine tägliche Gebühr von 0,20 Dollar auf die Nutzung von Kommunikationsdiensten wie WhatsApp, Anm d. Red.). Das war der Auslöser. Am 17. Oktober 2019 gingen die Menschen auf die Straße, und dann gingen die Proteste während der Corona-Krise weiter.

Gibt es Nahrungsmittel in den Supermärkten?

Ja, aber die Nahrungsmittel werden immer teurer. Es herrscht eine große Inflation. Grundnahrungsmittel sind sehr teuer, selbst Mehl kostet viel Geld. Seit drei Monate wird es jeden Tag teurer.

Beirut war ein Kunstzentrum der arabischen Welt. Gibt es noch ein Kulturleben?

Ich kenne viele Künstler. Die arbeiten alle nicht. Ein Freund von mir, der ist Regisseur. Er sitzt zu Hause und kann nichts tun. Die Galerien sind geschlossen. Wie soll man Kunst machen, wenn das eigene Land zugrunde geht? Das funktioniert nicht. Wir schauen in eine düstere Zukunft. Jeder, der kann, flieht: nach Kanada oder Dubai. Es ist sehr schwer. Die Kunstszene ist tot. Dieses Land ist tot. 

Marwan Tahtahs Website lautet: https://marwantahtah.viewbook.com/